The Photobook - A History

Der Moment, in dem eine Passion aufzukeimen beginnt, verlangt in der persönlichen Rückschau oftmals danach, präzise erfasst zu werden. An welchem Tag hatte eigentlich die Leidenschaft begonnen? Bei welcher Gelegenheit wurde das Feuer endgültig entfacht? Und was war letztlich ausschlaggebend, damit es dauerhaft in einem brennen konnte?

 

Wer das Vergnügen hatte, Martin Parr im Rahmen der Vorstellungstournee für sein zweibändiges voluminöses Buchprojekt Photobook – A History zu erleben, die ihn in den letzten Jahren durch halb Europa führte, wird sich vermutlich noch an die Geschichte über jenen entscheidenden Moment erinnern, an dem sein Herz für das Medium Fotobuch zu schlagen begann. Nicht zufällig findet sie sich auch im Vorwort des ersten Bandes erwähnt. Es war im Jahr 1971, als sich dem jungen Mann am Manchester Polytechnicum urplötzlich die Gelegenheit bot, Robert Franks legendäres Fotobuch The Americans in der zweiten Auflage zu erwerben. „It was the first book I ever bought for myself.” Bei der Lektüre offenbarte sich das Fotobuch selbst als inspirierendes Lehrstück, so der Brite, das ihm erstmals die Augen für das wahre Potential der Fotografie öffnete. Auch wenn man geneigt sein kann, das rückblickend geschilderte Erweckungserlebnis des jungen Mannes als eine mythische Erzählung zu deuten, die in der Wirkung wohl kalkuliert daherkommt, zeigt sich in ihr doch recht symptomatisch die besondere Stellung, die das Fotobuch sowohl bei Fotografen als auch auf dem Kunstmarkt und in den Bildwissenschaften bis in unsere Tage hinein einnimmt. Denn im fast archetypischen Sinne erklärt Parrs Geschichte den kreativen Impuls von Sehen & Haben, der im ersten Bücherkauf das Initationsritual einer ganzen Fotografengeneration feiert und im Falle von Martin Parr zugleich eine Bewusstmachung mit weitreichenden Folgen markiert. Gleichwohl handelt es sich beim Sammeln zunächst um eine persönliche und zumeist einsame Angelegenheit, wie bereits Walter Benjamin erkannte. Er schrieb, dass für „den Sammler…, den Sammler wie er sein soll, der Besitz das allertiefste Verhältnis ist, das man zu Dingen überhaupt haben kann, nicht dass sie in ihm lebendig wären, er selber ist es, der in ihnen wohnt.“ Jeder obsessive Sammler wird diesen oftmals fatalen Psychologismus kennen, und auch jenes missionarische Moment, das untrennbar mit ihm verbunden ist. Als der renommierte Magnum-Fotograf, Kurator und Sammler sein Buchprojekt vorstellte, war denn auch einmal mehr von einer Story die Rede. Mit britischem Understatement bekundete Parr, er habe in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Gerry Badger eben mal seine Geschichte der Fotografie schreiben und die immense Bedeutung des Fotobuchs für das Bildmedium hervorheben wollen.

 

Textauszug
© Christoph Schaden, 2007

Text erschienen in:

Foam Album 07
Amsterdam 2007, o.S.
(englische Fassung)

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