Gerhard Kurtz. Haus, Weg, Baum

zeit ohne worte, raum ohne worte

es geht nicht um illustration, sondern um eine reflexionsbewegung, nicht um die interpretation von bildern, sondern um die schärfung, vielleicht auch die produktion eines blicks einer neuen aufmerksamkeit für all das, was in texten nicht stehen kann, eben weil die welt, was lange vergessen wurde, nicht aus texten besteht.

karl schlögel, im raume lesen wir die zeit

 

wenn es um etwas geht, dann jedenfalls nicht um worte. denn die bilder in diesem buch verlangen nicht danach, im gegenteil: ihnen mit worten und texten beikommen zu wollen, würde spürbar überwindung verlangen. was dabei genau überwunden werden müsste, wäre nicht leicht zu beantworten. ob es an dem umstand liegt, dass all dasjenige, was auf den bildern entgegentritt, so offenkundig vertraut erscheint. könnte es tatsächlich eine allzu große vertrautheit sein, die die worte verstummen lässt. es ist schon gesagt, scheint ein jedes detail zu signalisieren. mach dir nicht die mühe, mich zu benennen, scheint ein jedes ding zu flüstern, alles ist doch längst schon bezeichnet!

wenn alles bezeichnet sein würde, wäre die welt in worte gefasst und erschöpft. die bilder in diesem buch kämen dann vielleicht zeugnissen eines kraftakts gleich, der vonnöten wäre, um sie erneut anzuschauen. was es etwa konkret heißen würde, nach geraumer zeit endlich die haustür zu öffnen, hervorzutreten, den schritt nach draußen zu wagen, einen zaghaften blick hierhin, einen weiteren dorthin zu richten. enge würde das auge registrieren: einen winter, der schon alt wäre, die schneeflocken schon nass, keine einzige würde auf dem trottoir liegen bleiben. dann erste buchstaben: traumschiffclub. einmal in bewegung gesetzt, würde es einen massiven willen erfordern, den vertrauten bereich des wohnblocks hinter sich zu lassen. stetiges schritttempo, ab und an stehen geblieben, vielleicht umgeschaut. ein photo, wie zur vergewisserung. plötzlich, an der schwelle, würde man auf die bushaltestelle stoßen. ende des prologs.

hätte, wäre, könnte. die bilder in diesem buch aber sind wahr, sie sind entstanden zu einer bestimmten zeit, an einem bestimmten ort. noch vertrauen wir der photographie, dass es so und nicht anders gewesen ist, nicht irgendwann, nicht anderswo. noch folgen wir den bildern in diesem buch mit einem ungebrochenen vertrauen abseits der worte, um mit diesen zaghaften blicken an eine peripherie zu gelangen. die blicke in diesem buch sind denn auch resultate mehrerer begehungen, die all das, was zunächst fragmentiert erscheint, wieder behutsam zusammensetzen: annäherndes und entfernendes, naturhaftes und zivilisiertes, kommendes und vergehendes. dass nichts benannt und mit sinn versehen werden muss, ist tröstlich. zeit ohne worte, raum ohne worte. halb bewusst stoßen wir auf die unbeachtet gebliebenen dinge des wegs. pfützen. silos. der holunderstrauch blüht. ein kind bückt sich, auf dem straßenasphalt hat es etwas gefunden.

haus, weg, baum. drei worte hat gerhard kurtz seiner erkundung mitgegeben. er belässt sie klein geschrieben und gibt seiner bilderfolge die buchform des großen romans. wer nach handlung sucht, wird wohl in den visuellen erfahrungen fündig, die die dinge in uns hervorrufen. häuser, wege, bäume. um im raume die zeit zu lesen, sagt karl schlögel, benötige es im grunde nur einen einzigen gedanken: wir können nämlich ein angemessenes bild von der welt nur gewinnen, wenn wir beginnen, raum, zeit und handlung wieder zusammenzudenken.

die pfütze ist weniger geworden. das kind nimmt etwas vom spielplatz mit. wieder ein holunderstrauch, es ist derselbe. man solle vor holunder den hut abnehmen und vor wachholder die knie beugen, heißt es in einem sinnspruch. ein absurder gedanke. der sommer mag kommen.

Christoph Schaden, 2007

 

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