Spectacular City

Im Reich der tausend leeren Fenster

„Spectacular City“ in Düsseldorf


Schauspiel. Augenweide. Anblick. Krach. Lärm. Fünf bedeutungsstarke Begriffe, die sich ehemals in einem einzigen Wort zusammenfanden: Spectaculum. Wohl nicht zufällig hat die Ausstellung „Spectacular City“, die noch bis zum 6. Mai im NRW-Forum in Düsseldorf zu sehen ist, im Titel das Moment des Spektakulären in den Mittelpunkt gestellt. Denn als Leitmotiv dient es geradezu idealtypisch dazu, die beiden Spielfelder Stadtarchitektur und Gegenwartsfotografie wechselseitig ins Visier zu nehmen. Zumal der französische Großstadtrebell Guy Debord einmal darauf verwiesen hat, dass das Spektakel die sichtbare Manifestation des modernen Zeitalters sei, „in dem das Wesen der Dinge nur ein fernes Echo ihrer äußeren Erscheinung“ zurückwerfe. Das kulturpessimistische Statement zu Schein und Sein, das merkwürdig aktuell anmutet, findet sich folgerichtig in einem der begleitenden Katalogessays vorangestellt.

Sinnigerweise nutzt auch die Marketingabteilung des Museums die Chance, um mit den immensen Wirkkräften, die ein Spectaculum entfacht, im Kulturbetrieb ordentlich Krach zu schlagen. „Photographing The Future“ heißt es nicht ohne Pathos im Untertitel, und auch der Pressetext vermeldet wie im Werbeprospekt: „Spektakuläre Fotografien zeigen die Schönheit und Fremdartigkeit unserer städtischen Realität.“ Wem das nicht genügt, kann im Entree der Ausstellung lesen: „Sie [die Künstler, Anm. d. Verf.] präsentieren spektakuläre Architektur, die wir vielleicht noch nicht gesehen haben, die sie jedoch als Beweis ihrer Existenz in ihrer ganzen, Furcht einflößenden Pracht vor uns ausbreiten. Sie bauen die Zukunft nicht, sie fotografieren sie.“

Dermaßen eingeschüchtert, darf man froh sein, in der Ausstellung, die vom Niederländischen Architekturinstitut (NAI) Rotterdam übernommen worden ist, endlich den Augenweiden entgegenzutreten. Den Auftakt bildet Andreas Gurskys querformatige Nachtaufnahme der „Avenue of the Americas“ aus dem Jahr 2001, die programmatisch auf den Punkt bringt, was Debord vorhergesehen hat. Der vorkonstruierte Fassadenblick gleicht einer zweidimensionalen Matrix, die im Wechselspiel der beleuchteten und abgedunkelten Zimmer einem binären Code von Nullen und Einsen gleichkommt. Ein Echo des Dokumentarischen ist hier nicht mehr zu hören, vielmehr badet das New-York-Bild in purer hypnotisierender Oberfläche. Dass die Fotografie nur noch Bild sein will und die globalen Motive der immer zahlreicher werdenden Megalopolen lediglich als Folie für Ästhetisierungsstrategien zu nutzen versteht, wird bei einem Großteil der präsentierten Arbeiten deutlich.

Traditionsbewusst bilden etwa Naoya Hatakeyama, Taiji Matsue, Balthasar Burkhard und Vincenzo Castella (letzterer in vorzüglichem Kolorit) das Stadtbild noch in überhöhter Fernsicht ab. Allerdings weicht der Anspruch, die Gesamtheit des urbanen Gefüges in seinen natürlichen und kulturellen Bestandteilen zu erfassen, einem ausgeprägten Abstrahierungswillen, der das fotografische Bild als bloße Struktur offen legt. Demgegenüber nutzt Olivo Barbieri ausgerechnet für eine Las Vegas-Aufnahme den malerischen Playmobileffekt der partiellen Unschärfe. Als ob die Künstlichkeit der Spielerstadt nicht schon sichtbar genug wäre.

