Liselotte Strelow

Alles Maskerade

Das Rheinische Landesmuseum Bonn erinnert an Liselotte Strelow


Bestimmte Artikel können trügerisch sein. Vor allem, wenn sie Diven der Film- und Theaterbranche bezeichnen, deren Nachruhm zu verblassen droht. Denn das Vergessen ist gnadenlos und verleiht nur in den allerseltensten Fällen so etwas wie ewigen Glanz. Bei den wenigen allerdings, die im kollektiven Gedächtnis geblieben sind, weht bei der Namensnennung noch stets ein noblesser Duft von Unnahbarkeit: Man denke etwa die Dietrich. Oder an die Callas. Die Knef, die Weigel,  die Flickenschildt…

Anlässlich ihres einhundertsten Geburtstags erinnert das Rheinische Landesmuseum Bonn nun an „die Strelow“. Freilich muss sich auch eine Retrospektive über die einflussreichste Nachkriegsfotografin der BRD mittlerweile der Herausforderung stellen, Leben und Werk wieder in Erinnerung zu rufen und ins kollektive Bewusstsein zurückzuspülen. Wer war nochmals die Strelow? „Liselotte Strelow war ein großer Name in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland“, heißt es hierzu im Pressetext zur Bonner Schau. „Sie war „der teuerste Fotograf“ in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren, verlangte und bekam schon 100 DM pro Bild, kurz nachdem alle Deutschen mit 40 DM … in eine neue Zeit starteten. Sie hatte die Bosse der Ruhr porträtiert, die führenden Politiker und die kulturelle Prominenz. Ein Bild der Strelow verlieh Bedeutung.“ Das ist nicht einmal übertrieben. Ob Adenauer oder Heuss, Augstein oder Springer, Beuys oder Benn: An der Strelow kam keiner vorbei. Und natürlich ließen sich auch die eingangs erwähnten Diven gerne von ihr ablichten.

Wie ein Leitmotiv ziert denn auch die berühmte Aufnahme von Marlene Dietrich, die 1960 entstand, den Umschlag des Begleitbandes. Und nicht zufällig findet sich dasselbe Motiv als Blow up im Eingangsbereich der Ausstellung. Programmatisch spiegelt sich hier ein perfektionistischer wie fast zwanghafter Anspruch, der das eigentliche Zentrum des Strelow-Werkes ausmacht: Es galt nämlich, im fotografischen Portrait um jeden Preis ein Moment von Größe zu erreichen. Angesichts der geistigen und materiellen Enge, die die ersten Nachkriegsjahrzehnte der Bundesrepublik so umfassend prägte, sollten in den einzelnen Gesichtern der Prominenz unbedingt individuelle Charakterstärke und Unerschütterlichkeit abzulesen sein. Das manipulierte Menschenbildnis oder Die Kunst, fotogen zu sein, hieß vielsagend eine Buchpublikation von Lieselotte Strelow, das 1961 erschien. Weil pathosbeladene Überhöhungsstrategien á la Riefenstahl durchweg tabubesetzt blieben, reaktivierte die Wahl-Düsseldorferin, die ihr Studio nach dem Krieg an „der Kö“ betrieb, auf virtuose Weise das Formvokabular der fotografischen Vorkriegsavantgarde. Die Bonner Retrospektive vereint denn auch lauter Typen und Charakterköpfe, die stilsicher und nahezu ausnahmslos in theatralischer Delikatesse ins Bild gesetzt sind. Einige der Strelow-Porträts sind in ihrer Eleganz und psychologischen Tiefenschärfe auch heute noch atemberaubend.

Bei seiner Einführungsrede wies Klaus Honnef, der den Strelow-Nachlass für die Gesellschaft Photo Archiv e.V. sichern konnte und nun die Schau unter Mitarbeit von Adelheid Teuber und Tuya Roth kuratiert hat, auf die Lebensläufe der Dargestellten hin. Etliche Verantwortungsträger aus Kultur und Wirtschaft hätten sich damals durch die Ära des Dritten Reiches und die Jahre des Wiederaufbaus durchlaviert, betonte er. Vor allem in den Kreisen des Theaters, für das die Strelow über Jahrzehnte arbeitete, galt die Wahrung des schönen Scheins als einzig probate Lebensstrategie. Namen wie Gustav Gründgens und Heinrich George stehen bis heute stellvertretend für den Opportunismus der Bohéme zur NS-Zeit. Freilich blieb auch die Vita der Strelow von solchen Verwicklungen nicht unberührt. Auf Bitten ihrer jüdischen Lehrherrin Suse Byk hatte sie deren Atelier 1938 am Kurfürstendamm in Berlin übernommen. Eine NS-Parteimitgliedschaft, wie ihr Rolf Sachsse unterstellte, konnte der Strelow jedoch nicht nachgewiesen werden.

Dennoch hinterließ das zwiespältige Erbe, das kollektiv verdrängt wurde, in den Gesichtern vielfältigste Spuren. Zur Finesse der Bonner Ausstellung gehört dann auch, dass sie erst gar nicht die Rollenporträts der Theaterwelten von den Individualporträts der Studiositzungen zu trennen sucht. Das Resultat ist ein Crossover, dessen kuratorische Grundhypothese nicht eindeutiger ausfallen könnte: In jenen Zeiten des Wiederaufbaus diente schlichtweg alles der Positur und der Wahrung der eigenen Maskerade. Mit diesem ungeschönten Psychogramm entfaltet die Schau in der Summe ein bemerkenswert distanziertes und nostalgiefreies Gesellschaftsbild der 50er und 60er Jahre. Ganz nebenbei legt die Ausstellung für jüngere Besucher, denen die Gesichter und Namen der Abgebildeten nicht mehr vertraut sind, eine andere Fährte. Sorgsam führen die flankierenden Titel die Berufe der Dargestellten auf. Schriftsteller. Komponist. Physiker. Bundesinnenminister... Sicher handelt es sich hier um eine implizite Einladung, einmal die Köpfe der Bonner Republik im Sinne von August Sander als „Menschen des 20. Jahrhunderts“ in Augenschein zu nehmen. In hundert Jahren, wenn die allermeisten Namen vergessen sind, wird dieser Blick auf das Werk der Strelow wohl vorherrschend sein.

Liselotte Strelow dachte indes noch an van Dyck und an Nadar. Zeitlebens liebäugelte sie mit dem Gedanken, nach dem Vorbild des 19. Jahrhunderts eine Sammlung berühmter Zeitgenossen anzulegen. Das Vorhaben wurde nie konkretisiert, geschweige denn umgesetzt. Wer mag, kann in der posthumen Schau ihre Idee einer „Galerie Contemporaine“ nun verwirklicht sehen. Ein Selbstbildnis der Strelow findet sich übrigens nicht darunter.

Christoph Schaden, 2008

 

Liselotte Strelow. Retrospektive. 1908-1981. Rheinisches Landesmuseum Bonn. Bis 4. Januar 2009. Weitere Stationen sind das Historische Museum Frankfurt (22.1.2009-13.4.2009), das Willy-Brandt-Haus, Berlin und die Kunsthalle Erfurt (je 2010). Der informationsreiche Katalog mit Beiträgen von Klaus Honnef, Adelheid Teuber, Sidney Darchinger und Johanna Wolf-Breede kostet im Buchhandel 39,80 Euro. 

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