Jules Spinatsch. Temporary Discomfort

Jules Spinatsch

Temporary Discomfort


Davos, Genua, New York, Evian, Genf. Fünf Ortsnamen, die – so mondän oder großstädtisch sie auch klingen mögen – in Sekundenschnelle ein diffuses Unbehagen auslösen. Aneinandergereiht erzeugen die Austragungsorte des World Economic Forum (WEF) und der beiden G8-Gipfel der Jahre 2001 bis 2003 jenes unbehagliche Gefühl, das mit der Verdichtung von Machtverhältnissen einhergeht und in der Bezeichnung Globalisierung für gewöhnlich seinen Fluchtpunkt findet. Nach den jüngsten terroristischen Anschlägen in London dürfte es sich noch potenziert haben.

Was die beiden unterschiedlichen Zusammenkünfte verbindet, ist neben ihrem Anspruch auf scheinbar uneingeschränkte Entscheidungsbefugnis ein Moment der Abschottung, das die Welt außerhalb als Bedrohung begreift. Die paranoide Vorstellung, dass dort draußen tatsächlich kriegsähnliche Bedingungen herrschen, spiegelt sich eins zu eins in der visuellen Übermittlung. Wer etwa unter den Kürzeln „G8“ und „WEF“ im Internet nach Ereignisbildern sucht, dem werden neben den sattsam bekannten Gruppenfotos zahlreiche Gewaltaufnahmen begegnen. Es sind die immer gleichen Bilder der mehr oder weniger gewalttätigen Protestaktionen, aber auch der immensen Sicherheitsvorkehrungen, durch die im Medientransfer die kollektive Erinnerung an die beiden Großereignisse nachhaltig besetzt werden.

Wer sich als unabhängiger Bilderzeuger an das Thema der jährlichen G8- und WEF-Treffen heranwagt, steht vor dem Problem, dass die Ereignisse in der medialen Berichterstattung bereits visuell okkupiert sind. Noch dazu käme die logistische Abwicklung einer Fotodokumentation über die „Gruppe der Acht“ und der Davoser Zusammenkünfte einer Herkulesaufgabe gleich. Es hieße ganz konkret, eine Akkreditierung zu bekommen, einen eigenen Standort zu beziehen und unabhängige Motive zu finden. Ein solches Projekt müsste noch dazu angesichts höchster Sicherheitsauflagen umgesetzt werden. Ein nahezu unmögliches Unterfangen, mag man meinen.

Dem Schweizer Fotografen Jules Spinatsch, der vergangenen November mit dem Prix Photographique BMW auf der Paris Photo ausgezeichnet wurde, ist mit seiner Publikation Temporary Discomfort (zu deutsch: zeitweiliges Unbehagen) das scheinbar Unmögliche gelungen. Er war klug genug, für sein G8/WEF-Projekt zunächst genau dasjenige aufzugreifen, was nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch dem Fotografen visuell verwehrt bleibt. Seine skeptizistische Grundhaltung äußert sich bereits auf dem Buchcover, das das Sujet eben nicht mit einer Fotoaufnahme exemplarisch zu fassen versucht. Davos Genoa New York Evian Geneva steht stattdessen in der Fußzeile, wo üblicherweise der Verlagsort vermerkt wird. Ein klebrig lederschwarzer PVC-Umschlag, dessen materielle Anmutung sowohl an eine düstere Chronik als auch an eine Speisekarte erinnert, verweigert sich jeder oberflächlichen Vereinnahmung und vermittelt schon in der Haptik jenes gewisse Unbehagen, das als atmosphärisches Grundmotiv die folgenden Seiten durchdringt. Der Leser kann sich also auf mehr als auf ästhetische Fragestellungen gefasst machen.

