Peter Granser. Signs

Peter Granser - SIGNS

 

Cecil Beaton meinte einmal, dass die Texaner eine „heitere Sorglosigkeit“ auszeichne. Walter Prescott Webb wies wiederum darauf hin, dass seine Landsleute im amerikanischen Westen ein Talent dafür entwickelt hätten, etwas Kleines aufzunehmen und es zu riesiger Größe aufzublasen. „Ähnlich einem Fotografen, der ein Foto vergrößert“. Das sind nur zwei von abertausenden Statements, die den Charakter des eigenwilligen Menschenschlages bezeichnen und natürlich Klischees bedienen, die in ihrer Summe längst zum exzentrischen Leitbild von Texas geworden sind. Unter dem Titel Die Super-Amerikaner. Der fremde Stern Texas hat der Reporter John Bainbridge ihnen vor einigen Jahren ein ganzes Buch gewidmet. In bester wheeler-dealer-Mentalität inszeniert dieser fremde Planet, der bis heute als einziger aus den Vereinigten Staaten austreten darf (!), seinen Sonderstatus mit immer skurrileren Etiketten. In diesen Tagen der Präsidentschaftswahl entkommt ihnen niemand, der an Amerika denken will.

SIGNS heißt das jüngste Fotobuch von Peter Granser, und schon ehe man es aufschlägt, wird klar, dass er klug genug war, erst gar nicht gegen Symbol triefende Klischees anzugehen. Im Gegenteil: Der schmutzige Einband verzichtet auf ein Bildmotiv und lädt stattdessen in aufstrebenden Pop-Art-Lettern dazu ein, sich auf Spurensuche zu begeben. Die erste Aufnahme zeigt ein Billboard, darauf nochmals der Schriftzug: SIGNS. Ein flankierender Pfeil zeigt vielsagend nach rechts. So what? Zu Gransers großartigem Kalkül zählt, den Leser bei seinen Decodierungsversuchen gnadenlos zu unterfordern. Kein Zeichen muss erst mühsam entziffert werden, ein jedes Relikt will sein, was es ist, und das immer gleiche Arsenal der Kommerzsprüche, Nationalsymbole und christlichen Heilsbotschaften könnte plakativer nicht daherkommen. JESUS IS THE ANSWER. WORD OF TRUTH. UNITED WE STAND.

SIGNS ist denn auch eine Ansammlung grotesker Verheißungsarien. Granser versteht sich einmal mehr in der Kunst, die Theatralik der vorgefundenen Szenerien offenzulegen und mit großer Stilsicherheit ins Leere laufen zu lassen. Seiten füllende Mittelformate im Quadrat, stets monoton nach rechts gesetzt, liefern hierzu ein Buchkorsett, das mit seinen meist symmetrisch fragilen Bildkompositionen so aufgeblasen wie beengt anmutet. Die Motive tun ihr übriges. Plastikbecher etwa, die vor Versorgungscontainern in einen Zaun eingedrückt worden sind und die Zurückgekehrten des Irakkrieges willkommen heißen. JOB WELL DONE ! verkünden sie in Landesfarben. Oder eine Nationalflagge im Besitz der NASA, die die legendäre Mondrakete Saturn V in Houston schmückt und in Klarsichtfolie eingepackt bleibt. Oder Bohrtürme, die seit Jahrzehnten als Symbol für den Reichtum texanischer Ölmagnaten gelten und in Midland nur als Silhouette auf einer Hochhauswand überdauern. Oder ein Jesusjünger mit Zahnlücke, der konsequenterweise das Kreuz geschultert hat. Wir lesen darauf: JESUS LOVES YOU. Auch das klingt wie eine Drohung. Von einer „unerträglichen Unzweideutigkeit“ spricht Karen Irvine im Essay des Bandes, und mit ihr ist man geneigt, in den Bildern von SIGNS ein Psychogramm des US-amerikanischen Seelenzustandes am Ende der Ära von George W. Bush abzulesen. THIS IS NOT AN EXIT, liest man irgendwo am Ende des Buches.

Nach SUN CITY (2003) und CONEY ISLAND (2006) ist SIGNS bereits die dritte Arbeit von Peter Granser, die in Buchform ein signifikantes Gegenwartsbild der USA entwirft. Als Zeitdokument ist seine Erkundung, die 2006 und 2007 auf ausgedehnten Reisen entstanden ist, sicher noch ein Stück weit unerbittlicher ausgefallen als seine Vorgänger. Den fremden Stern entlarvt er jedenfalls als ein geistig erstarrtes Land, in dem sich eine streng puritanische Gläubigkeit mit kapitalistischen und nationalpatriotischen Interessen zu einem bedrohlichen Amalgam vermischt hat. Von einer „heiteren Sorglosigkeit“, die Cecil Beaton noch in den 60er Jahren vorgefunden hat, kann längst keine Rede mehr sein.

Christoph Schaden, 2008

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