Olaf Unverzart. sans moi

Olaf Unverzart - sans moi

 

sans moi – ohne mich. Ein Titel, der nach Ausschluss oder Verweigerung klingt. Olaf Unverzart hat das Kurzstatement in das grasgrüne Hardcover seines ersten Fotobandes mit einer blumig weißen Handschrift eingeschrieben, die ein wenig an die Angélique-Romane der 60/70er Jahre erinnert. Erst später wird man es bemerken, denn die überlegte Banderole lenkt den Blick zunächst auf ein fotografisches Bildmotiv. Es zeigt in schwarzweiß einen Hubschrauber, der durch Wolkenschlieren himmelwärts strebt. Schlägt man den Bildband auf, begegnet einem das Flugobjekt noch zweimal. Einmal vorne, in größerer Entfernung, einmal hinten, scheinbar wieder näher gekommen. Es sind zwar drei unterschiedliche Flugobjekte, aber immer noch das eine Bild der Banderole, die sich um das Fotobuch gelegt hat.

sans moi? Wer mit soviel Finesse einen Umschlag gestaltet, legt wohl kalkuliert Fährten aus, um alles andere als eine lamentierende Verweigerungshaltung mitzuteilen. Als künstlerisches Leitprinzip taugt der missglückte Titel denn auch wenig. Er vermittle lediglich einen gesellschaftlichen Rückzug, so Unverzart, der als Ausgangspunkt für fotografische Erkundungen dienen soll. „Ich geh lieber Pilze suchen in den Wald, als noch auf einen Empfang zu gehen“, betont er in einem Interview, das im Buch abgedruckt ist. Ein Rückzug bedeutet oftmals eine Konzentration auf das Wesentliche. Bei Olaf Unverzart, der bei Joachim Brohm in Leipzig das Fotografieren erlernt hat, äußert sich dies in bemerkenswert physischer Weise. Für eine Bildreportage, die in der Süddeutschen Zeitung publiziert wurde, radelte der Mittdreißiger etwa die schweißtreibenden Strecken der Tour-de-France hinterher. Weil er zu spät kam, belohnte ihn seine Wahrnehmung mit Sichtweisen, die vom Abwesenden erzählen und gleichwohl die Gegenwart feiern. Graffiti auf dem Asphalt zeugen etwa noch von den adorierenden Kontaktversuchen der Fans am Straßenrand, während die vom Trubel verlassenen Gebirgslandschaften des Col de Galibier und des Mount Ventoux zur Ruhe zurückgefunden haben.

Paradox genug, ist es gerade das Ereignislose, das den Bildern auf dem schmalen Grad zwischen Narration und Leere eine eigensinnige Präsenz verleiht. Dabei gelte es, so Unverzart, gekonnt die Balance zu wahren. Ein fotografisches Bild sei schließlich nur dann gut, wenn das darauf Sichtbare genauso interessant sei wie das nicht Sichtbare. Konsequenterweise nutzt der Fotograf zur Bildfindung die formalen Signaturen der Autorenschaft, ohne den Dokumentcharakter der Fotografie aufzugeben. In »sans moi« wird stets auf Augenhöhe gesichtet, ein Normalobjektiv verwendet und Verfremdungseffekte vermieden. So verlieren auch die anschließenden Bildserien nie ihren Inhaltsbezug und legen in ihrer Summe zugleich ein essayistisches Buchkonzept frei. Es handelt sich um einen gewagten Spagat, den Unverzart mit Bravour meistert. Die Fotografien des Bandes nehmen sich Zeit für den gewaltigen Gletscher des Glacier, die Nordschleife des Nürburgrings oder die in den Fels gehauenen Fortifikationen des Alpenlandes. Ein abschließendes Kapitel widmet sich dem Themenkomplex „Wohnen“. Auch hier äußert sich die offene Sichtweise in der Kunst desjenigen, der sich die Freiheit nimmt, zu spät zu kommen.

»sans moi« überzeugt vor allem als Buchobjekt. Wenngleich die Bildformate stark variieren und einzelne Aufnahmen sich ins Panoramaartige erweitern, bleibt der sinnliche Gleichklang auf exzellente Weise bewahrt. Selbst dann, wenn der Blick des Fotografen, wie in Dubai, einmal vom Himmel hinab auf eine Wüstenlandschaft fällt, federt die hohe Abbildungsqualität die visuelle Bruchstelle ab. Nicht zuletzt zeugen zwei Papiersorten und ein ungemein samtig matter Druck der Farbaufnahmen von der ungebrochenen Meisterschaft Leipziger Buchdruckkunst.

Es liegt nahe, dass ein Fotobuch, in dem Abwesenheit und Gegenwärtigkeit eine so zentrale Rolle spielen, unterschiedlichste Lesearten erlaubt. Daniele Stöppel verweist etwa im Katalogtext auf die Einflüsse der amerikanischen New Topography, die Unverzart stark geprägt hat. Wer mag, kann bei »sans moi« auch eine romantische Folie anwenden. In Anlehnung an den berühmten „Spaziergang nach Syrakus“, den 1802 Johann Gottfried Seume zu soziologischen Studien bewegte, kann man den Bildband als ein entschleunigtes Roadmovie deuten, das zahlreiche Orientierungspfade und Irrwege bereithält. Wie bei dem Reisebericht aus dem 19. Jahrhundert, der ebenfalls in Leipzig erschien, ist in »sans moi« zudem eine sanfte Ironie spürbar. Am Wegesrand sind Olaf Unverzart immer wieder Automobile ins Visier geraten, allesamt unglückliche Vehikel, mag man denken, gecrasht, demontiert oder verpackt. Wie schön kann es doch sein, zu spät zu kommen.

Christoph Schaden, 2006

 

Olaf Unverzart: sans moi 152 Seiten mit 84 Bildern. Skizzenteil mit Texten von Daniele Stöppel, Mark van Huisseling, Olaf Unverzart. edition M 2005 ISBN 3-910171-04-4, 28 Euro

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