Reality Crossings

REALITY CROSSINGS

2. FOTOFESTIVAL MANNHEIM_LUDWIGSHAFEN_HEIDELBERG 22.9-21.10.2007


Bei der Wahl eines Veranstaltungstitels können sich für den Besucher mitunter markante Deutungsbezüge ergeben. Unter der trendigen Formel „Reality Crossings“ wurde im Herbst 2007 das 2. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg abgehalten. Wer die Hintergründe kannte, kam kaum umhin zu vermuten, dass mit dem Titel nicht nur ein kuratorisches Leitmotiv bezeichnet  war. Schließlich hatten ganz reale Schwierigkeiten die Zukunftspläne der Initiatoren durchkreuzt, als zwei Jahre zuvor die Internationalen Fototage Mannheim/Ludwigshafen unter der Leitung von Hansjoachim Nierentz in finanzielle Nöte geraten waren. Nierentz hatte die Fototage, die zuvor bereits sechsmal in der Ruhrgebietsstadt Herten residiert hatten, 2005 in die Rhein-Neckar-Region verpflanzt. Mängel bei der inhaltlichen Profilierung und der logistischen Abwicklung des Festivals führten allerdings dazu, dass die Fortsetzung „des Fests der Bilder“ (H. Nierentz) plötzlich gefährdet war. Erst als der Hauptsponsor der Internationalen Fototage, der vor Ort ansässige BASF-Konzern, für eine weitere Zusammenarbeit wieder gewonnen werden konnte, wagte der Trägerverein Das Bildforum e. V. im Zusammenschluss mit den Städten Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg strukturell wie personell einen Neuanfang. Der Titel „Reality Crossings“ steht denn auch für das mutige Unterfangen, innerhalb der dicht gefügten und stark von Konkurrenz geprägten europäischen Festivallandschaft einen Ausstellungskomplex zur zeitgenössischen Fotografie neu zu positionieren.

In Anlehnung an die Rencontres in Arles entschlossen sich die Verantwortlichen, fortan im Zweijahreszyklus einen externen Kurator einzuladen, der für die künstlerische Ausrichtung des Fotofestivals verantwortlich zeichnet. Mit der klugen Wahl von Christoph Tannert, dem langjährigen Leiter des Künstlerhauses Bethanien in Berlin, war für 2007 eine Neuausrichtung gewährleistet, zumal Tannert in persona für die Tendenzen der Gegenwartskunst steht und in deutlicher Abhebung zur Ära Nierentz die Segmente Video, Installation, Multimedia und Malerei bewusst in seine Ausstellungsentwürfe einbindet, soweit sie denn den fotografischen Blick betreffen. Dies bedeutete eine zeitgemäße Ausweitung des Veranstaltungskonzepts zugunsten einer größeren Komplexität. Länder- und genrespezifische Fokussierungen, wie sie für Fotofestivals der 1990er Jahre so charakteristisch waren, wurden dabei erkennbar zurückgewiesen. Stattdessen hieß es vielmehr „Reality Crossings“. Programmatisch hieß es bei Tannert zunächst, dass man in einer Zeit lebe, die „mehr Biss“ verlange. „Das Publikum will wieder wissen, mit welcher Haltung ein Künstler an die Verfertigung seiner Werke geht.“ Auffällig ist, dass diesem so offensiv formulierten Auftrag eine Gegenwartsanalyse zugrunde lag, die eher von medialem Skeptizismus und künstlerischem Nischenbewusstsein geprägt war. „Um etwas zu verändern,“ heißt es beispielhaft im Katalog, „um gegen die Doku-Soap-Pest und den Bilderschwall des puren Nichts anzugehen, muss die Peripherie als Zentrum angesehen werden.“ Man mag übrigens darüber spekulieren, ob mit diesem gedanklichen Transfer auch eine konkrete Kuratorenstrategie impliziert gewesen ist. Denn von den 88 eingeladenen Künstlern und Künstlerinnen leben dem Katalog zufolge nicht weniger als 35 (!) zumindest zeitweise in Berlin. Jedenfalls fand sich der teils trotzige, teils melancholisch-resignative Grundton, der für die Kulturschaffenden der Hauptstadt derzeit so charakteristisch erscheint, in etlichen der Arbeiten wieder, die auf dem 2. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg zu sehen waren.

