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Welcome to the „Situation Room“

Eine Nachbemerkung zur jüngsten Ikone der Fotografie

Das Leben inmitten visueller Medien ist beherrscht von einem permanenten Druck, fehlende Bildlichkeit zu kompensieren, nicht-visuelle Praktiken und Prozesse zu visualisieren. Dies ist das Regime der Sichtbarkeit.

Camiel van Winkel

 

Ein Bild. Man sieht dreizehn Personen an einem Tisch versammelt. Es heißt, es gehe um Verrat, letztlich werde jemand getötet. Man sieht in einzelne Gesichter, erkennt unterschiedlichste Regungen, sie reichen von lähmendem Entsetzen über Anspannung bis zu heimlicher Genugtuung. Keine Frage, wir sind mit einem virtuosen Tableau der Emotionen konfrontiert. Und müssen seit den ersten Maitagen nicht mehr an das weltberühmte Abendmahl von Leonardo da Vinci denken. Zumal uns eine medialisierte Weltöffentlichkeit in seltener Einhelligkeit reklamiert: Bei der fotografischen Gruppenaufnahme, die dem US-amerikanischen Fotografen Pete Souza während der dramatischen Ereignisse um die Tötung Osama bin Ladens im sog. „Situation Room“ des Weißen Hauses gelang, handelt es sich um eine „Ikone der Gegenwart.“

Im Rückblick lässt sich die Wirkmacht eines Bildes präzise in ihren Rezeptionsräumen beschreiben. Um 10 Uhr a.m. des 2. Mai 2011 wurde Souzas Farbaufnahme auf die offizielle Website des Weißen Hauses platziert, knapp 38 Stunden später verzeichnete sie über anderthalb Millionen Zugriffe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ein Großteil der westlichen Tagespresse bereits auf ihrer Titelseite veröffentlicht, vom Boulevard bis zum Feuilleton wurde in den folgenden Tagen lustvoll Bildexegese betrieben. Dabei reichten die Diskurse von der Beweislast des Dokumentarischen bis zur Genderdebatte, vom Einflussfaktor digitaler Bildmanipulationen bis hin zu den national ausgerichteten Verschwörungstheorien im „Krieg der Bilder“. Dies alles schien sich im Bild zu verdichten, dies alles schien ablesbar. Infolge haben sich nahezu alle namhaften Bildwissenschaftler der Aufnahme aus dem Situation-Room“ zugewandt, kursierende Parodien auf Flickr, Boib Boing und Tumblr sind mittlerweile Legion. Bemisst man die Bedeutung dieses Bildes allein an seiner Fokussierung, markiert die Aufnahme aus dem „Situation-Room“ wohl eine neue Ära des Bildes.

Dies ist im Nachklang umso bemerkenswerter, weil es sich bei der Aufnahme eben nicht um ein klassisches Schockbild gehandelt hat, das im Zuge investigativer Bestrebungen veröffentlicht wurde. Im Gegenteil: Das Bild fungierte als wohl kalkuliertes Produkt einer staatseigenen Public-Relations-Kampagne, welche bekanntlich vor der komplexen Aufgabe stand, die Weltöffentlichkeit auf eine Entscheidung vorzubereiten, bei der ein Schockbild des getöteten Terroristen verweigert wurde. Dass die Vorgabe nicht in einer Zeigung, sondern in einer Verwehrung lag, und diese Entscheidung wiederum in einem Bild vermittelt wurde, darf als historisches Novum gewertet werden. So zelebriert Pete Souzas Bild aus dem „Situation Room“ auf dialektisch brillante Weise eine Anwesenheit des abwesenden Bildes, indem es den Fokus vom verwehrten Objekt auf die Ebene der Rezeption verlagert. Jede der dreizehn sichtbaren Figuren will nach Mimik, Gestik, Geschlecht, Alter, Kleidung und Stellung im Raum individuell und nach Status decodiert werden. Für den Betrachtenden offerieren sie in der Summe gleichsam eine breite Projektionsfläche des Reagierens und Regierens. Wir dürfen dabei sein, gibt die Aufnahme in betonter Opposition zu dem auferlegten Bilderverbot vor, wir dürfen im demokratischen Sinne teilhaben am Diktum der Entscheidungsträger. Mit Camiel van Winkel mag man trefflich von einem „Regime der Sichtbarkeit“ sprechen.

Dieser Strategie folgt auch der privilegierte Blick in den schmucklosen Entscheidungsraum. In Anlehnung an Foucault erinnerte Tom Holert schon vor der Tötung Osama bin Ladens an dessen spezifische Funktionalität. „Im Situation Room bedeutet Regieren vor allem auch: Überwachen und Strafen. Vermeintliche Stützpunkte von Terroristen werden in netzwerkbasierten Militäranschlägen, deren Befehlskette letztlich unmittelbar mit dem Gehirn des leibhaftigen Präsidenten verschaltet ist, ausgelöscht. Das Bild der Waffenhandlung wird den Befehlsträgern im Situation Room in Echtzeit zugespielt und handlungsführend ausgewertet.“ Freilich bezog sich der deutsche Kunsthistoriker bei seiner Analyse auf die Fernsehserie The West Wing, die in den USA von 1999 bis 2006 gezeigt wurde und parallel zur Amtzeit von George W. Bush ein betont fiktionales Bild des Weißen Hauses lieferte. Nach Holert vermittelte die TV-Serie nicht nur eine konkrete Vorstellung davon, „unter welchen Bedingungen von Visualisierung, Datenverarbeitung, Symbolanalyse, Telefonie und Televisualität in der chain of command des Weißen Hauses Entscheidungen von globaler Komplexität und Konsequenz getroffen werden.“ Wahrscheinlich wirkte das fiktionale Raumsetting der TV-Produktion sogar auf die technische Modernisierung des „realen“ Raumes zurück. Vor einer solchen Folie wird nochmals deutlich, wie eng Souzas dramatisierende Gruppenaufnahme bereits von medialisierten Vorstellungen vorgeprägt ist. Es bedurfte also allenfalls der Modulation einer visuell längst existierenden Erwartungshaltung. Die Vertrautheit, die das Imago aus dem „Situation Room“ ausströmt, verlagert die Rezeption dann auch konsequenterweise von der Entscheidung auf die Situation, von der Ratio auf die emotionale Betroffenheit. Die Botschaft des Bildes könnte klarer nicht sein: Die Partizipation an einer kollektiven Entscheidung, bei der bewusst ein Bilderverbot mit einkalkuliert worden ist.

Auf einem Symposium in Berlin merkte der amerikanische Bildwissenschaftler W.J.T. Mitchell kürzlich an, dass es bei den Bildern des Krieges gelte, im Sinne von Siegmund Freud das „Unheimliche abzuwehren“ und aus dem dämonischen Wiederholungszwang des Bilderzeigens herauszubrechen. In dieser Funktion mag man den Epochenstatus des Bildes aus dem „Situation Room“ erkennen.

Christoph Schaden, Mai 2011

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