Trevor Paglen

'Stuff reflects Light!'

Trevor Paglen und A Compendium of Secrets


Hollywood? Der Abspann läuft und wirkt vertraut, als sei der Film soeben beendet und in der Produktion höchst aufwendig gewesen. Erst allmählich dämmert es einem, dass anstelle von Personennamen andere Begriffe alphabetisch aufgelistet sind. BUZZSAW. BAYMAN. CADMIC FRAME. CADRE CAESAR. CAM STUDIO. CAMEL HUMP. CAMPS, CANYON. CAPACITY GEAR. CAPRI CAPSULE JACK… Tatsächlich handelt es sich um Codenamen von militärischen Geheimdienstoperationen der USA aus der jüngeren Vergangenheit, es sollen insgesamt rund 1.400 sein. Gleich zu Beginn des Vortrags, der im Rahmen seines Ausstellungsdebuts in der Galerie von Thomas Zander in Köln stattfand, verwies Trevor Paglen (1974) auf die zahlreichen Widersprüche und Merkwürdigkeiten, mit denen auch ein Fotokünstler bei der heiklen Recherche zum Themenbereich des Geheimdienstwesens konfrontiert wird. Zwar seien Namen und Daten in fiskalischen Rechenschaftsberichten über das Internet abrufbar und somit einer Öffentlichkeit zugänglich, betonte der promovierte Geograf, dennoch bleibe jene „Black World“ zu weiten Teilen unsichtbar. Eine Parallelgesellschaft, die mitten in der Gesellschaft existiere, sei eben so gut wie nicht mehr zu unterscheiden. Schwarzweißkopien von Pässen mehrerer Geheimagentinnen, die in betont schlechter Qualität gehalten sind, unterstreichen seine Hypothese mit Nachdruck. Einer CIA-Agentin mit dem Namen „Anne Linda Jenkins“ etwa, die für Verschleppungen von Terrorverdächtigen zuständig ist, würde man nur allzu gerne einen Hausfrauenstatus attestieren. Auf diese Weise bedient  A Compendium of Secrets bewusst das Unbehagen an einer Gegenkultur, deren geheime Militäranlagen im so genannten „Gun Belt“ im Südwesten der USA ein Terrain umfasst, so Paglen, welches so groß ist wie die Schweiz.

Aus einer Recherchearbeit zum Themenfeld der Geheimdienste, die stets mit wissenschaftlicher Akribie betrieben wird, ein überzeugendes künstlerisches Konzept abzuleiten, bedeutet eine weitere Herausforderung. Für Trevor Paglen, der an der University of California in Berkeley lehrt,  könnte der gedankliche Nukleus kaum fotografischer ausfallen. „Stuff reflects light“ behauptet er und macht darauf aufmerksam, dass auch investigative Aktivitäten zwangsläufig materielle Spuren hinterlassen, denen man nachspüren kann. Sein aufklärerischer Impuls folgt also einer Strategie der Visualisierung, und hierbei leistet ihm ausgerechnet die Astrofotografie wertvolle Schützenhilfe. Da muss nicht einmal das eigene Präzisionsteleskop zur Hand genommen werden. Auf der Datenbasis eines Amateurnetzwerkes von „Satellitenbeobachtern“ und mit Unterstützung von Informatikern und Ingenieuren ist Paglen das Kunststück gelungen, geheime Flugbahnen von geheimen Raumflugkörpern, worunter auch die Gefangenenflüge zu den illegalen Gefängnissen der US-Regierung fallen, präzise zu rekonstruieren. In der Zusammenschau resultiert hieraus eine beeindruckende Sonderform des Kartierens. Als fotografisches Einzelrelikt instrumentalisiert Paglen dagegen den überwältigenden Blick in den nächtlichen Sternenhimmel, den Fotokennern sicher an die Werkserie von Thomas Ruff erinnern wird. Doch trotz aller Formschönheit stört hier ein nächtlicher Streifen, der unweigerlich klar macht, dass da oben etwas Irritierendes vor sich geht. Paglen nennt es „The other Night Sky“, und natürlich hat der seine Unschuld verloren. So steht seine fotokünstlerische Arbeit in einer betont US-amerikanischen Tradition, die das Schöne ins Schreckliche überführt und Schreckliche wiederum ins Schöne. Beispielhaft präsentiert Paglen ein elegisches Landschaftsbild in bester Ansel-Adams-Manier, das schrittweise gezoomt in einer Entfernung von 19 Meilen (!) plötzlich ein abgeschirmtes Militärlager offenbart. Dass der Fotografie in dem Projekt A Compendium of Secrets allenfalls eine zudienende Funktion eingeräumt wird, schmälert dabei keineswegs ihren Aussagewert, zumal die Frage von Enthüllung und Geheimhaltung, Evidenz und Abstraktion weiterhin im Blickpunkt steht. So auch in der Werkserie „Symbology“, die bereits in Buchform erschienen ist und militärische Stoffaufnäher von Geheimdienstabteilungen wie popige Ready-mades aneinanderreiht. Das enigmatische Bildkonvolut, das auf den ersten Blick so harmlos daherkommt, bildet nicht nur eine überaus reiche ikonografische Spielwiese, sondern kann auch Weltverschwörungstheorien aufs Trefflichste bedienen. So bleibt angesichts des Sujets die unangenehme Frage, wem eigentlich noch zu glauben ist, in Paglens Arbeiten stets virulent. Und zunehmend ist der Betrachter voller Skepsis und geneigt, diese Frage auch auf den Künstler zurückzuspiegeln. Ein Effekt übrigens, der A Compendium of Secrets nur noch spannender macht…

Christoph Schaden, 2009

Trevor Paglen – A Compendium of Secrets. Galerie Thomas Zander, Köln bis 13. Juni 2009

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