Michael Schmidt

Die Provinz, die Deutschland heißt

Michael Schmidt zeigt sein Projekt IRGENDWO


„Irgendwo ist Nirgendwo“, besagt ein Sprichwort. Das IRGENDWO des Michael Schmidt liegt derzeit in Oldenburg. Der Kunstverein des Ortes zeigt seit dem 24. April das jüngste Projekt der eigenwilligen Berliner Fotografenikone, zuvor war die Ausstellung in Heilbronn zu sehen bis September nächsten Jahres folgen Stationen in Rolandseck, Altenburg und Magdeburg. Es ist wegen des gewählten Themas kein Zufall, dass die Metropolen unseres Landes diesmal außen vor geblieben sind. Ein Stück Provinz sollte wohl auch in der Zeigung instinktiv bewahrt bleiben. Es passt auch, dass das Unternehmen ausgerechnet vom Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, der bei der Unterstützung fotografischer Projekte überhaupt sehr aktiv ist, gefördert worden ist.

„Ich habe es… nie geschafft, diese Provinz zu formulieren… Wenn man mich gefragt hat, wo das Bild entstanden ist, dann habe ich immer gesagt, ‚das ist irgendwo in Hessen‘ oder ‚das ist irgendwo in Niedersachsen‘ oder ‚irgendwo im Elsaß‘“, sagt Michael Schmidt in einem Interview, das Dietmar Elger mit ihm geführt hat. Es findet sich im Anhang des schönen Katalogs, der im Kölner Snoeck Verlag erschienen ist. Man mag in diesem Statement vielleicht eine Attitüde des Großstädters erkennen, dennoch schwingt auch eine gewisse Behutsamkeit mit, denn das Unbenannte bleibt ja gemeinhin im Stande der Unschuld. Die Bilder des Provinzprojekts tragen denn auch keine Titel. Für den Betrachter bedeutet dieser Verzicht nicht nur eine Konzentration auf die Fotografie. Es stellt sich auch der Eindruck ein, als ob das, was auf den Bildern gezeigt wird, vor dem konkreten Zugriff beschützt werden müsse, wie ein Geheimnis, das es unter keinen Umständen preiszugeben gilt. – „Nirgendwo ist Irgendwo“, wie das Sprichwort sagt.

Die sensible Befindlichkeit mit der so genannten Provinz hat hierzulande eine eigene Geschichte. Seit der Konstituierung zum Staatenbund hat sich Deutschland über seine weit gefassten regionalen Territorien definiert, die je nach Epoche mal hinterwäldlerisch abgetadelt oder mal romantisierend verklärt wurden. Der Terminus selbst geht auf einen römischen Rechtsbegriff zurück, der Provinz als ein „außerhalb des Kernbereichs gelegenes Gebiet“ festlegt, das ehemals „der Herrschaft eines Statthalters unterstand“. Es handelte sich um eine genuin zentralistische Auffassung, die unter preußischer Herrschaft, die Deutschland in 14 Provinzen unterteilte, dankbar reaktiviert wurde. Dass die Peripherien vernachlässigt wurden, verwundert wenig. Das zwiespältige Erbe des Nationalsozialismus, der die Koordinaten von Stadt und Land in dumpfer Heimattümelei zu seinen Gunsten vereinnahmte, tat den Rest, um der ländlichen Identität in Folge den Garaus zu machen. Erst seit den späten 1970er Jahren wurde die Provinz wiederentdeckt, vornehmlich in der Literatur. Peter Handke reiste »Über die Dörfer«, Christa Wolf schrieb »Kein Ort. Nirgends«. Doch diente die Provinz hier lediglich als Metapher zur individuellen Verortung, die allzu oft zum Scheitern verurteilt war. Bis heute geht es um Identität, um Heimat und um einen schmerzlichen Verlust. Fast nie geht es um die Provinz selbst. Auch die Fotografie, die sich der großstädtischen Moderne seit Anbeginn verpflichtet fühlte, hat um die Peripherien einen großen Bogen gemacht. Auf der fotografischen Landkarte bildet die Erkundung der ländlichen Gebiete Deutschlands bis heute einen weitgehend blinden Fleck, allenfalls Erich Riebesehl hat mit seinen »Agrarlandschaften« den Blick auf das bäuerliche Erbe der Nation gerichtet. Auch heute gilt wohl noch: Wer aus der Provinz kommt, muss das Leben noch kennen lernen.

Wer sich dagegen aus der Großstadt aufmacht, um die Provinzen der Republik zu erkunden, vollzieht rein physisch eine Gegenbewegung und schleppt viel historisches Gepäck mit. Noch dazu, wenn es sich um den international meist beachteten Fotokünstler des Landes handelt, der jenseits des Atlantiks als Indikator einer spezifisch städtischen Nachkriegsatmosphäre gefeiert wird. 1987 setzte Michael Schmidt mit »Waffenruhe« der suizidalen Mauerstimmung in Berlin ein visuelles Denkmal, 1996 dehnte er den grauen Blues in »EIN-HEIT« auf das Gesamtnationale aus. Als dritter Impuls folgt nun die Rückzerlegung des Deutschlandbildes in einzelne Teile, ausgehend von den Rändern. Begleitet von seiner Frau Karin und seinem Hund, tingelte Schmidt drei Jahre lang mit einem Wohnwagen landauf landab. Letztendlich waren es 16 Expeditionen ins Unbekannte, das vor der Haustür lag und ein soziologisches Panoptikum von Deutschland anzubieten hatte: Menschen, Architekturen, Landschaften.

