Vertical Journey - Die spektakuläre Rückkehr der Diane Arbus

Vertical Journey

Die spektakuläre Rückkehr der Diane Arbus


Es ist wohl kein Zufall, dass sich Amerika seit dem 11. September 2001 wieder auf Diane Arbus (1923-1971) besinnt. Der überwältigende Erfolg von REVELATIONS, ihrer ersten großen posthumen Werkschau seit 1972, die seit letztem Jahr durch die Vereinigten Staaten tourte, gipfelte dieses Frühjahr in ihrer Heimatstadt New York. Die Retrospektive im Metropolitan Museum of Art hat wahre Besuchermassen angezogen. Darüber hinaus sind zwei aufwendige Publikationen erschienen, die das Phänomen Diane Arbus aus unterschiedlichen Blickwinkeln erneut zu fassen versuchen. Nicht zuletzt ist ein Hollywood-Spielfilm, der auf Grundlage der Biografie von Patricia Bosworth das Leben und Sterben der einflussreichen Fotografin nachzeichnen soll, bereits in Planung. Für die Hauptrolle ist Nicole Kidman vorgesehen.

Wenn die Figur einer verstorbenen Fotografin, die seit Dekaden als Kultfigur gehandelt wird, kurzerhand einen so breiten Popularitätsschub erfährt, darf man über Ursachen spekulieren. John Szarkowski, der Mentor der amerikanischen Fotografie, beobachtete bereits 1978, dass die Folgen des Vietnam-Krieges für die amerikanische Bevölkerung weniger politischer und militärischer, sondern vielmehr psychologischer Natur waren. „Es brachte uns zu der plötzlichen und eindeutigen Erkenntnis über unsere moralischen Versäumnisse und Fehltritte. Die Fotografien, die den Schock der neuen Erkenntnis in unser Gedächtnis brannten,… stammen von Diane Arbus.“ Demnach waren es weniger die schockierenden Pressefotos aus dem fernöstlichen Kriegsgebiet als die fragil verstörenden Menschenaufnahmen einer Einzelgängerin, die das nationale Selbstbild der amerikanischen Elite, die sich bis heute als einzige militärische und moralische Supermacht begreift, nachhaltig erschüttert haben. Dass der Rückverweis auf die vermeintlichen Abgründe innerhalb der eigenen Gesellschaft zwiespältige Reaktionen hervorrufen kann, musste die Fotografin noch am eigenen Leibe erfahren. In einer Besprechung zur MoMA-Ausstellung New Documents, die sie 1967 mit Lee Friedlander und Garry Winogrand bestritt, hieß es kühl: „Diane Arbus is the most shockingly alert to a human stratum most of us have little contact with…“ Der Schock saß umso tiefer, weil er auf Seiten der feinsinnigen Fotografin nicht einer zynischen, sondern humanistisch geprägten Geste folgte. Nudisten, Transvestiten, Zirkusleute, Riesen, Kleinwüchsige und Behinderte, aber auch Babys, Kinder und Mitglieder der New Yorker Upper Class bevölkern bekanntlich den Bilderkosmos der Diane Arbus. Übersehen wird hierbei allzu oft, dass die „contemporary anthropology“ in ihrer Gesamtheit ein bemerkenswert breites Gesellschaftspanorama widerspiegelt. Wenn man Szarkowski also wörtlich nimmt, fungieren die irritierenden Portraitaufnahmen als ein Akt der Reinigung made in USA, indem das kollektiv Ausgeblendete integriert werden kann. Es ist zu vermuten, dass in den posttraumatisierten Zeiten der Bush-Ära dieses rituelle Bedürfnis besonders ausgeprägt ist. Exemplarisch äußert sich das „Amerika im düsteren Spiegel der Fotografie“ (Susan Sontag) im Falle von Diane Arbus in ihrem vielleicht berühmtesten Bild aus dem Jahre 1962, das ein mit einer Plastik-Handgranate spielendes Kind im New Yorker Central Park zeigt. Die Wirkkraft des Bildes ist ungebrochen, mit der Erinnerung an das Attentat von Columbine lässt es mehr denn je das Blut in den Adern gefrieren.

