Duane Michals. Foto Follies

Der alte Mann und die Fotokunst


Sidney hat es schwer. Um das Buch aus dem Regal zu ziehen, muss er sich schon ziemlich weit strecken. In einem anderen Moment steht der Blondschopf wartend an der Straße und hofft, dass ihn endlich jemand mitnimmt. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet, das Händepaar im Rücken verschränkt, der Metallkoffer auf dem Bürgersteig abgestellt. Es versteht sich von selbst, dass niemand kommen wird. Dann sieht man Sidney bei der Morgenmaniküre. Die Nägel seiner rechten Hand hat er gerade lackiert, sein Haar wirkt noch zerzaust und eine halb abgebrannte Zigarette hängt lose aus dem Mund. Diesmal können wir Sidney tief in die Augen sehen. Es sind die Augen eines alten Mannes, der hinter einem altmodischen Brillengestell todtraurig wie einst Buster Keaton in diese Welt zu blicken scheint. Für diejenigen allerdings, die mit dem Motiv eine fotografische Vorlage und unter dem Toupet ein Gesicht aus der Wirklichkeit zu verbinden wissen, sind sie zum Schreien komisch.

Denn wir alle kennen Sidney, die vormals Cindy hieß, und natürlich kennen wir auch all die Bilder ihrer legendären Film Stills-Serie, die hier wunderbar burlesk aufs Korn genommen werden. „Who is Sidney Sherman?“ ist denn auch eine rein rhetorische Frage. Zumal die Augen, in die man realiter blickt, keinem Unbekannten gehören. Altmeister Duane Michals, der im Februar sein 75. Lebensjahr vollendet hat, mimte für sein jüngstes Buchprojekt Foto Follies den Narren, der sich die Freiheit herausgenommen hat, mit beißender Schärfe die jüngeren Entwicklungen der Fotokunst auf die Schippe zu nehmen. Gleich eingangs nennt das kleine Büchlein als Referenz das weitgehend vergessene Unterhaltungsformat des „Vaudeville“, eine US-amerikanische Frühform des Varietes, in dem einst Stummfilmstars wie Buster Keaton, W. C. Fields und die Marx Brothers auftraten. Die Maskerade, in die der Narr in Foto Follies schlüpft, ist ein intellektuelles Alter Ego namens „Dr. Duanus“, ein Typ, dem schlichtweg nichts heilig ist. Menschliche Exkremente werden etwa von ihm mit einem brennenden Holzkreuz ausstaffiert, ein ironisches Statement zur Andre Serranos wohl kalkuliert skandalösen Pissing Christ-Arbeiten. Der hl. Franz von Assisi lässt grüßen. Es liegt auf der Hand, dass Michals spottende Nachahmungen dann am besten zünden, wenn sie dem vermeintlichen Original bedrohlich nah kommen. „A Dr. Duanus Photograph of a Sherrie Levine Photograph of a Walker Evans Photograph” heißt es lapidar zur berühmtesten Bildikone der Appropriation Art. Auf der gegenüberliegenden Buchseite schaut der Leser immer noch auf das Portrait der armen Farmersfrau aus dem Jahre 1936. Vom Original über das künstlerische Plagiat zur Parodie ist es halt nur ein Katzensprung. Von Delikatesse sind auch die „Twenty Rolls of Toilet Paper“, die sorgsam aneinandergereiht die Coolness der Ed-Ruscha-Arbeiten ad absurdum führen. „From Twenty Six Men’s Room in Twenty Gay Bars on Santa Monica Boulevard in West Hollywood“, kommentiert eine allzu vertraute Typographie.

Die Vaudeville-Vorstellung des Duane Michals wäre ein einziges Vergnügen, wenn nicht ein merklicher Unmut über die aktuellen Verhältnisse des Kunstmarktes den dünnen Band durchziehen würde. Schon das Buchcover fügt im Untertitel pamphletartig an, dass die Fotografie ihre Unschuld auf dem Weg zur Geldbank verloren habe. Das darunter platzierte Dollarzeichen, angeblich eine Haarschuppenarbeit des Konzeptkünstlers Vic Muniz zitierend, weist den Weg. Man merkt, dass Michals mit seinen Verballhornungen die neuen Superstars der Fotoszene unbedingt bis ins Mark treffen wollte. Eine Farbsequenz, die eine unrühmliche Begegnung mit Pipilotti Rist karikiert, zeigt eine junge Frau im roten Kleid, die mit einem Baseballschläger genussvoll auf einen älteren Passanten eindrischt, um sich nach getaner Arbeit erneut die Lippen zu schminken. Ganz nebenbei erfährt der Leser, dass das Kleid von Prada gesponsert wurde. Noch Fragen?

Es mag überraschen, dass ausgerechnet dem sensiblen Poeten unter den Fotografenheroen allzu oft die notwendige Distanz entglitten ist, um die Hohlstellen der Fotokunst humoresk freizulegen. Ein Manifest reiht scheinbare 32 Bonmots aneinander, die in ihrer Eindeutigkeit alles andere als lustig sind. „The Beckers are the godfathers of The Düsseldorfer Avant-Garde Photo Kunst Academie of Derriere-Garde Photography mafia”, heißt es beispielhaft unter Punkt 10. Der Zorn des alten Mannes gewinnt zeitweilig so überhand, dass der Blick des Narren getrübt wird. Thomas Ruff wird etwa mit Rineke Dijkstra und Wolfgang Tillmans in einen Topf geschmissen und Andreas Gursky mit einer Gewürzgurke abgefertigt. Gerhard Richter, so heißt es, habe einfach seine Brille verloren. Und selbst von unserem Sidney Sherman wird behauptet, er habe ein Traktat von Wittgenstein entwenden wollen.

Erst am Ende des Buches steht wieder der Komiker des Vaudeville vor uns. Zur Abwechslung trägt er jetzt ein brünettes Toupet. In ungelenker Denkerpose schaut er uns diesmal an wie Woody Allen. Keine Frage, man würde ihm alles verzeihen. So bleibt zwar nach der Lektüre der Foto Follies ein leicht bitterer Nachgeschmack zurück, etwas mehr Gelassenheit hätten wir diesem Dr. Duanus durchaus gewünscht. Aber sein Kollege Alec Soth merkte völlig zu Recht an, dass Duane Michals, der mit seinen inspirierenden Fotostorys der Fotografie schließlich ein weites Feld eröffnet habe, eh ein Platz im Olymp sicher sei. Und das ganz unabhängig davon, wie viel der Kunstmarkt für Cindy oder Sidney derzeit hergibt.

Christoph Schaden, 2007

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