Chargesheimer

Fundstelle »11 F:65«

Köln zelebriert endlich Chargesheimer


Was es bedeuten kann, im Rheinland ein fotografisches Erbe vor dem Vergessen zu bewahren, berichtete im Mai diesen Jahres ein Zeitungsartikel des Kölner Stadt-Anzeiger. „Nach aufwändigen Recherchen“, so das Tageblatt, sei auf dem Kölner Prominentenfriedhof Melaten „hinter wuchernden Büschen und Bäumen“ eine seit langem vergessene Grabstelle wiederentdeckt worden. An der Koordinate »11 F:65« überdauerten die sterblichen Überreste des legendären Chargesheimer, der ebendort 1972 an einem nasskalten Januartag beerdigt worden war.

Es lag auf der Hand, dass sich den katholisch geprägten Rheinländern, die aus der Reliquienverehrung schon immer Nutzen zu ziehen wussten, plötzlich eine willkommene Gelegenheit bot, den Lokalkult um den zu Lebzeiten berühmten wie umstrittenen Fotokünstler wiederzubeleben. Eine Gesellschaft um den namhaften Gastronom Gigi Campi, die sich den Namen des Fotografen gegeben hat, errichtete in einer Feierstunde einen neuen Grabstein und mietete das Erdstück für die nächsten 35 Jahre an. „Chargi hätte uns gerne schweigen gehört“, sinnierte der alte Weggefährte, um sogleich das Gegenteil zu tun. In Anwesenheit städtischer Würdenträger, darunter des Oberbürgermeisters und des Stadtdechanten, hatte die Chargesheimer-Gesellschaft bereits im Vorjahr mit „göttlicher Unterstützung“ (KStA) die Weihe eines Nischenplatzes in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs erwirkt. Ein Bronzeschild, das seither am „Chargesheimerplatz“  angebracht ist, verkündet den Zugereisten, wie die Schlagwörter des Gedenkens ausgefallen sind für jenen Mann, der vor 83 Jahren unter dem bürgerlichen Namen Carl Heinz Hargesheimer geboren wurde. „Photograph, Photolehrer, Bühnenbildner, Regisseur, Kinetiker, Maler, Publizist und Bildhauer“, ist da zu lesen, und abschließend: „Ein Kölner Multikünstler, der seiner Zeit voraus war“.

»seiner Zeit voraus«

Von außen mag man die von Pathos durchsetzte Vereinnahmung, die mitunter Züge einer Heiligsprechung trägt, wohl mit einem Schmunzeln registrieren. Zumal sie posthum einer Künstlerperson gilt, die zeitlebens in einer Art Hassliebe mit der Domstadt verbunden blieb. Literaten wie Heinrich Böll und Rolf Dieter Brinkmann ereilte ein ähnliches Schicksal. Chargesheimer war indes in Köln nie wirklich vergessen, zu präsent blieb seine polarisierende Erscheinung in der Erinnerung der Zeitgenossen. Fest verankert blieben auch seine Identität stiftenden Fotobände in den Buchregalen der Stadteinwohner. Sein Freitod, dessen Umstände bis heute nicht restlos geklärt werden konnten, trug ebenfalls dazu bei, dass die Mystifizierung der Person die künstlerische Dimension seines Werks zunehmend überschattete. Die fällige Aufarbeitung des Nachlasses im Museum Ludwig, der rund 3.000 Schwarzweiß- und etliche Farbfilme umfasst, blieb lange aus. Zwar würdigte das Museum in den 80er Jahren das Œuvre des Fotografen in zwei Retrospektiven, doch fiel erst 2004 der Startschuss zur systematischen Erfassung des Bestandes, die in Kooperation mit dem Rheinischen Bildarchiv in Angriff genommen werden sollte. Auf Basis dieser Aufarbeitung zeigt nun das Museum Ludwig die von Bodo von Dewitz kuratierte Schau „Bohemien aus Köln – Chargesheimer 1924-1971“.

»Bohemien aus Köln«

Nicht ohne Koketterie vermittelt der Titel der Ausstellung, dass die Folie „Person versus Großstadt“ ein weiteres Mal im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Denn zwangsläufig bedingt der Begriff des „Bohemien“ das Eigenbild der Stadt als Metropole. Für Chargesheimer, der Mitte der 50er Jahre einige Zeit in Paris verbracht hatte, bedeutete die bohemienartige Selbststilisierung allerdings weitaus mehr als eine Attitüde. Es handelte sich um eine bewusst gewählte Lebensmaxime, so Bodo von Dewitz und Eberhard Illner in den einleitenden Essays des Katalogs. Denn erst die Denk- und Handlungsformen des französischen Existentialismus bildeten die geistige Plattform, auf der sich die eigenständige Künstlerposition des jungen Chargesheimer entfalten konnte. Selbst im Rückblick wirkt die Werkgenese noch atemberaubend frei und radikal. Von ungehemmter Experimentierlust sind etwa die ersten Jahre geprägt. In losem Kontakt zur Gruppe fotoform entstehen nach Kriegsende die ersten Lichtgrafiken und Fotogramme, zeitgleich arbeitet Chargesheimer an Drahtskulpturen, über die sich Liselotte Strelow empört. In „gnadenloser“ Präsentation zeigt er Mitte der 50er Jahre auch seine auflösenden und verfärbten Portraitfotografien im Kölnischen Kunstverein. Einige Fotopapiere hat er absichtlich nicht ausfixiert. 

