Las Vegas Studio

Von Las Vegas lernen

Bilder aus dem Archiv von Venturi, Scott Brown & Associates


So wunderbar leicht wiegt dieser Bilderfund, dass es im Rückblick kaum mehr nachvollziehbar ist, worin der beispiellose Affront damals eigentlich gelegen hat. Dabei lässt sich der Untersuchungsgegenstand präzise benennen: Der „Strip“, jene legendäre Nationalstraße 91, die mitten durch Wüstenstadt Las Vegas führt, „das Urbild des Geschäfts-Strip, die reinste und intensivste Verwirklichung dieses Phänomens“, wurde 1968 zum Forschungsobjekt einer Gruppe von 13 Studenten der Yale University, die von dem Architektenpaar Robert Venturi und Denise Scott Brown angeleitet wurden. Bild- und wortgewaltig brachte ihre wissenschaftliche Studie „Learning from Las Vegas“, die 1972 in Buchform erschien und die Resultate jener Erkundung zusammenfasste, eine architektonische Fachwelt gehörig ins Wanken. Denn mit heißer Polemik richtete sich das Theorem gegen Fehlentwicklungen im internationalen Städtebau, der sich in den 1960er Jahren u.a. wegen kaum mehr zu kontrollierender Suburbanisierungstendenzen in einer Krise befand. Allein der Blick auf den Strip wurde damals als Skandal empfunden. „Learning from Las Vegas“ bedeutete nicht nur eine subversive Anleitung und einen Sehbruch, sondern schrieb in der Folge auch ein bedeutendes Kapitel Architekturgeschichte.

Nach vierzig Jahren hat nun Peter Fischli von dem namhaften Schweizer Künstlerduo Fischli/Weiss das rund 5.000 Farbdiapositive umfassende Bildarchiv von Venturi und Scott Brown in Philadelphia sichten können und eine Auswahl unter dem Titel „Las Vegas Studio“ veröffentlicht. Eine begleitende Ausstellung, die von dem Museum im Bellpark in Kriens zusammengestellt wurde, ist demnächst im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zu sehen. Gerade unter fotografischen Gesichtspunkten darf diese Wiederentdeckung als eine kleine Sensation gelten. Denn das Bilderkonvolut offenbart im Nachklang tatsächlich „eine bezaubernde, nachlässige Schönheit“, wie Hilar Stadler im Vorwort attestiert. Das erstaunt umso mehr, weil die Fotografie für die beiden Architekten damals lediglich ein Mittel zum Zweck einer dokumentarischen Beweisführung diente. Es galt nämlich die Vorgabe, die spektakuläre Ästhetik des Strip in seiner faszinierenden Zeichenhaftigkeit und Symbolik mit modernsten visuellen Mitteln zu erfassen. Neben Kartierungsmaterial kamen daher auch ausdrücklich Film und Fotografie zum Einsatz. Aus heutiger Perspektive mag bei der formalen Umsetzung freilich eine künstlerische Perspektive überzeugen, die keineswegs intendiert war, sondern aus dem bemerkenswerten Umstand resultierte, dass die Studierenden auf ihrer Exkursion bei Ed Ruscha in Los Angeles vorbeischauten und sich offenkundig von seinem legendären Leporello Every Building on the Sunset Strip, das 1965 erschienen war, inspirieren ließen. Rückblickend wurden die Paradigmen von High & Low in dem Forschungsprojekt dann auf unnachahmliche Weise verschmolzen. Seriell anmutende Aufnahmen aus der Autoperspektive, die den spezifischen Wahrnehmungsweisen des Strips gerecht werden, lassen sich ebenso finden wie schnoddriges Beweismaterial im Dienste eines „Making of“. Eine Rückführung der 1972 in Schwarzweiß publizierten Aufnahmen in ihre ursprüngliche Farbigkeit tun das Übrige, um die gleißende atmosphärische Dichte der Bilddokumente wieder aufleben zu lassen.

In gebotener Leichtigkeit debattieren Peter Fischli, Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrist im Anhang des Fotobandes dann auch über die neuen Bedeutungsschichten und den Zauber, den die Bilder von „Learning from Las Vegas“ selbst nach 40 Jahren hervorrufen. Es wird etwa darüber räsoniert, inwieweit das Architektenpaar verliebt gewesen ist und was auf dem Strip von dem „Friedhof der Zeichen“, die längst Kultstatus erlangt haben, überdauern konnte. Spätestens, wenn Peter Fischli schwärmt, wie wunderschön „ihm dieses spezielle Sonnenlicht auf dem Nacken von Denise Scott Brown“ erscheint, dürfte auch dem letzten Leser klar werden, dass im Laufe der Zeit eine beißende Polemik sogar für Intellektuelle in ein nostalgisches Erinnerungsmoment mutieren kann. Wer hätte gedacht, dass man auch das einmal von Las Vegas lernen kann.

Christoph Schaden, 2009

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