Alles ist Bild geworden, auch die Architektur, lautet also das selbstbewusste Credo der Ausstellung, für das im Katalog in vier Essays eigens ein legitimierendes Theoriegefüge zusammengestellt wurde. Eine These, die, wie dort Aaron Betsky bemerkt, durchaus zur Mythenbildung führen kann. So verwundert es kaum, dass etwa der Niederländer Frank van der Salm in Gurskyscher Manier mit bildgewaltigen Großformaten dem Sog des Hyperrealen folgt. Daneben wirken selbst die virtuos montierten wie gedachten Supervisionen von Andreas Gefeller wie ein bloßer Beweis digitaler Könnerschaft. Weitaus bescheidener agieren die Bangkokbilder von Heidi Specker, die noch auf einen präzise fragmentierten Blick vertrauen, und auch der Amerikaner Todd Hido belässt es wohltuend bei Nachtaufnahmen von Einfamilienhäusern, deren sanft melancholischer Grundton nachhallt.

Zweifellos bildet „Spectacular City“ ein eindrucksvolles wie bildgewaltiges Panoptikum an digitalen Montage-, Kolorierungs- und (De-)Konstruktionsstrategien, die das technische Medium heute in Spitzenwerken entfalten kann. Freilich stellt sich auch die Frage nach der Substanz. Einen Endpunkt bilden die verstörenden Nachbauten von Thomas Demand und Oliver Boberg. Signifikanterweise bleibt etwa der Blick in Demands querformatige Arbeit „Fenster“ von 1998 außen vor, Lamellen verwehren einmal mehr die Einsichtnahme. Ist das die so lautstark postulierte Fotografie der Zukunft? Eine kalkulierte Hohlformel, ein intelligentes Loblied der Oberfläche, alles nur Schein statt Sein?

„Die Stadt auf diesen Bildern ist so ausgeräumt wie eine Wohnung, die noch keinen neuen Mieter gefunden hat“, sagte Walter Benjamin einmal zu den Bildern von Eugène Atget. Angesichts der unzähligen leeren Fenster, in die der Besucher in „Spectacular City“ blickt, liegt es nahe, diese Leere auch der Show zu attestieren. In ihrer Gesamtheit vermittelt sie den Eindruck einer Leistungsschau, deren Potenz merkwürdig uniform und blutleer wirkt. Sperriges und Brüchiges bleiben bei der Generation der „Post-Doc-Fotografen“, wie sie Emiliano Gandolfi nennt, jedenfalls weitgehend außen vor. Dabei merkt man einigen Künstlern das Unbehagen an der ästhetischen Fixierung an. Der Niederländer Edgar Cleijne etwa zwingt seine Serie von tristen Hausrückseiten in Kairo bewusst in ein Kleinformat, der Schweizer Jules Spinatsch platziert seine aus über tausend Videobildern bestehende Überwachungsarbeit über den WEF-Gipfel in Davos in eine separate Nische und der Italiener Armin Linke präsentiert vor Ort seine Fotografien in fünf Buchfolianten, die mit Trotz eine narrativ-subjektive Leseweise einfordern. Am Ende der Ausstellung hat sein Landsmann Francesco Jodice eine in Sao Paulo entstandene Fassadenaufnahme direkt auf die Wand kleben lassen. Einmal mehr schaut der Besucher, angeregt durch einen Betrachter im Bild, hilflos auf das Dickicht unzähliger leerer Fenster. Gleich nebenan findet sich der Eingang zu einem verdunkelten Raum, in dem ein dokumentarisches Video von Jodice gezeigt wird, das vom Leben mehrerer Teenager in Japan berichtet. Aus Angst vor der Außenwelt verlassen sie nicht mehr ihre Behausung. „I am not good at communication“, sagt einer der jungen Männer im Interview. So viel Selbstzweifel hätte man auch einigen Bildern der Ausstellung gewünscht.

Christoph Schaden, 2007


Spectacular City, im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Düsseldorf, 27.1. - 6. 5.2007.

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