In dem Fotobuch IRGENDWO, das insgesamt 67 Schwarzweiß-Aufnahmen enthält, werden die Bildmotive als „sogenannte Unorte und Zwischenräume“ klassifiziert, eine Bewertung, der man sich nur bedingt anschließen kann. In Anlehnung an die berühmte Studie von Alexander Mitscherlich, die 1965 erschien, ist jedoch eine „Unwirtlichkeit unserer Dörfer“ überall erkennbar. Triste Verbrauchermärkte, hermetische Einfamilienhäuser und menschenleerer Asphalt artikulieren überdeutlich einen Verlust dessen, was gemeinhin unter „Heimat“ verstanden wird. Beispielhaft zeigt das Buchcover eine fein verputzte Hausfassade mit Fenstern, deren Rolladen heruntergelassen worden sind. Niemand kann hier wirklich zuhause sein. Anonymität und Identitätsverlust heißen einmal mehr die Schlagworte des Schmidtschen Provinzkosmos. Soziologen attestieren gemeinhin, dass Entwicklungen in der Stadt mit circa 15 Jahren Verspätung auch in den ländlichen Arealen anzutreffen seien. Wenn das wahr ist, enthalten die Aufnahmen einen verdeckten Zeitsprung zurück in die Jahre unmittelbar nach der Wiedervereinigung. Die Provinzfotografien von IRGENDWO passen mit ihrer von Grau geprägten Ästhetik durchaus zur Dekade der »EIN-HEIT«, in der Selbstzweifel über die historische Identität des Deutschen mehr und mehr aufkeimten.

Aber Michael Schmidt, der sich selbst einmal als „Sackgassen-Fotograf“ bezeichnet hat, belässt es nicht bei der Ausweglosigkeit. Sein künstlerischer Blick auf die Provinz ist weitaus offener. Es geht ihm keineswegs um die bloße Bestätigung einer These, nicht zuletzt, „weil sie [die Fotografie, Anm. des Verf.] abhängig ist von dem, was da ist“. Was Schmidt auf dem Lande aufgespürt hat, wird für den Betrachter erst nach ausführlichem Bildstudium nachvollziehbar, vorausgesetzt, er lässt sich auf vielfältige Zwischentöne ein. Grau steht diesmal nicht für ein nostalgisches Konzept der 80er Jahre oder eine künstlerische Signatur, sondern für eine bestimmte Erfahrbarkeit von Welt: „Schwarz und weiß sind ja zwei feste Standorte, rechts und links. Und ich dachte, dass die Welt sich nicht klar definiert, sondern sich in vielen Nuancen darstellt… Ich habe mit diesen grauen Bildern für mich die Fotografie noch einmal neu erfunden.“

Wer so spricht, legt Fährten. Schon die Aufnahmen der Architekturen zeigen eine auffallend breite Palette an Funktions- und altertümlichen Wehrbauten, historisierende Versatzstücke finden sich ebenso wie barocke Kirchenfassaden und postmoderne Reminiszenzen. Nichts wird beschönigt, nichts wird verneint. Eine Aufnahme zeigt sogar ein paar Giebelhäuser vor einem Felsmassiv, trotz aller Schlichtheit ein romantisches Bildkonzept. Auch die Menschendarstellungen, die durchweg als Einzelporträt konzipiert sind und das Moment der Vereinzelung betonen, sind in ihrer Unterschiedlichkeit bemerkenswert. Einige tragen ein Namensschild, andere wiederum lächeln. In den Bildern ist alles, wie es ist, nicht, wie es sein soll. Ein älterer Mann mit Hosenträgern, der die Arme verschränkt hat und melancholisch in sich selbst versunken scheint, ist in mildes Abendlicht getaucht. Wenngleich auch kein Weiß vorhanden ist, zeigt der Himmel über den Provinzen im Werk von Michael Schmidt auch mal die Sonne. Vielleicht ist es dieser postromantische Blick auf die Provinz, die Deutschland heißt, der das Projekt IRGENDWO versöhnlich stimmt. Zwei Naturaufnahmen, die ein Gewässer und ein Kornfeld zeigen und die Bilderserie des Fotobuchs umrahmen, wirken ungebrochen schön.

Geschulte Schmidt-Exegeten werden bei IRGENDWO die Nähe zur frühen Berlin-Wedding Serie erkennen, zudem ist es ein vergnügliches Insiderspiel, alle werkimmanenten Referenzen und Zitate ausfindig zu machen. Und angesichts der sperrigen Bildästhetik, die sich weiterhin jeder Vereinnahmung virtuos verwehrt, mag man bedingungslos applaudieren. Doch die eigentliche Entdeckung ist in IRGENDWO das Thema. Die Provinz ist hier nicht nur Projektionsfläche eines alternativen Lebensentwurfs oder einer deutschen Befindlichkeit, sondern auch eine Realität. „Es gibt von mir Bilder, die sehen aus wie Suppe, aber es war eben auch die Suppe, wie sie im November da war“, sagt Michael Schmidt. Wer zu dieser Jahreszeit einmal in der Provinz war, wird ihm Recht geben.

Christoph Schaden, 2005

 

Michael Schmidt: IRGENDWO. 138 Seiten mit 67 Abbildungen. Snoeck Verlag 2004. ISBN 3-936859-18-9. 49,90 Euro.

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