Joan Fontcuberta. Landscapes without Memory

Joan Fontcuberta

Landscapes without Memory


Die Landschaft war einfach zu schön. Erhaben und völlig unberührt lag sie zu seinen Füßen, gleichermaßen überwältigend wie befremdlich. Im Vorwort seiner jüngsten Buchveröffentlichung „Landscapes without Memory“ erzählt Joan Fontcuberta von der eigenwilligen Erfahrung, die heutzutage einem Großstädter beim Anblick einer unberührten Natur überkommt. Auch dem Katalanen widerfuhr jener schockartige Abgleich, der in Sekundenschnelle bewusst werden lässt, dass die noch verbliebenen Landschaftsszenerien des Realraums in unseren Köpfen längst von Bildern okkupiert worden sind. Was da so spektakulär zu seinen Füßen lag, kam ihm sattsam bekannt vor und konnte dennoch einfach nicht wahr sein.

Man schrieb das Jahr 1984 und Joan Fontcuberta war einer Einladung des berühmten Banff Centre of The Arts in die kanadischen Rocky Mountains gefolgt. An dem namhaften Institut experimentierten damals Kollegen aus der IT-Branche mit Computersimulationen, die für die militärische Nutzung stetig weiterentwickelt werden sollten. Denn es galt, die Erdoberfläche für die PC-Nutzung zu transfigurieren. Wie wir heute wissen, ist es nicht bei der bloßen Mimesis für GPS-Systeme geblieben. Parallel zur viel beschworenen Krise der Landschaft, die mit dem Verschwinden natürlicher Areale einhergegangen ist, sind in unsere Cinecenter und Wohnstuben virtuelle Kulissenwelten eingezogen. Fast kein Hollywoodfilm kommt heutzutage ohne computergenerierte Kunstwelten aus, keine RTL-Serienproduktion ohne digitale Retusche. Dass die Etikette des Realen im Bild zunehmend unbrauchbar geworden ist, mag heute niemanden mehr verwundern. Längst ist der folgenreiche Paradigmenwechsel im Kollektiv verankert und lockt allenfalls Querdenker noch zu Reflexionen.

Auf Joan Fontcuberta passt die Bezeichnung haargenau. Denn als ausgewiesener „Dokumentarist des Fiktionalen“, wie ihn ein lexikalischer Eintrag verzeichnet, ist der Spanier seit den 80er Jahren wie kein anderer prädestiniert für die subversiven Spielwiesen des Realen. In „Landscapes without Memory“, seiner jüngsten Buchveröffentlichung, die im New Yorker Verlagshaus Aperture erschienen ist, hat Fontcuberta den Spieß des Virtuellen einfach umgedreht. Die Vorlagen fand er ausgerechnet bei William Turner, Caspar David Friedrich und Salvador Dali. Rund zwei Dutzend Meilensteine der klassischen Moderne, die die Konstruktion von Landschaft in unseren Köpfen entscheidend mit geprägt haben, jagte er durch ein Softwareprogramm, das im Rahmen eines Mappings auf die Erkennung von Landschaftsräumen spezialisiert ist und daraus wiederum Bildprodukte ableitet. Diesen merkwürdigen Schöpfungsakt zweiter Ordnung bezeichnet Fontcuberta doppelbödig als „Orogenesis.“ Bei dem aberwitzigen Datentransfer handelt es sich weniger um eine wissenschaftliche Versuchsanordnung als um ein anregendes Gedankenexperiment. So sind es die Fragen, die im Mittelpunkt von „Landscapes without Memory“ stehen. Hätte Ansel Adams etwa überhaupt den Weg in die Wildnis gesucht, wenn er die heutigen Techniken zur Verfügung gehabt hätte? Wird der Talbotsche Zeichenstift der Natur nun endgültig vom „Pencil of Technology“ abgelöst? Und beschwört ein solches bildgebendes Verfahren eine kulturelle Amnesie oder bedeutet es vielmehr das berühmte Fenster in völlig neue Landschaftswelten?

So anregend Fontcubertas Gedankenexperiment auch sein mag, so ernüchternd fallen die Bildresultate aus. Der gedächtnislose Apparat hat Primitivlandschaften erzeugt, die in ihrer Simplizität schaurig schön anmuten. Nicht selten wähnt sich der Leser etwa auf der Oberfläche des Titans oder inmitten einer Filmkulisse a la „Lord of The Rings“. Nimmt man die Bilder als ästhetische Produkte ernst, zeigen sich einige überraschende Wendungen im Erkennungsprozess.  Hiroshiges Darstellung des Fujiyama wird etwa als Fontäne interpretiert, und die furchterregende „Große Welle“ von Hokusai verkleinert sich auf das harmlose Sprengsel einer Meerlandschaft, die in der kompositorischen Anlage wiederum an eine Malerei von Courbet denken lässt. Auch fotografische Vorlagen führen zu merkwürdigen Verschiebungen im Erkennungsprozess. So mutiert eine Wolkenstudie von Gustave Le Gray zu einer seebedeckten Kraterlandschaft. Jedoch täuschen solch vereinzelte Entdeckungen nicht darüber hinweg, dass die Bilder in ihrer Summe eine merkwürdige Präferenz der Maschine für sublim monotone Landschaftsszenerien offen legen. Die Spezies Mensch scheint hier nicht überlebensfähig.

Man merkt dem Fotobuch an, vor allem im Layout, dass Joan Fontcuberta mit den Bildergebnissen unzufrieden gewesen ist. Während etwa die virtuellen Erzeugnisse seitengroß abgedruckt worden sind, reduziert sich die Abbildung der künstlerischen Vorlagen auf Vignettenformat. Ein Vergleich zwischen Mensch und Maschine ist also nicht ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Im zweiten Teil von „Landscapes without Memory“ verwendet der Spanier denn auch so genannte „Bodyscapes“ als Bildvorlagen, schwarzweiße Detailaufnahmen eines menschlichen Körpers, um dem Datentransfer überraschende Aspekte abzuringen. Wer hier wen erkennt, bleibt einmal mehr die Frage.

Christoph Schaden, 2006

 

 

Joan Fontcuberta. Landscapes without Memory. 96 Seiten und 40 Abbildungen. Aperture 2005. ISBN 1-931788-79-0. 48 Euro

 

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