ESHPh Kongress 2008

Als Winnetou auf Mathew Brady traf

Zum Jubiläumskongress der European Society of Photography vom 6. bis 8. November in Wien


Wer hätte gewusst, dass es auch Winnetou vergönnt war, in den Himmel aufzufahren? Nachdem Karl May am Ende seines Lebens Amerika doch noch einen Besuch abgestattet hatte, ließ er seine berühmten rothäutigen Indianer für den Roman „Winnetou IV“ wie einen christlichen Erlöser ins Jenseits befördern. Im März 1912, unmittelbar vor seinem Tode, hielt der pazifistisch gesinnte Schriftsteller darüber einen Vortrag im Wiener Sofiensaal. Titel der Veranstaltung: „Empor ins Reich der Edelmenschen“.

Im Eröffnungsvortrag des Jubiläumskongresses, zu dem die European Society of Photography anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens Anfang November 2008 ebenfalls nach Wien eingeladen hatte, berichtete Rolf H. Krauss von einer gigantischen photographischen  Bildprojektion, die in Mays Roman die besagte Himmelfahrt des Indianerhelden auf einem Wasserfall inszenierte. Es war wohl die erste ihrer Art, die in einem Schriftdokument überliefert ist. Seine berühmte Winnetou-Tetralogie ließ der Abenteuerautor mit diesem denkwürdigen Sinnbild enden. Freilich ist ein solch gewaltiges Großbild auch als Metapher geeignet, um das dreitägige Symposium der ESHPh zu charakterisieren, bei dem es galt, insgesamt 19 Fachvorträge, drei Diskussionsrunden, ebenso viele Museumsbesuche sowie eine Jahresversammlung zu bewältigen. Dabei streifte das Themenspektrum des aufwendigen Unternehmens, das mit großer Sorgfalt von Anna Auer und Uwe Schögl initiiert und durchgeführt wurde, enzyklopädisch nahezu alle Epochen und Bereiche der Fotografie.

Gleich zu Beginn warf in einer Diskussionsrunde Peter Weiermair mit Blick auf die Elton-John-Collection die streitbare Frage auf, ob sich angesichts der immergleichen Bilder, die seit Dekaden auf dem Kunst- und Fotomarkt kursieren würden, nicht längst ein verengtes und verfälschtes Bild der Fotografiegeschichte entstanden sei. Seine Forderung nach einem Catalogue raisonné, der den etablierten Kanon bereichern sollte, spiegelt wohl adäquat die Grundbemühungen vieler Redebeiträge wider, offenkundige Leerstellen zu füllen und scheinbar periphere Themen wieder verstärkt in den Blickpunkt zu rücken. Für das 19. Jahrhundert wurden neben monografischen Aufarbeitungen – u.a. über den schottischen Rom-Spezialisten Robert Macpherson und den rumänischen Hoffotografen Szathmari – auch verlegerische Perspektiven berücksichtigt, etwa in einem Beitrag von Steven F. Joseph über das belgische Verlagshaus Simoneau & Toovey, das von 1860 bis 1873 drucktechnisch vollendete fotolithografische Abzüge herausgab. Von Michael Pritchard wiederum stammte der methodisch bemerkenswerteste Ansatz. In einer umfassenden statistischen Analyse wertete der junge Brite für das England des 19. Jahrhunderts insgesamt 3.900 britische Patente zur Fotografie [sic!] aus. Da wurde eine längst vergessene Präferenz zur Technikgeschichte, wie sie einst Josef Maria Eder und Helmut Gernsheim propagierten, durch einen zeitgemäßen Methodenapparat erstaunlich relevant.

Methoden- und Themenvielfalt zeichneten auch die Vorträge für das 20. Jahrhundert aus. Ben Baruch Blich aus Jerusalem untersuchte etwa die Täterperspektive von Holocaustbildern. Die Brüsselerin Tamara Berghmans ging den Einflussweisen von Otto Steinert und der subjektiven Fotografie in Belgien nach, Tim Otto Roth (Gaggenau) hinterfragte kritisch die Wesenheit des Fotogramms und Thomas Dietrich (Berlin) verortete modernistische Sichtweisen der Fotografie in deutschen Gazetten vor dem Ersten Weltkrieg. Insgesamt lieferte die Tagung ein überaus facettenreiches Patchwork zur Fotogeschichte. Dabei kann man es nicht hoch genug schätzen, dass die Veranstalter zeitgerecht einen voluminösen Tagungsband fertig stellen konnten, der auf 528 Seiten (!) insgesamt 44 wissenschaftliche Texte sowie umfassendes Bildmaterial vereint. Er sei wirklich empfohlen.

Zum Abschluss des Kongresses dozierte Erich Lessing noch über die Entwicklung der Reportagefotografie. Er tat dies altmeisterlich im Sinne einer großen Erzählung, denn schließlich gelte es, so das Wiener Magnum-Urgestein, dass die Story stets im Mittelpunkt stehe. Urplötzlich läuteten da die Glocken und Lessing wurde mitten im Redefluss über die amerikanische Bürgerkriegsfotografie gestoppt. Er schaute zunächst flehentlich nach oben, um dann mit Augenzwinkern anzumerken, Mathew Brady hätte sich wohl soeben gemeldet. Einmal mehr war der Himmel so nah.

Christoph Schaden, 2008

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