The Photobook - A History. Volume 1

Bibliophile Sehschärfung

Martin Parr und Gerry Badger präsentieren den ersten Band von The Photobook  - A History


Natürlich steht am Anfang eine Geschichte, oder genauer: eine Offenbarung. Im Vorwort des ersten Bandes von The PhotobookA History beschreibt Martin Parr seine erste schicksalhafte Begegnung mit Robert Franks legendärem Fotobuch The Americans, das er 1971 - noch als Student - in der zweiten Auflage erwerben konnte. Ein Bücherkauf, der stellvertretend das Initiationserlebnis einer ganzen Fotografengeneration beschreibt und zugleich die Bewusstwerdung eines Mediums markiert. Als der gefeierte MAGNUM-Fotograf, Kurator und Sammler nun kürzlich sein neues Buchprojekt in Köln vorstellte, war einmal mehr von einer Story die Rede. Mit britischem Understatement bekundete Parr, er habe mal eine alternative Geschichte der Fotografie schreiben und die immense Bedeutung des Fotobuchs für das Bildmedium hervorheben wollen.

Das Resultat seines Vorhabens ist schlichtweg ein Befreiungsschlag. Dem passionierten Blick des Buchsammlers folgend, verzichtet Martin Parr nämlich zum Großteil auf den gesetzten Kanon der Modernismen, beispielhaft gesetzt in der Trias Steichen, Stieglitz und Weston. Der Akzent ist wohlbegründet, schließlich hat Andrew Roth vor vier Jahren schon den Auftakt für das streitbare Ranking mit The Book of 101 Books. Seminal Photographic Books of Tweentieth Century vorgegeben. Dagegen leiten sich Auswahlkriterien des Briten aus der (foto-)grafischen Qualität des Druckwerkes selbst ab. Maßgebend ist dabei nicht die Werkgenese des Fotografen, sondern das Buch als Objekt: „It feels good in your hand.“ Für den Sammler, der plötzlich Kurator seiner eigenen Bibliothek geworden war und über 10.000 lieb gewonnene Sammlungsstücke zur Verfügung hatte, bedeutete eine solch unbefangene Sichtweise das Dilemma der Werkauswahl. Über 1.000 Titel standen in der Endausscheidung. Man merkt dem Buch an, dass es fünf Bände hätte füllen können.

Für den Leser bedeutet die Sichtweise zunächst die Expedition in ein Buchsegment, das auf insgesamt 320 Seiten über 220 Inkunabeln und Kuriositäten bereithält. Dass die getroffene Buchselektion mehr bietet als ein facettenreiches Sammelsurium, belegt schon die erste Buchvorstellung. Mit einem Augenzwinkern lässt der Starfotograf seine Geschichte des Fotobuchs noch vor Talbots epochalem The Pencil Of Nature beginnen, ausgerechnet mit dem Autorenpseudonym „AA“. Dahinter verbirgt sich Anna Atkins, eine Schülerin von John Herschel, die bereits 1843 ein dreibändiges Werk mit Cyanotypien von britischen Algen in Angriff nahm. Ist der Neuanfang zugleich eine implizite Aufforderung an den Leser, einmal den Kanon zu überdenken und sich die Freiheit des eigenen rezipierenden Blicks zu leisten? Tatsächlich reizen zahlreiche Neuentdeckungen. Unabhängig vom intendierten Gestaltungswillen der jeweiligen Macher findet in einer Einzelbesprechung etwa das 1903 erschienene Book of Bread von Owen Simmons Erwähnung, dessen konzeptionelle Schlichtheit einfach atemberaubend modern anmutet, oder auch die erschütternde Bilddokumentation Facies Dolorosa des deutschen Arztes Hans Kilian aus dem Jahre 1934. Wie groß die Leerstellen bei der Aufarbeitung des Fotobuchsektors derzeit noch sind, belegt beispielhaft ein Kapitel über propagandistische Bildbände der 1930 bis 1960er Jahre.

Auch eine Sammlerperspektive funktioniert nicht ohne kuratorisches Korsett. Martin Parr war klug genug, mit Gerry Badger einen kenntnisreichen Kritiker und Kenner der Fotografie ins Boot zu holen, dessen Ausführungen das zweite Rückrat von The Photobook bilden. Fotohistoriker wird es freuen, dass in den beiden Einleitungen fast beiläufig eine definitorische und medienspezifische Einordnung des Fotobuchs geleistet wird, eine Bibliografie und ein ausführlicher Anmerkungsteil im Anhang gewähren den wissenschaftlichen Gebrauchswert des Bandes. Zudem bieten im Wechsel mit den Buchpräsentationen neun Essays wertvolle Orientierung, etwa über die Anfänge des Fotobuchs und seine piktoralen, modernistischen und propagandistischen Aspekte.

Kritiker mögen zu Recht einwenden, dass im ersten Band von The Photobook einiges auf der Strecke geblieben ist. So fehlt etwa die verlegerische Perspektive, ein werkimmanenter Blick der bedeutenden stilbildenden Fotografen bleibt weitgehend unberücksichtigt und drucktechnische Determinanten sind in den Hintergrund gerückt.  Allerdings begründet sich der Anspruch der beiden Autoren nicht auf Vollständigkeit,  sondern primär auf Sehschärfung. Hierin liegt der eigentliche Verdienst von The Photobook – A History.

Es ist nicht verwunderlich, dass das Spektrum der behandelten Themen bis in die Gegenwart reicht. Ein abschließendes Kapitel widmet sich dem japanischen Fotobuch nach 1945, dessen Einfluss nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. So endet der erste Band paradigmatisch mit einer topografischen Blickerweiterung und der Aufforderung, sich vom visuellen Eurozentrismus zu lösen. In Köln geriet Martin Parr denn auch ins Schwärmen, als er von einer Reise nach China berichtete. Dort wäre er plötzlich mit einer überaus reichen nationalen Fotobuchkultur konfrontiert gewesen, die man hierzulande nicht kennen würde. Die Sammleraugen leuchteten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Christoph Schaden, 2005

 

Martin Parr und Gerry Badger. The Photobook: A History, Vulume 1. 320 S., geb., ca. 850 Abb., 75 Euro. Phaidon Verlag, Berlin 2004

 

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