Die Einladungskarte

Fast hätten wir sie entsorgt, wie jedes Jahr. Zumal der Drang, zum Abschluss der Saison noch ein wenig „Tabula Rasa“ zu machen, um den Blick auf bevorstehende Kulturereignisse freizubekommen, sich in den letzten Jahren regelrecht in ein Ritual verwandelt hat. Wegschmeißen, tief durchatmen und nach vorne schauen, heißt die Handlungsabfolge. Dass sie überhaupt noch da waren, verdankt sich übrigens einem weiteren Ritual, konkret dem Sammeltrieb meines Bruders, der sie übers Jahr hinweg je nach Eingang in eine blaue Plastikkiste abzulegen pflegt. Einige wenige schmücken zwar zwischenzeitlich seinen Schreibtisch, doch der Großteil überdauert vergessen und wild geschichtet in dieser Zwischenablage. Wenn das Jahr zu Ende geht, ist die Kiste voll. Sie merken, ich spreche von Einladungskarten, von einem weitgehend unbeachtet gebliebenen Medium der Fotografie.

 

Der Griff in die blaue Kiste ist gemeinhin mit einer litaneiartigen Floskel verbunden. „Zur Eröffnung der Ausstellung am …laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein“, heißt es immer wieder. Eine Gebetsmühle, die seit Jahrzehnten auf eine allenfalls leicht variierte Sprachformel zurückgreift und gleichermaßen Funktion, Dilemma und Ästhetik der Einladungskarte auf den Punkt bringt. Denn der Verweischarakter ist so evident, dass im Kunstbetrieb und folglich auch in der Fotoszene mit diesem einzigen Satz alles gesagt scheint. Bei einer Einladungskarte handelt es sich ja zumeist um einen Lockvogel für jenes Ereignis, dem man den hässlichen Namen Vernissage gegeben hat. Man sollte an dieser Stelle einmal daran erinnern, dass der Begriff wahrscheinlich auf den Franzosen Martin Vernis zurückgeht, einem ausgewiesenen Spezialisten für die Nachahmung chinesischer Lacke, mit denen man im Paris des 18. Jahrhunderts Silber und Möbel aufpolieren konnte. Heutzutage wird die Politur durch die Limitierung des eingeladenen Personenkreises geleistet, der per se als elitär oder als „Inner Circle“ zu gelten hat. Einzelne Einladungskarten aus unserer blauen Kiste erinnern allerdings daran, dass die Kulturschaffenden im Zeitalter der Mediendemokratie, der Erlebnisgesellschaft und des Quotenrankings für Museen, wie es so schön im Dreiklang heißt, noch weitaus ausgefeiltere Strategien anwenden müssen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. „Erinnerst Du Dich noch an den Volksauflauf bei ClickDoubleClick? Oder an den unsäglichen Sardinenstau auf der letzten Paris Photo?“ Als glücklich konnten sich Anno 2006 diejenigen schätzen, die zum Diner danach eingeladen wurden. Für die wahre Avantgarde darf einmal mehr gelten: Der Code sozialer Differenzierung sucht sich seine Wege.

 

Textauszug

© Christoph Schaden, 2007

Image: Die Einladungskarte

Text erschienen in:

Photonews

2/2007, S. 3

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