Davos, Genua, New York, Evian, Genf. Die fünf Austragungsorte geben die Bild- und Denkstruktur des Bandes vor. Sie bedeuten fünf Medienereignisse, fünf Buchkapitel und ebenso viele Versuche der fotografischen Annäherung. Hierin liegt der Clou des Projekts, zumal Jules Spinatsch den Leser in seine Überlegungen und Bildstrategien einweiht. Pointiert kommentiert er das politische Umfeld und die spezifischen Rahmenbedingungen vor Ort, um daraus die jeweilige fotografische Vorgehensweise abzuleiten. „Wie erkennt man einen Demonstranten?“ lautet etwa die Kernfrage des ersten Kapitels („The Valley“, Davos, WEF 2001), das einen überbordenden Sicherheitsapparat, nächtliche, von Scheinwerfern verblendete Schneelandschaften und Sicherheitsbeauftragte in schicken Staatskarossen zeigt. Indem Spinatsch unter anderem ein Teleobjektiv aus 500 Metern Entfernung einsetzt, lenkt er die angetroffene Überwachungsästhetik gegen sich selbst. Im Nachwort des Bandes bringt Martin Jaeggi das dialektische Vorgehen des Fotografen auf den Punkt: „Spinatsch verwandelt sich den Blick der Macht an, der Macht als einem Blick, dem die Welt nur als Sicherheitsrisiko erscheint, das es zu beherrschen gilt. Diesen Blick richtet er auf die Macht selbst, die nunmehr in ihrer Künstlichkeit entlarvt wird.“

Dieser künstlerischen Grundstrategie folgen auch die nachstehenden Kapitel. In Genua („Oppidum“, G8-Gipfel 2001), das einer verbarrikadierten Festung gleicht, wandert Spinatsch die „rote Zone“ entlang, menschenleere Stadtansichten und meterhohe Wehranlagen spiegeln den totalitären Abschottungswahn. Abermals überträgt er die bedrückend hermetische Verweigerungshaltung vor Ort auf sein Bildkonzept. Ikonenartig wird ein jugendlicher Aktivist der Bilderfolge vorangestellt, ansonsten symbolisiert eine monochromblaue Doppelseite jene Nacht, in der die brutalen Ausschreitungen der italienischen Polizei gegenüber den Demonstranten stattfanden. Das dritte Kapitel, „Corporate Walls“ (New York, WEF, 2002), dokumentiert die hypernervöse Atmosphäre des ersten Treffens nach dem 11. September 2001 in den umliegenden Straßen und im Foyer des Nobelhotels Waldorf Astoria in der Park Avenue. Der Faktor Unübersichtlichkeit wird hier vor allem durch eine virtuose Grafik geleistet, für die Winfried Heininger verantwortlich zeichnet. Alles ist angeschnitten, nichts im Überblick erfassbar. Schließlich widmet sich das vierte Kapitel unter dem Titel „Pulver Gut“ wieder dem WEF in Davos (2003). Mit einem Ingenieur installiert Spinatsch dort drei Netzwerkkameras mit dem Ziel, aus der Ferne die vorgegebene Route der Demonstranten observieren zu lassen. Trotz festgelegter Programmierung und 2.500 Einzelbildern misslingt dieses Experiment gründlich, weil Demonstrationszüge zeitlich nicht exakt kalkulierbar sind. Einmal mehr führt modernste Oberservierungstechnik ins Absurde und erfasst nichts, wo alles erfasst sein sollte. Im Schlusskapitel wird unter dem Stichwort „Revolution Marketing“ (G8-Gipfel, Evian/Genf 2003) die Wiederaneignung holzverblendeter Schaufenster und Werbeflächen durch die Protestierenden diskutiert. Wie ein inhaltliches Leitmotiv wird auch hier das Diktat der Machthaber untergraben, das Wesentliche in der Anschauung zu unterbinden. Dass man es tatsächlich wieder sichtbar machen kann, noch dazu mit den Mitteln der Fotografie, lehrt Temporary Discomfort.

In Arles wurde Temporary Discomfort diesen Sommer mit dem Prix du Livre ausgezeichnet.

Christoph Schaden, 2005

 

Jules Spinatsch. Temporary Discomfort. 120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Nachwort von Martin Jäggi. Lars Müller 2005 ISBN 3-03778-047-9 45 Euro

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