John Gossage. Berlin In Time Of The Wall

An der Grenze

John Gossages voluminöser Bildband BERLIN IN THE TIME OF THE WALL


Am 6. August 2002 schickte John Gossage eine Email über den Atlantik. Empfänger seines Antwortschreibens waren Martin Parr und Gerry Badger, die im Zuge ihrer Vorbereitungen zu dem Projekt THE PHOTOBOOK: A HISTORY bei dem New Yorker Fotografenkünstler angefragt hatten, was er denn unter einem wirklich überzeugenden Fotobuch verstehe. Der Kriterienkatalog des kenntnisreichen Sammlers viel klar und deutlich aus: Zuallererst müsse das Resultat als Buch natürlich großartig sein; darüber hinaus solle sich die fotografische Arbeit aus der inhärenten Logik des Sujets entwickeln. Dies gelte auch für das Buchdesign, das ebenfalls dienenden Charakter habe. Und letztlich sei relevant, ob das gewählte Thema überhaupt von bleibendem Interesse sei.

Die Referenz auf den fotografierten Gegenstand bildet nach Gossage also das Gütesiegel für ein gutes Fotobuch. So verwundert es nicht, dass sein jüngstes Buchprojekt, das auf der letztjährigen Paris Photo rege Beachtung gefunden hat, äußerst voluminös ausgefallen ist. Es handelt sich schließlich um BERLIN IN THE TIME OF THE WALL. Nicht nur die großgeschriebenen Lettern auf dem transparenten Umschlag, sondern auch der Untertitel, der das Projekt als history book ausweist, leisten überdeutlich Orientierungshilfe. Wie ein allzu wörtlich verstandener roter Faden gleitet der Titel in einer zweiten Version in den Innenteil und überdeckt graffitigleich einige der ersten fotografischen Mauerstücke. Etwas manieriert mutet dieses Intro schon an, zumal der Kartonschuber den pathetischen Titel ein zweites Mal wiederholt und der schwergewichtige Berlinband gleich selbst wie ein Stück Berliner Mauer daherkommt. Auch aufgeschlagen lässt das gewaltige Opus seine Leserschaft nicht im Reich des Ungefähren. Genau 464 Fotografien folgen auf fast ebenso vielen Seiten, entstanden zwischen Frühjahr 1982 und Herbst 1993. Es ist wahrlich The Big Book (Zitat: John Gossage), das als Objekt von 3,8 Kilogramm rein physisch eine Bedeutungsschwere signalisiert, die problemlos mit der innerdeutschen Grenze und der Epoche des Kalten Krieges in Verbindung gebracht werden kann.

Wer so ausdrücklich dem Gegenstand seiner Fotografie verpflichtet ist, hat dafür Gründe. Im Vorwort erzählt John Gossage von seiner langwierigen Auseinandersetzung mit der geteilten Metropole, die er auf Einladung von Michael Schmidt und der legendären Werkstatt für Photographie der VHS Kreuzberg 1982 erstmals besuchte. Für den Amerikaner in Berlin bedeutete die Mauer zunächst eine Stupidität, die schlechteste PR für den real existierenden Kommunismus, schön und hässlich zugleich. Das absurde Objekt zog ihn über ein Jahrzehnt in den Bann. 1987 erschien seine erste Berlin-Publikation mit dem schönen Titel Stadt des Schwarz. Das schmalbrüstige Werk, das aus 18 mysteriös anmutenden Bildern im Überformat besteht, wird heute ebenso als Buchrarität gehandelt wie LAMF. three days in Berlin 1987, ein Buchprojekt, das mit Hilfe von Volker Heinze in einer Kleinstauflage von 100 Exemplaren erscheinen konnte. Auch der Mauerfall änderte nichts daran, dass John Gossage von dem Thema nicht los kam. Nach seinen eigenen Angaben war es erst eine Autofahrt durch die Stadt im Jahre 2003, bei der ihm endgültig klar wurde, wieweit auch seine Bilder Teil der Geschichte geworden sind.