»Solche Darstellungen akzeptieren wir nicht«

Eine Portraitfotografie bringt schließlich deutschlandweit den Durchbruch. 1957 schmückt Chargesheimers umstrittenes Adenauerbild den Titel einer Spiegelausgabe. Es hagelt Protestnoten und Leserbriefe, die den Kanzler verunglimpft sehen. Ohne die wechselvolle Rezeption ist Chargesheimers fotografisches Schaffen nicht zu verstehen. Zu den überzeugendsten Akzenten des flankierenden Katalogs zählt denn auch, dass ein ganzes Bündel von Entstehungs- und Wirkungsgeschichten geschnürt wird. Leitmotivisch werden dabei die Bildbände herangezogen, die bis heute den Ruhm des Fotografen begründen. Anhand einer Archivalie untersuchen etwa Reinhard Matz und Eberhard Illner akribisch die Einflussnahme eines kölnischen Beamten auf die Gestaltung des 1957 erschienen Bildbandes „Cologne Intime“. Chargesheimers legendäres Fotobuch „Unter Krahnenbäumen“, das nun auch wieder in einer originalgetreuen Neuausgabe vorliegt, wird auf gleich drei Doppelseiten aufgeblättert. „Wir haben einen solchen Photoband noch nie gesehen“, berichtet Die Welt euphorisch über den kleinen Bildband, der erstmals in der Geschichte der Fotografie eine Straße ins Visier nimmt. “Er trifft uns, wie eine reine Wahrheit uns trifft.“ Von wiederum kontroversen Reaktionen, die die Veröffentlichung  des im gleichen Jahr erschienenen Fotobuchs „Im Ruhrgebiet“ hervorruft, berichtet der Essay von Sigrid Schneider. „Die Ruhrgebietsstädte sind es gründlich leid, von Außenseiter dargestellt zu werden“, wettert ein Bürgermeister in Essen. „Wir haben nicht die Absicht, derartige Veröffentlichungen unwidersprochen zu akzeptieren.“ Chargesheimer, um Provokationen nie verlegen, kontert auf einer Podiumsdiskussion, dass er das Buch den Menschen gewidmet habe, die darin abgebildet seien. Und nicht den Bürgermeistern, „die dadurch ihre fleißige Verwaltungsarbeit geschmälert sehen.“

Dass eine rezeptionsgeschichtliche Einbettung nicht nur amüsante Zeitbilder und Erkenntnisse bereithält, sondern auch völlig neue Seitenblicke eröffnen kann, belegt Chargesheimers Schaffen in den 60er Jahren. Jazz und Theater heißen fortan die Aktionsfelder, die sich zum Teil in Publikationen niederschlagen. Später interessieren ihn mehr und mehr kinetische Objekte. Eusebius Wirdeier weist auf eine bislang unbeachtet gebliebene Regie- und Bühnentätigkeit hin, die den kreativwütigen Künstler 1962 für die Experimentaloper „Intolleranza“ gar ans Mischpult getrieben hat. KZ-Bilder paaren sich mit apokalyptischen Schlachtszenen, Projektionen von Überschwemmungen werden konfrontiert mit Aufnahmen seiner früh entstandenen Gelatinemalereien. Natürlich wird auch diese Kölner Bühnenarbeit zum Skandal. Höhepunkt und Fanal bleibt jedoch  „Köln 5 Uhr 30“, ein gutes Jahr vor  Chargesheimers Tod erschienen. Die Broschur zeigt seine Geburtsstadt als lebloses Asphaltghetto, ein Stadt, die an sich gescheitert ist. Dem bibliografischen Großformat haben Martin Parr und Gerry Badger jüngst eine dezidiert amerikanische Sichtweise attestiert. Eine solche Außenperspektive ist in der Kölner Schau allerdings nicht zu finden. Es genügt vollends, wenn die Stadt ihren Bohemien endlich wieder zelebrieren darf. So präsentiert die Ausstellung die verschiedenen Werkblöcke extrem dicht behängt in abgedunkelten Kabinetträumen, die wohl nicht zufällig an barocke Grabkammern erinnern. Stakkatoartig werben im Entree gleich mehrere mannshohe Blow Ups mit dem Konterfei des Fotografen. Und am Ende der Flucht beherbergt ein Vitrinenschrein die Buchinkunabeln anstelle der Gebeine. »Chargi« wird in Köln geliebt, Chargesheimer indes immer noch verkannt.

Am 28. Oktober wird in einer Matinee im Museum Ludwig der Blick der nachfolgenden Fotografengeneration auf die Domstadt und den einst so strittigen Multikünstler diskutiert. Titel der Veranstaltung: „Chargesheimer hätte sich kaputt gelacht.“ Im Rheinland weiß man eben, was es heißt, ein fotografisches Erbe zu bewahren.

Christoph Schaden, 2007

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