Books On Books

Unters Messer

Jeffrey Ladd seziert in seiner Errata Editions Klassiker des Photobuchs


Lose eingelegt, informieren Errata-Zettel meist über peinliche Nachbesserungen in der Orthographie und im Anmerkungsapparat eines Buchwerks. Dem Museum of Modern Art in New York unterlief ein solcher Lapsus im berühmten Katalog American Photographs von Walker Evans, der im Jahr 1938 veröffentlicht wurde. Irrtümlicherweise war dort nämlich auf Seite 194 der berühmte Erfinder der Photographie mit den Vornamen „Niecéphore“ und nicht „Nicéphore“ vermerkt. Bloß eine Marginalie? Nahezu faksimiliert findet sich das Erratum nun im zweiten Band der Reihe Books on Books wieder, in der sich Jeffrey Ladd dieser längst vergriffenen Inkunabeln der Photobuchgeschichte annimmt. Man darf sicher spekulieren, dass diese Reminiszenz von Verlegerseite mit Augenzwinkern erfolgt ist.

Jüngst erläuterte der passionierte New Yorker Photograph bei einem Vortrag in Kassel, dass die Zielsetzung seines bibliophilen Unternehmens ausgesprochen pädagogisch sei. Es gelte schließlich, Meilensteine der Photobuchliteratur, die durch den Hype der letzten Jahre sündhaft teuer geworden wären, wieder in die kollektive Anschauung zurückzuverorten. Angesprochen seien verstärkt Studenten und Photobuchenthusiasten, betont er. Angesichts der Vielzahl von Neuauflagen und hochwertig veredelten Reprints, die den Buchmarkt in den letzten Jahren überschwemmt haben, mag die Sinnhaftigkeit der Errata Editions nicht unmittelbar einleuchten. Umso mehr besticht gleichsam das Konzept und die gestalterische Umsetzung der Reihe, die mit den gängigen Kategorien nur unzureichend beschrieben werden können.

Walker Evans’ epochaler Katalog etwa, der bereits mehrere Wiederauflagen erfahren hat, wird im Original gleichsam seziert. Als Buch im Buch quasi mit einem Passepartout hinterlegt, folgt der Darstellungsmodus des Bandes strikt der vorgegebenen Chronologie, Doppelseite auf Doppelseite. Ladd waltet dabei mit der Sorgfalt eines Chirurgen, der Effekt bei der Lektüre ist evident. Denn die Vorlage wird freigelegt, nicht fetischisiert, und aus der gewonnenen Distanz treten beispielsweise Bilderfolge und Layout in den Vordergrund. Ein hervorragender Druck tut das übrige, um die Delikatesse der Vorlage nicht nur analysierbar, sondern auch spürbar werden zu lassen. Wenngleich das gewählte Illustrationsverfahren keineswegs neu ist, offenbart dessen konsequente Anwendung in der Summe tatsächlich ein ideales Studienobjekt. Da hilft es auch, dass der Band durch einen Text von John T. Hill angereichert wird, der der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte von American Photographs im Detail nachspürt. Ein Appendix, der neben einem Portrait des Photographen eine bibliografische Übersicht und ein Nachwort des Verlegers bereithält, rundet das Buch ab.

Vier Bände der Books on Books-Reihe sind bisher erschienen, die - allesamt nummeriert und in einheitlichem Format gehalten – dem beschriebenen Impuls der Sichtbarmachung folgen. Eine heterogene Titelauswahl zeigt dabei, dass Jeffrey Ladd beabsichtigt, einen weiten Rahmen abzustecken. Neben Evans Amerikaband veröffentlichte er Photographe de Paris von Eugène Atget (1930), Fait von Sophie Ristelhueber (1992) und In Flagrante von Chris Kilipp (1988). Der Kanon, man weiß es, ist groß. Umso spannender scheint die Frage, welcher Band als nächster kommt.

Christoph Schaden, 2009

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