Als Mythos ist Diane Arbus also hochaktuell, zumal in ihrem Suizid Leben und Werk eine tragische Verdichtung gefunden haben. Die zweischneidige Faszination, die dieser Mythos hervorruft, hat Sandra S. Philipps, die verantwortliche Chefkuratorin der Ursprungsschau in San Francisco, in Abstimmung mit dem Estate of Diane Arbus LLC der beiden Arbus-Töchter zu einer Doppelstrategie veranlasst, die sich bereits im Titel andeutet. Zunächst weckt REVELATIONS ─ zu deutsch: OFFENBARUNGEN ─ die Erwartung auf weit reichende Wahrheiten und intime Geständnisse. Der Buchkoloss in Katalogform aus dem New Yorker Verlagshaus Random House, der in Deutschland in einer identischen englischsprachigen Lizenzausgabe bei Schirmer/Mosel vorliegt, breitet auf 352 Seiten mit über 550 Abbildungen eine Materialfülle aus, die ein Eintauchen in die Intimsphäre der Fotografin fast zwingend macht. Tagebuchnotizen wechseln sich ab mit Rezensionen und Briefausschnitten, die Memorabilien reichen vom Kinderfoto bis zum ärztlichen Autopsiebericht ihres Selbstmordes im Juli 1971. Selten ist das Leben einer Fotografin so radikal offen gelegt worden wie im Falle von REVELATIONS. Eine ausführliche Chronologie, die Dianes Tochter Doon Arbus nachzeichnet, umfasst ihre ersten fotografischen Gehversuche bei Berenice Abbott und Lisette Model, die Werkgenese ihrer angewandten Arbeiten von The Vertical Journey (1960) bis zu The Happy, Happy, Happy Nelsons (1971) und nicht zuletzt die Entwicklung ihrer Karriere von einer Modefotografin zu einer freien, teils gefeierten wie missverstandenen Künstlerin, die letztlich an sich selbst scheitert. Für ihr Portfolio Box of ten photographs (1970) schrieb sie den Titel mit der Hand über hundert Mal auf ein Blatt Papier. Es findet sich nahezu faksimiliert im Buch wieder. Diese introspektive Erkundung grenzt zuweilen an Voyeurismus, indem sie offensichtlich einem Kalkül der Distanzlosigkeit folgt und dem Mythos Diane Arbus zuarbeitet. Die Nabelschau gelingt zugleich in jenen Passagen, in denen die vielfältigen Referenzen und Einflussfaktoren der Kultfotografin erstmals zutage treten. Der Leser erfährt etwa, dass Diane Arbus einen Brief an August Sander schreiben wollte, wann sie Walker Evans traf und wie oft sie sich mit ihrem Kollegen Richard Avedon austauschte. Erhellend sind vor allem die sieben abgedruckten Kontaktbögen, die den spezifischen Arbeits- und Selektionsprozess dokumentieren.

Nach der Lektüre scheint bei der Vielzahl an Informationen und Dokumenten zwar alles gesagt, aber wenig ergründet. Wie fragwürdig der wortgewaltige Offenbarungswille daherkommt, äußert sich auch in Gegenüberstellung zu der wohl ergreifendsten Arbus-Publikation UNTITLED, die 1995 bei Thames & Hudson erschien. Auch hier war der Titel Programm, die Präsentation ihrer seit 1969 entstandenen Bilderfolge behinderter Menschen bedurfte schlichtweg keiner Kommentierung. In summa ist das Projekt REVELATIONS also eine riesige Fundgrube, die Fallstricke für den Rezipienten bereithält, zumal die wortreiche Inszenierung des Mythos noch einer zweiten Strategie zugrunde liegt. Zu Recht hat Freddy Langer von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Titel in Anlehnung an die biblische Offenbarung des Johannes als eine „vorweggenommene Reportage des Weltuntergangs“ verstanden. Es ist frappant, wie in der Begrifflichkeit fast durchweg ein religiös verklärender Grundton angeschlagen wird, sogar Sandra S. Philipps Essay ist mit der pathetischen Überschrift „Questions of Beliefs“ versehen. Zwar lässt sich der verklärende Diskurs in der Selbstwahrnehmung der Diane Arbus durchaus verankern, 1969 schrieb sie etwa aus London ein Postkarte an Richard Avedon mit dem Kommentar: „It’s nice to be here but I think I’d have been a pilgrim.“ Und Mark Stevens betonte in seiner Besprechung der New Yorker Show „the quasi-religious, sacramental quality of Arbus’s sensibility.“ Die unverhohlenen Überhöhungsstrategien muten dennoch sehr amerikanisch an.

Einen deutlich elitäreren Annäherungsversuch an das Phänomen Diane Arbus wagt die Fraenkel Gallery mit ihrer jüngsten Publikation THE LIBRARIES, die in exklusiver Limitierung das intellektuelle Profil der Fotografin zu fassen versucht. Das Buchobjekt offenbart sich als hochwertiges Leporello, das in Form eines einzigen Regals die rund 300 Titel umfassende Bibliothek aus dem Nachlass der New Yorkerin zur Schau stellt. Susan Sontag sagte einmal, ihre Bibliothek sei die Karte ihres Hirns, entsprechend zahlreich finden sich die humanistischen Bezugsgrößen aus Literatur, Soziologie, Psychologie und Kunst in der schön drapierten Büchersammlung der Fotografin. Angereichert durch dekorative Relikte birgt der Nachlass einige Überraschungen. Die Palette reicht von Dante bis Beckett, von El Greco bis Oldenburg, von C.G. Jung bis Ouspensky. Es scheint, als habe die Designerin Yolanda Cuomo noch eins draufsetzen wollen, indem sie das Leporello horizontal unterteilt und in der unteren Hälfte die bibliografischen Angaben vertikal direkt unter die jeweiligen Buchrücken platziert hat. Diese wirken wie Ausschläge eines Elektroenzephalogramms und sehen ungemein ästhetisch aus. Dennoch bleibt das postmoderne Spiel der Referenzen pure Oberfläche.

Nun ist REVELATIONS zum Auftakt der Europatournee im Folkwang Museum in Essen zu sehen, es folgen Stationen in London und Barcelona. Man darf gespannt sein, wie der Mythos in der gekonnt nüchternen Handschrift von Ute Eskildsen hierzulande inszeniert wird. Abseits aller medialen Verwertungsmechanismen und Interpretationsstrategien ist zu wünschen, dass die Rückkehr der Diane Arbus eine Rückbesinnung auf das Wesentliche bedeutet. „What’s left after what one isn’t is taken away is what one is“, steht vieldeutig in ihrem Tagebuch. Sie meinte sicher die Fotografie.

Christoph Schaden, 2005

 

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