Wolfgang Zurborn. Dressur real

Dressur real


Von dem englischen Verleger Dewi Lewis stammt die treffende Bemerkung, daß es zwar viele Bücher gebe, in denen die Fotografie für illustrative Zwecke eingesetzt werde, aber nur sehr wenige, die sie zu ihrem eigenen Recht als Medium der visuellen Kommunikation kommen ließen. Zu diesen Veröffentlichungen, in denen die Sprache der Fotografie intelligent auf das Medium Buch übertragen wird, zählt Dressur real von Wolfgang Zurborn. Als erster Band der von Klaus Honnef herausgegebenen Edition Zeit Sprung im Verlag Strauss erschienen, überrascht der Bildessay des Kölner Fotografen durch seinen konventionelle Zeitgeisterwartungen durchkreuzenden Bildstil.

Dressur real spielt bereits im Titel auf die kollektive Domestizierung des zivilisierten Menschen an, soweit es seine visuelle Kompetenz betrifft. Als These bezieht der Begriff den sehenden Konsumenten des Buches zwar hintergründig mit ein, als Anleitung ist Dressur real indes eine Denk- und Wahrnehmungsfalle. So startet die Bilderfolge rechtsseitig mit der Aufnahme eines hohläugigen Plastikmonsters, dessen Blick – nach Bildkonventionen der Romantik – den Leser ins Buch und zugleich ins Leere führt. Auf den folgenden 72 Seiten vereint Zurborn denn auch Farbaufnahmen unterschiedlichster Orte und Ereignisse der Erlebnisgesellschaft, deren Signifikanz offenkundig aussteht. Fotografien von Freizeitparks, Automärkten und Tiergehegen wechseln sich ab mit denen von Nationalfeiertagen, Demonstrationen und den eher trist zu nennenden Momenten des Alltags. Jede inhaltliche logische Klammer wird konsequent unterminiert. Zurborns Bildinventionen nutzen stattdessen, abseits aller Verführungsstrategien der Werbemedien, virtuos die vielschichtigen Möglichkeiten der Montage, um die Bildflächen von den Motiven zu befreien und als derart „emanzipierte“ Bilder eigentümlich beklemmend wirken zu lassen. In den Bildpaarungen der Doppelseiten wird der Effekt der Paralyse oftmals gesteigert und mitunter ironisch gebrochen. Zurück bleibt die Verwunderung darüber, daß dieses kryptische Bilderrätsel zwar im besten Sinne originär, jedoch auch seltsam vertraut anmutet.

Christoph Schaden, 2001

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