Große Sprünge

Einer oder Dreier!

„Große Sprünge“ im Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen


Aachen springt. Wer sich dieser Tage vom Hauptbahnhof kommend den Weg zum Suermondt-Ludwig-Museum bahnt, kommt nicht umhin, die unzähligen Plakate zu registrieren, die auf die „World Equestrian Games“ hinweisen. So liest sich die Ausstellung „Große Sprünge- der entscheidende Moment in der Fotografie“, die Sylvia Böhmer kuratiert hat, schon vor Eintritt wie ein ironisch-liebevoller Kommentar zum Selbstbild einer Domstadt, die sich im kollektiven Ausnahmezustand wähnt. Entsprechend groß ist denn auch die Erleichterung, dass die lauffreudigen Vierbeiner in der Schau weitgehend außen vor geblieben sind. Lediglich „Ruth, buckelnd und ausschlagend“ darf den Parcours im Sinne des fotografischen Kanons eröffnen. Denn die Stute aus Eadweard Muybridges epochaler „Animal Locomotion-Studie“ von 1887 verdeutlicht stellvertretend die Faszination, die die sukzessiven Bewegungsfolgen auf die Zeitgenossen ausgeübt haben, wenn die Beine tatsächlich vom Erdboden abhoben. Im Rückblick bedeutet die präzise Beobachtungsgabe, die mit dem technischen Bildmedium fortan möglich wurde, bekanntermaßen ein wichtiges Kapitel der jüngeren Kunst- und Wahrnehmungsgeschichte. In der Anschauung vor Ort fungiert der Vintage Print jedoch eher als lustvolles Entree, den mannigfaltigen Variationen des Sprungsmotivs nachzuspüren. Denn bewusst verzichtet die Aachener Schau auf Textkommentierung und jeglichen ideologischen Überbau, wie er etwa für die Berliner Ausstellung „Sprung in die Zeit“ 1992 noch maßgeblich gewesen ist.

Erfrischend unbefangen richtet sich also diesmal der Fokus auf die Bilder selbst, die in der Hängung quer durch die Genres manche Merkwürdigkeiten enthalten. Tanzstudien von Charlotte Rudolph und Hans Robertson etwa, die den wahrhaft abgehobenen Augenblick der Schwerelosigkeit lustvoll feiern, stehen übereck zum Reprint eines Turmspringers, den Rodtschenko virtuos als Kugelblitz abstrahiert. Dass die ästhetische Verortung des Bewegungsmoments in bloßes Pathos abgleiten kann, belegen eindrucksvoll mehrere Sportaufnahmen der Olympischen Spiele von 1936, bei denen Leni Riefenstahl die Springerfigur als Heros inszeniert. Wie ein ironischer Kommentar wirkt da nebenan Paul Wolffs Aufnahme aus dem Schicksalsjahr 1933, die einen Skispringer vor den Augen zweier Militärs buchstäblich ins Leere fliegen lässt. Es hat den Anschein, als habe die Propaganda auch dem harmlosen Sprungmotiv in der Sportfotografie jegliche Unschuld geraubt. Einen in die Luft springenden Athleten in Siegerpose - wie allsonntaglich in den Fernsehsendern ausgestrahlt - wird man in der Aachener Ausstellung jedenfalls vergeblich suchen. Den Schlusspunkt der Bilderfolge bildet stattdessen ein nüchterner Multi-flash Farbprint von Harold Edgerton, der in wissenschaftlicher Manier einen Turmspringer in drei Ablaufphasen analysiert.

Der puren Freude am entscheidenden Moment zollt der zweite Raum Tribut, der Kennern der Fotografie eine Begegnung mit zahlreichen Bekannten und einigen Unbekannten bereithält. Zu den Preziosen zählen sicherlich die berühmten Pfützenspringerinnen von Friedrich Seidenstücker, der gleich mit acht Arbeiten vertreten ist. Hannes Kilian schaut Fritz Walter beim Kopfballtraining zu, Walther Vogel erfasst einen großartigen Löwensprung im Zirkus Sarrasani und Eliott Erwitt begibt sich auf die gleiche Höhe, die der Hundefreund gemeinhin zu den skurrilsten Exemplaren der verhätschelten Tiergattung einnimmt. Seine Schnappschüsse sind grandiose visuelle Burlesken, die ausgerechnet im Sprungmotiv die Verquickung der bürgerlichen mit der animalischen Seite der Spezies Mensch auf den Punkt bringt. Zu den größten Entdeckungen zählt denn auch ein Konvolut anonymer Schwarzweißaufnahmen, die allesamt soziologische Bezugsgrößen zum Sprungthema aufweisen. Ein Motiv von 1931 etwa zeigt einen Kellner, der für ein Hürdenrennen in Manchester trainiert. Sein Tablett ist voll, sein Gesichtsausdruck angespannt, die Fallhöhe der angestrebten Existenz offenbar gewaltig.

Überwiegend Kinder und Prominente bevölkern den abschließenden dritten Ausstellungsraum, der ebenfalls farblich gewagt in Braun gefasst ist. Den Bilderreigen eröffnet diesmal Will McBride, gefolgt von Toni Schneiders, Rene Burri und Clemens Kalischer. Man merkt hier die kuratorische Anstrengung, dem abgegriffenen Genre des Kinderbildes noch einige originäre Facetten abzugewinnen. So ist es die in Berlin lebende Fotografin Julia Beier, die mit einer 2002 entstandenen Serie den größten Abstraktionsgrad des Themenkomplexes bewältigt. Auf der gegenüberliegenden Raumseite ist Philippe Halsmans legendäre Jump-Serie mit vier Arbeiten vertreten, Angelika Platen inszeniert mit Sigmar Polke den Künstler als subversiven Springer und Thomas Höpker erliegt dem hypnotischen Blick von Mohammed Ali. Umso überraschender ist der ernste Ausklang. Ein Kriegsbild von 1916 zeigt einen Rapportierhund, einen Schützengraben überspringend, um einen Bericht in die vorderste Stellung zu bringen. Daneben findet sich in zwei unterschiedlichen Ausschnitten das vielleicht berühmteste Sprungbild der Fotografie, es stammt von Peter Leibing. Es ist jener legendäre Übertritt über die Berliner-Mauer, der 1961 einen Volkspolizisten in den Westen brachte. Das Abschlussbild von Ryuji Miyamoto, prägnant in Farbe gehalten, gewährt noch einen letzten lakonischen Blick aus dem Palast der Republik. Es ist der Blick durch das gesprungene Glas. Eine Bewegung als freudlose Metapher.

So liefert die Aachener Schau, zu der leider kein Katalogbuch erschienen ist, ein wahrhaft stimulierendes Panoptikum zu einem Thema, das ganz nebenbei kleine Wahrheiten und Entdeckungen bereithält. Wer sich übrigens noch ins Kabinett bemüht, wird auf zwei UMBO-Kontaktbögen stoßen und im Gästebuch erfahren, dass auch Laien an »Große Sprünge« ihren Spaß haben. Annik vermerkte dort jedenfalls mit kindlicher Feinschrift: „Am besten fand ich die Sprünge vom Einer oder Dreier!“

Christoph Schaden, 2006

 

Große Sprünge. Der entscheidende Moment in der Fotografie Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen bis 12. November 2006

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