Hurricane Katrina

Neues von Katrina

Drei Fotobände und ein Journal versuchen sich an der Hurrikan-Katastrophe von New Orleans


Dass Naturkatastrophen sehr effizient verwertbar sind, zählt zu den älteren Binsenweisheiten der Buchbranche. Ein Blick zurück mag genügen: Als im Februar 1953 nach der verheerenden Jahrhundertflut in den Niederlanden der Bildband „De Ramp“ (zu deutsch: „Die Katastrophe“) in einem Amsterdamer Kollektivverlag erschien, betrug dessen Auflage nicht weniger als 675.000 Exemplare (!). In einem beispiellosen Akt wurde mit dem Büchlein, an dem u. a. schon Ed van der Elsken mitwirkte, nicht nur ein Zeichen nationaler Solidarität zugunsten der Flutopfer gesetzt, sondern ganz nebenbei das Medium Fotobuch auch einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Damals bedeutete die Sichtung der dramatischen Dokumentaraufnahmen ein Bekenntnis zum Humanen, der Kauf des Bandes ein weiteres zur Solidargemeinschaft. Neben der Bibel galt „De Ramp“ bis in die 70er Jahre hinein als der Longseller, der in den Bücherregalen der niederländischen Wohnzimmer und Bibliotheken nicht wegzudenken war.

Man kann darüber spekulieren, ob im Falle des tropischen Wirbelsturms Katrina, der 2005 an der Golfküste wütete, einmal mehr ein nationales Solidarisierungsmoment ausschlaggebend gewesen ist für die prägnant hohe Anzahl von fotografischen Publikationen, die jüngst zum Jahrestag der Flutkatastrophe erschienen sind. Zumal es sich um ein inneramerikanisches Desaster und um ein Versagen der Regierung Bush gehandelt hat, so jedenfalls der gesellschaftliche Konsens. Die Presse fand hierfür die prägnante Bezeichnung „Katrinagate“. So gibt der selbst auferlegte Schuldspruch auch die moralische Leitlinie vor, mit der in Buchform jede rückblickende Aufarbeitung der Flutkatastrophe zu leisten ist. Der Zeigefinger darf also nicht lang genug sein. Allen voran ist Robert Polidoris schwergewichtiger Foliant „After the Flood“ zu nennen, der allein wegen seines Objektcharakters (Größe: 39 x 30 cm, Gewicht: 4,35 Kilo, Seitenzahl: 336) den Hurrikan zum Primärereignis des Jahres stilisiert. Lediglich Joel Meyerowitz ebenso erschlagendes 9/11-Buch „Aftermath“ mag da in den Maßen noch konkurrieren. Dass ein solch bizarrer Hang zur Gigantomanie die Außerordentlichkeit des Krisenszenarios herausstellen soll, liegt auf der Hand, ihm fotografisch gerecht wird Polidori allerdings nicht. Zwar ist der gebürtige Kanadier seit seinem Tschernobylprojekt geradezu prädestiniert für einen unterkühlten Ästhetizismus, der in Großformat und Farbe den Schrecken verseuchter Architekturen und Interieurs abfeiert. Seine Aufnahmen von zerstörten Straßenzügen in New Orleans greifen aber vom Konzept und von der Bildwirkung her ins Leere. Zu dramatisch durchkreuzen entwurzelte Baumstämme und Strommasten die Bildkomposition von Reihenhäusern im Abendlicht, zu farbschön wuchert der Schimmel in zarten Skalierungen auf den feuchten Wänden der verlassenen Wohnungen. Brüche in der Bildanlage, die dem Sujet entsprechend den Betrachter aus der Balance bringen, sucht man vergebens. Nur in einer einzigen Sequenz wagt sich die Kamera dicht heran und registriert in der Küche eines Hauses an der Louis XIV Street ihr eigenes Unvermögen, den Einzelschicksalen auf die Spur zu kommen. Ein Mobiltelefon, eine Bierflasche, eine Batterie mit der Aufschrift „Energizer“ und ein gelber Gummihandschuh blicken stumm zurück.

Man merkt „After the Flood“ an, dass Polidori der hypnotisierenden Bildwirkung seiner Bilder in New Orleans misstraut und gleichwohl alles darangesetzt hat, um Herr über das Chaos vor Ort zu werden. So dekliniert er abgehalfterte Hausfassaden, Innenräume und sogar Wohncaravans in Serien durch, mitunter füllen 32 Bilder eine Doppelseite. Doch auch diese Anordnungen, seltsam verquert im Gusto von Bernd und Hilla Becher ausgeführt, verführen nicht zum vergleichenden Sehen, dafür fehlt den Detail versessenen Aufnahmen wiederum die typologische Strenge. „What’s wrong with this picture?“, fragt denn auch Michael Kimmelman in der New York Times. Aus europäischer Perspektive ist es wohl der fast buchhalterische Erfassungswille, der den mit 581 (!) Aufnahmen bespickten Band unerträglich werden lässt. Ein modernes Pompeji wurde für die Nachwelt hier offenkundig zwischen zwei Buchdeckeln in Beton gegossen. Vielleicht kann man in dem merkantilen Kalkül aber auch eine tiefere Wahrheit vermuten, in den USA ist „After the Flood“ jedenfalls ein großer Erfolg.