Zu den strukturellen Änderungen, die das Festival 2007 bereithielt, zählte die Beschränkung auf acht Ausstellungsorte, bei denen es sich durchgängig um etablierte Kulturinstitutionen der drei Städte handelte. Lediglich über eine Schaufensterpassage und eine U-Bahnunterführung drang die Ausstellung in den öffentlichen Raum vor. Für das Rahmenprogramm wurden daneben zwei Kinosäle einbezogen, in denen u. a. Filme von Oscar von Alphen und Bibgert & Bergström liefen. So schuf bereits die Auswahl der Präsentationsorte einen elitäreren Rückzugsbereich, der von der kuratorischen Vorgabe bestimmt wurde, „im Kern gegen ideologische Überformung zu argumentieren und gleichzeitig die Fragwürdigkeit von Zuständen ins Gespräch zu bringen, die die Bedrohung der Lebensgrundlagen bestimmter Gruppen von Menschen implizieren“ (Tannert).

Damit war es wenig erstaunlich, dass sich eine Vielzahl der ausgestellten Positionen explizit auf Überlebensstrategien im globalen Gefüge und auf soziale Identitätsfragen bezog. Als ein zentrales Thema erwies sich hierbei der Disput über Geschlechterrollen. So widmete sich etwa die Berlinerin Verena Jaekel im Rahmen ihrer Serie Neue Familienporträts dem Sujet der jungen Väter, die sie in tradierter Bildauffassung ablichtete. Die in New York lebende Sigrid Jacob dokumentierte die Subkultur der „Bären“, großstädtische Homosexuelle, die mit ihren fülligen, behaarten Körpern ein eigenes Schönheitsideal abseits des Mainstreams propagieren. Für ihre ironische Selbstinszenierung „Your hair-lights are so beautiful“ schlüpfte wiederum die aus dem Irak stammende Shirin Damerji in die Rolle ihrer Halbschwester, um scheinbar einem männlich dominierten, orientalischen Blick Genüge zu tun. Ein optischer Assimilationsprozess, der schon auf halbem Wege in der Pose und Schminke steckenblieb. Vis-a-vis zeigte Debbie Han aus Südkorea ihren Gegenentwurf. Mit einer Montage aus drei digital marmorierten Körpern asiatischer Frauen, denen im Nachhinein antike Skulpturenköpfe der drei Grazien aufgesetzt wurden, stellte sie augenzwinkernd die Ost-West-Klischees von weiblicher Schönheit infrage.

Zahlreiche interkulturelle Fotoarbeiten legitimierten durch ihre Cross-Over-Strategie das Leitmotiv des „Reality Crossings“-Festivals, das in der Summe tatsächlich einen spannungsreichen Bogen durch die Gegenwartsfotografie schlug. Sein Nukleus fand sich in einer Einzelschau von Letizia Battaglia aus Palermo, die fast zwanzig Jahre lang die Verbrechen der Mafia in ihrer Heimat dokumentierte. Unerwartete Aktualität erhielt die Arbeit der Bildjournalistin, die für ihre Serie mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis der DGPh geehrt wurde, durch den sechsfachen Mafiamord in Duisburg im Sommer 2007. Nicht zuletzt die hohen Sicherheitsvorkehrungen bei der Preisvergabe im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen machten deutlich, dass das Medium Fotografie auch heutzutage noch gesellschaftliche Relevanz haben kann.

Das dichteste Statement von „Reality Crossings“ gelang Kurator Christoph Tannert im Schauraum der renommierten Heidelberger Sammlung Prinzhorn. Im Anbau der Klinik, der gemeinhin künstlerischen Arbeiten von psychisch erkrankten Patienten-Künstlern vorbehalten ist, platzierte er auf der Empore 40 voyeuristische Schnappschüsse des großen Erotomanen Miroslav Tichý. Kontrapunktisch kommentiert wurden die Schwarzweißaufnahmen des Tschechen, die man durchaus im besten Sinne als Art-brut-Arbeiten bezeichnen kann, von einem einzigen Lambda-Print des Dresdner Künstlers Via Lewandowsky im Erdgeschoss. Unterkühlt zeigte sein „Polymid 1“ aus der Serie Ray from Love die überdimensionale Brust einer Schaufensterpuppe und proklamierte so nachdrücklich, dass in der Gegenwartsfotografie kein Platz mehr für naive Obsessionen sei. Sicherlich ist diese Installation auch als Hommage an Harald Szeemann gedacht, der kurz vor seinem Tode den verarmten Tichý in einer Ortschaft unweit von Brünn aufspürte. Da passte es umso mehr, dass dem genialen Schweizer Ausstellungsmacher zudem die Wiederentdeckung der Sammlung Prinzhorn zu verdanken ist.

Christoph Schaden, 2007

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