Anorexia Nervosa Photonews

Das Auge hat schon verloren, bevor es aktiv wird. Denn Hingucken gilt nicht, Wegschauen erst recht nicht. Beide Reaktionen folgen dennoch, reflexartig, prompt. Und mit ihnen die widerstreitenden Empfindungen. Faszination und Abscheu. Mitleid und Ekel. Wut und Empörung. Erst zeitversetzt dringt ins Bewusstsein, was dem Auge da eigentlich zugetraut wird. Zumal das nicht der Ort ist, wo solcherlei Überrumpelungsversuche hingehören. Denn man befindet sich gerade auf der Straße, sitzt im Wartefoyer des Friseursalons oder verzehrt ein Käsebrot am Frühstückstisch.

 

Als stehendes Bild präsentiert sich visuelle Werbung gemeinhin auf Großflächenplakaten und in Magazinen. Wenn sich in ihr ein akutes Problem der Gesellschaft artikuliert, schafft eine Anzeige es in sehr seltenen Fällen bis auf die Titelseite einer Tageszeitung. Im Herbst dieses Jahres war es wieder soweit. Oliviero Toscani, der seit seinen Arbeiten für den Modekonzern Benetton als Meister des Tabubruchs gilt, hat mit seiner Werbekampagne „No.Anorexia“ einmal mehr die europäische Öffentlichkeit erreicht. Pünktlich zur Mailänder Modemesse zeigte er auf Großflächenplakaten und in Modemagazinen zwei Aufnahmen der magersüchtigen Schauspielerin Isabelle Caro, auf denen diese als weiblicher Akt posiert. Es handelt sich zugleich um eine Werbemaßnahme der venezianischen Modemarke „No-l-ita“, die mehr als fünf Millionen Euro gekostet haben soll. Wie ein brechtsches Lehrstück liest sich das Mediengewitter, das sich in Folge entlud und nicht nur für Marketingexperten und Medientheoretiker aufschlussreich ist. Um die Mechanismen dieser Hysterie zu begreifen, lohnt zunächst ein Blick zurück.

 

Textauszug © Christoph Schaden, 2007

 

Image: Anorexia Nervosa Photonews

© Kai-Uwe Gundlach

Text erschienen in:

Photonews
12/2007, S. 24-25

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