Ein Jahr später folgt nun der Prachtband BERLIN IN THE TIME OF THE WALL, dem man den unbedingten Willen des Bildermachers anmerkt, etwas zeitlos Gültiges zu schaffen und das Thema endlich zum Abschluss zu bringen. Ob Farbeinsatz, Bilderfolge oder Typografie, keine Mittel und Raffinessen lässt John Gossage aus, um die Epoche der politischen Erstarrung, die er so grandios nüchtern, trist und geheimnisvoll in Einzelbildern einzufangen gewusst hat, in den Rang der historischen Bedeutsamkeit zu heben. Es hat den Eindruck, als wenn der Meister selbst nicht genug Vertrauen in die suggestive Macht seiner Bilder gehabt hätte. Dabei lohnt es sich, jedes dieser 464 Bilder intensiv zu studieren. Jedes einzelne enthält einen negativen Sog, dem man sich nur schwerlich entziehen kann. Gossages Begehung der innerdeutschen Grenze ist eine Reise in die Vorhölle. Restflächen, Stacheldraht, Betonplatten, Schießschlitze, Risse, Gehölz, Schutthalden. Das Motivrepertoire aus der Todeszone bildet eine beckettsche Kulisse, in der der Mensch – wenn überhaupt – nur vereinsamt oder als Stückwerk erscheint. Virtuos gehandhabt ist die nochmalige bildformale Steigerung der Agonie. Immer wieder finden sich in Gestalt eines Drahtzauns oder eines Pylonen Sicht versperrende Diagonalen, die das Einzelbild brachial durchkreuzen. Überall Ausweglosigkeit, heißt die unmissverständliche Botschaft, überall Sinnlosigkeit! Selbst die Pfützen, die den Blick in den Himmel öffnen sollen, spiegeln nur ein Stück Mauerwerk. Wie bei den Vorgängerpublikationen folgt BERLIN IN THE TIME OF THE WALL in den Bildfindungen auf radikale Weise diesem Negationsprinzip. Über allem schwebt nicht zufällig ein tief gesättigtes Schwarz, das die Depression jener Zeit nicht nur sichtbar, sondern auch schmerzlich spürbar werden lässt.

Aber John Gossage, der Archäologe, der sich den Deckmantel des Historikers umgelegt hat, belässt es nicht dabei. Es dominiert eine Dramaturgie, die den Fluss der Bilder durch verschiedenste Formate dynamisiert. Fast jede Doppelseite birgt neue Aufgeregtheiten, mal als Shot/Gegenshot, Sequenz oder Triptychon arrangiert. Zudem ist das Bildkonvolut in eine narrative Form gegossen, die noch dazu als Referenz herhalten muss. Die Kapiteleinteilung ist, will man Gerry Badger im flankierenden Essay glauben, den berühmten Seven Albums von Eugene Atget entlehnt. In sieben Zäsuren beschreibt sie eine chronologische wie biografisch-künstlerische Bewegung: The Wall, Inside The Wall, Over the Wall, The Wall Comes Down, Berlin After the Wall, Coda. Die Signatur des Künstlerfotografen findet sich darüber hinaus versteckt in den Titeln der Bilder wieder, in denen Rechtschreibfehler bewusst eingearbeitet sind. Auffällig ist allerdings, dass sich die subjektive Perspektive des Fotografen nicht stimmig ins objektivierende Gesamtkonzept einfügen will. Dermaßen aufgeladen, steht die bleierne Bedeutungsschwere dieses Historienbuchs vielmehr in merkwürdigem Kontrast zur Leere, die Berlin vor dem Mauerfall auszeichnet. So findet der wuchtige Bildband keine Balance zwischen affirmativer Sinnbildung und dokumentierter Sinnlosigkeit.

BERLIN IN TIME OF THE WALL ist kryptisch, intelligent und hochgradig referentiell. Authentisch kann man ihn nicht nennen. Hierin enthält der Band ein Scheitern auf allerhöchstem Niveau. Zugleich verbirgt sich eine Wahrheit dahinter, die im Vergleich zu Michael Schmidts Waffenruhe (1987) oder Volker Heinzes Ahnung (1989) noch stärker hervortritt. Ein weiteres Kriterium für ein überzeugendes Fotobuch dürfte wohl lauten, dass es in genau der Zeit zu stehen hat, in der es entstanden ist.

Gegenargumente lassen sich anführen. Ist der Rezensent in die Falle getappt? Steht das Historienbuch nicht bewusst an der Grenze von Pathos und Paralyse? Wer sich das Werk von John Gossage, dem gewieften Fallensteller von The Pond (1985), genau anschaut, wird erahnen, dass das Moment des Scheiterns, das mit dem historischen Anspruch einhergeht, wohl einkalkuliert ist. Als Zerrspiegel gibt der Bildband schließlich eine sehr unbefriedigende Antwort auf die Frage, was bleiben wird von der Berliner Mauer, auch von derjenigen in unseren Köpfen. Abermals hilft ein Seitenblick weiter. Vor drei Jahren veröffentlichte die Rotterdamer Fotografin Kim Bouvy den querformatigen Fotoband NIEMANDSLAND. Das kleinformatige Paperback, das sympathisch alle Merkmale eines Provisoriums vereint, zeigt die Berliner Mauergrenze nach der Öffnung, ein breiter Streifen unbestelltes Land. Es ist eine unsentimentale Spurensuche in sanften Farbtönen, ganz leicht und unbezeichnet. Wenn man die beiden so unterschiedlichen Buchprojekte gegenüberstellt, wird offenkundig: Fertig sind wir mit Berlin – ob in Zeiten der Mauer oder danach – noch lange nicht.

Christoph Schaden, 2005

 

 

John Gossage. BERLIN IN THE TIME OF THE WALL. HC 26 x 34 cm 461 Seiten. Loosestife Editions 2004. 140 Euro

Kim Bouvy. NIEMANDSLAND. SC 21 x 17 cm 160 Seiten. De Verbeelding 2002. 25 Euro

 

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