Eine weitaus bescheidenere Geschichte erzählt Larry Towell in „The Wake of Katrina“. Intuitiv nahm der kanadische Magnum-Photograph das Bewegungsmotiv des zerstörerischen Ereignisses auf und fuhr mit seinem Kumpel, dem Romancier Ace Atkins, fünf Tage lang durch die Katastrophengebiete von Alabama, Lousiana und Mississippi. „You don’t understand, do you?“ Es muss sich um eine rhetorische Frage gehandelt haben. Denn hier sei seit dem Wirbelsturm eh nichts passiert, so das lakonische Statement eines Dagebliebenen, der gerade ein Budweiser-Sixpack organisiert hat und im Bildband zitiert wird. Konsequenterweise belässt es Towell dann auch beim sprunghaften Erfassen der Agonie. Das Resultat ist ein betont subjektiver Bildessay, gehalten in expressivem Schwarzweiß, der im klassischen Reportagestil einer Bad Story auf den Fersen ist und als Road Trip daherkommt. Panoramen von Friedhöfen und Überschwemmungsgebieten entstanden zumeist aus der Autoperspektive, ein Rückspiegel und Tropfen auf der Windschutzscheibe verhehlen nicht, dass man hier schnell wieder verschwinden will. Towell zeigt, dass sich angesichts der allgegenwärtigen Endzeitstimmung in Sekundenschnelle jede menschliche Intervention als blanker Aktionismus entlarvt. Oftmals kippt die Kamera nach rechts ab, so dass der Blick auf das Restechaos regelrecht entgleitet. Virtuos agiert Towell hierbei mit den Bildstrategien des Kontrollverlusts, um abseits aller Moralisierungen einfach nah dran zu sein. In der Summe ist „The Wake of Katrina“ ein Memento Mori, wie es lebendiger nicht hätte ausfällen können.

Auch Chris Jordan bewegt sich in seinem Fotobuch „In Katrina’s Wake“ auf betont leisen Sohlen. Die Frage lautet diesmal: „Look at these pictures. Is this a crime scene? It’s clearly a shame. But it is a crime, too?“ Die Bilder, die diese Schulddebatte hervorzurufen haben, sind also Reflektionsvorlagen einer ausgedehnten Spurensuche, die auf die tragischen Einzelschicksale verweisen sollen. In hyperrealer Farbigkeit erfasst der Fotokünstler aus Seattle eine Vielzahl an zerstreuten Fundstücken, die er im Untertitel als „Portraits of Loss from an Unnatural Disaster“ bezeichnet. Zumeist in strenger Axialität gehalten, erzählen die vereinzelten Stillleben vom Leben davor und vom Schicksal danach. Ein Radio im Morast, ein Skateboard im Schlamm, ein Kühlschrank eingeklemmt in einer Baumgabel. Jordan nutzt ein ganzes Arsenal probater Isolierungsstrategien, um die Objekte wie Batterien emblematisch aufzuladen. Wo allerdings das Verbrechen auszumachen ist, bleibt in den Bildern außen vor. Wohltuend pathosfrei und offen gelingt es seinen Meditationsbildern vielmehr, im Kleinen das große Drama anzudeuten.

Die Nachlese auf „Katrinagate“ im Jahre Eins ist also äußerst facettenreich, wenngleich sich alle Fotobände dem Paradigma einer von Menschen gemachten Katastrophe verpflichtet fühlen. Es verwundert wohl kaum, dass unter demselben Diktum nun auch eine Publikation in Journalform erschienen ist, um agenturübergreifend den Hurrikan ins Visier zu nehmen. „Katrina. An unnatural disaster“ kommt mediengerecht als Patchwork daher, um in vier Fotoessays das Katastrophenthema auszubreiten. Wer das 120-Seiten-Heft durchblättert, mäandert zwischen Farbe und Schwarzweiß, Schock und nüchterner Bestandsaufnahme, religiöser Endzeitverklärung und politischem Destruktivismus. Fragen werden hier nicht evoziert, stattdessen wird George Bush zitiert: „Mother Nature is a Terrorist.“ Schlaglichtartig machen die Fotoreporter Thomas Dworzak und Paolo Pellegrin (Magnum) sowie Stanley Greene und Kadir von Lohuizen (VU) in ihrem wilden Bildkaleidoskop, unmissverständlich klar, dass Amerika noch lange nicht mit Katrina fertig ist. Dies zeigt nicht zuletzt der Blick auf die Verwertungsmechanismen der Medienindustrie, wenn etwa der Hollywoodschauspieler Sean Penn mit Schießgewehr neben einem Überlebenden posiert.

Angesichts der unterschiedlichen bildkünstlerischen Bildstrategien und Buchkonzepte, die zu ihrem Jahrestag des Wirbelsturms angewendet werden, darf man wohl gespannt sein, welches der Memorabilien sich am längsten in den Bücherregalen halten wird.

Christoph Schaden, 2006

 

Robert Polidori: After the Flood HC 39 x 30 cm, 336 Seiten ISBN: 3865212778 Steidl 2006, 75 Euro

Larry Towell: In the Wake of Katrina HC, 96 Seiten ISBN: 0954689496 Chris Boot 2006, 22 Euro

Chris Jordan: In Katrina's Wake. Portraits of Loss from an Unnatural Disaster HC, 111 Seiten ISBN: 156898622X Princeton Architectural Press 2006, 32 Euro

Katrina. An Unnatural Disaster SC, 120 Seiten ISBN 905330505 The Issue Magazine 2006/1, 19,80 Euro

 

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