Nathaniel Welch

Spring Broke

Photographs by Nathaniel Welch


Jean Paul Sartre sagte einmal, die Hölle, dass seien die anderen, wer immer das auch sei. Das Paradies dagegen hat einen konkreten Namen: Spring Break. Es handelt sich um ein dionysisches Ereignis, das an einem sonnendurchfluteten Strand im Herzen von Florida  zelebriert wird, einem Mekka der Dekadenz, wo jedes Jahr Tausende von Studenten und Schulabgängern der MTV-Generation hinpilgern, um eine Woche lang all diejenigen Anstandsregeln zu vergessen, die ihnen ihre Eltern und das religiös-fundamentalistische Amerika der Ära Bush mühevoll beigebracht haben. Ein Mann mit biblischem Vornamen, Nathaniel Welch, hat diesem denkwürdigen Ort eine Bildreportage gewidmet, die mit Hilfe des New Yorker Verlags Powerhouse nun in Buchform erschienen ist.

Das postpubertäre Treiben ist in den Staaten mittlerweile zu einem Medienereignis geworden, »Spring Break« steht für ein Stück Amerika. Nathaniel Welch, der selbst aus Florida stammt und Kind dieser Generation ist, merkt man das verzweifelte Bemühen an, dieser scheinbar hemmungslosen Orgie eine adäquate Bildsprache zu geben, die einerseits voyeuristische Erwartungen bedient, - im Klappentext wird gar auf Caligula verwiesen! - andererseits mit künstlerischem Anspruch auch die Abgründe des Events offen legen will. Es ist genau diese Ambivalenz, die zutiefst amerikanisch wirkt und sich in ihren unauflösbaren Widersprüchen überall verfängt. Bereits das Coverbild, das einen angeblitzten Klitschko-Typen nach einem Alkoholexzess am abendlichen Strand zeigt, wirkt zu inszeniert, als das es wahr sein könnte. Die Bierdose liegt einfach zu brav auf dem linken Unterarm. Dass die Lust an der (Selbst-)Inszenierung tatsächlich das Leitmotiv des Buches und der Örtlichkeit von »Spring Break« bildet, illustriert das gedruckte Vorsatzblatt. Eine Schar sonnenüberhitzter Bikini-Girlies reckt dem Betrachter etwas zu begeistert die Arme entgegen. Keine Frage, das Paradies ist eine Bühne, und die Bühne ist die Hölle.

Soziologen werden an der Bilderfolge von Nathaniel Welch sicher ihre Freude haben. Die pervertierten Rituale der Adoleszenz auf den Arbeitsfeldern Sex, Drogen und Körperkult kontrastieren mit der Unsicherheit, ja Angst des Einzelnen, gegenüber den Gleichaltrigen auch bestehen zu können. Die Gehemmtheit ist offen ablesbar in den Gesichtern. Die Bildserie von Nathaniel Welch legt denn auch offen, dass die scheinbare Libertinage nicht wirklich gelebt werden kann. Narzissmus und Flucht vor Konsequenzen heißen vielmehr die vorherrschenden Verhaltensmuster des »Spring Break«, welche es kurzfristig zu erlernen gilt. Sie spiegeln die fanatische Bereitschaft, jegliche individuelle Verantwortung aufzugeben und durch das Kollektiv zu ersetzen. Ein sehr amerikanisches Kulturphänomen, das buchstäblich nach Erlösung schreit. Am Strand winken denn auch schon Vereinzelte mit der Jesus-Flagge.

Nathaniel Welch lässt nichts unversucht, um die krude Mischung von Agonie und Ekstase ästhetisch zu puschen. Er blitzt rein, poliert farbig auf, setzt die Fleischbeschau in Anschnitt. Zweifellos will er dem Betrachter die skandalös anmutenden Motive in voller Drastik vermitteln. In dieser Strategie liegt nicht nur Distanzlosigkeit, sondern auch Effekthascherei. Ein Dilemma, das zwar die ganze Oberflächlichkeit des Szenarios von »Spring Break« offen legt. Sie gilt aber auch für das Buchprojekt selbst, das eine Selbstverliebtheit nicht leugnen kann. Wer »Teenage Lust« von Larry Clark kennt, weiß, wie vielschichtig die wirklichen Abgründe dieser Lebensphase aussehen können.

Es ist augenscheinlich, dass eine so aufgeheizte Bildkonzeption eine feste dramatische Form benötigt. Das Buch folgt einem antikischen Gliederungskonzept, das von Klimax und Antiklimax bestimmt ist. Das Ende liegt erwartungsgemäß über der Kloschüssel, die Polizei ist auch schon da. Der Frühling des Lebens ist, wie der Buchtitel andeutet, wohl endgültig in die Brüche gegangen. Die wohl bemerkenswerteste Erkenntnis von »Spring Broke« erzählt Nathaniel Welch im Vorwort des Bandes. Die Hölle, das seien am »Spring Break« keineswegs die anderen. Diese Kids dort seien keineswegs gefährlich, sie wollten einfach nur endlich erwachsen werden. Wie er selbst.

Christoph Schaden, 2005

 

Nathaniel Welch: Spring Broke. 120 Seiten mit 81 Abb. Powerhouse Books 2004. ISBN 1-57687-207-6, 35 Euro

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