Auris

Wollen wir das totale Bild?

Anmerkungen zur größten Bilderschau aller Zeiten


Sage einer, dies wären keine Zeiten für Superlative. Da reibt sich hierzulande die Kunstszene ungläubig die Augen und müht sich sichtlich überfordert, vor den rund 50 bildgewaltigen Hochglanzprints von Andreas Gursky Haltung zu wahren oder erst eine zu finden. Zumal diese maßstabsgerecht auf einer Fläche von 1.800 Quadratmetern präsentiert werden im ehemaligen NS-Repräsentationsbau des Münchner Hauses der Kunst, flankiert vom lapidaren Statement des Meisters höchstselbst, der verkündet, dass die Räume wie für seine Bilder geschaffen seien. Derweil kapituliert die Kunstkritik vor den strömenden Besuchermassen und den hochgradig ambivalenten Überwältigungseffekten, die die Großformate hervorrufen. Die Medienmaschinerie läuft von den Tagesthemen bis zur Bild-Zeitung auf Hochtouren. Keine Frage: So etwas hat es in der Geschichte der Fotografie zumindest in diesem Lande noch nicht gegeben. Selbst die tageszeitung, ansonsten eher eine nüchterne Analytikerin jedweder Medienhysterie, attestiert unverhohlen „das totale Bild“ und „Panoramen des Unermesslichen“. Eine Ungeheuerlichkeit, mag manch einer denken. Dabei ist das ein Nichts gegenüber dem, was den Besucher der Gursky-Megashow in jenen Tagen erst draußen vor der Tür erwartet.

Vielleicht wird man zunächst einmal durchatmen und noch nichts bemerken. Doch dann, ein erstes Bild, ein sichtlich ruhiges, auf Fernwirkung angelegt, irgendwie wohltuend, fast kontemplativ. Es wird wohl nicht das einzige bleiben. Den Besucher erwarten diesmal in der Summe einemillionachthunderttausend Quadratmeter pures Bild (in Zahlen: 1.800.000 qm, dies entspricht umgerechnet 1.000 Gursky-Shows). Präsentiert auf insgesamt 202.000 Bildflächen im Großformat, in insgesamt 82 Großstädten über 100.000 Einwohner, bundesweit. Es handelt sich schlichtweg um die größte Bilderschau aller Zeiten, fast über Nacht gehängt. Ein visueller Overkill, platziert im öffentlichen Raum, aus 27 Bildern komponiert und für zehn Tage omnipräsent. Willkommen in der Ausstellung, die Auris heißt!

Auris? Manch einer mag sich ans Lateinische erinnern und an Gold oder Ohren denken. Eine Landgemeinde in Frankreich soll so heißen. Leser dieser Zeitung werden mit der Wortneuschöpfung sicher auch Vertrautes verbinden. „Die Aura ist [die] Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft“, sagte einmal Walter Benjamin. Es scheint so, als hätten die Macher dieser Werbeausstellung all die Bedeutungsbezüge ihrer Wortschöpfung für den neuen Toyota-Mittelklassewagen, der den VW Golf als Volksmobil ablösen soll, wie eine Regieanweisung beherzigt. Denn ihre Motive kreisen unentwegt um den güldenen Blick in die Ferne, der natürlich ein Blick auf den neuen Fetisch ist und als Erscheinung daherkommt. Ihm zu entkommen ist schlichtweg unmöglich. „Augen auf“ heißt es denn auch programmatisch im Slogan des japanischen Autokonzerns, der immer noch postuliert, dass ihm nichts unmöglich sei. Und ausnahmslos alle gucken hin.

Fotografisch umgesetzt haben die Plakatserie die beiden BFF-Mitglieder Ralph Richter und Bernd Opitz. Für die Tieraufnahmen ist Frank Aschermann verantwortlich, die Bildbearbeitung hat das Hamburger Unternehmen Zerone geleistet. Nicht ohne Ironie spiegeln ihre Aufnahmen den zudienenden Job, den die Fotografie zu übernehmen hat, um einen Werbefetisch in Stellung zu bringen. Eine Großfläche zeigt etwa einen Mann mit Kamera, der das Automobil bereits ins Visier genommen hat. Darüber hinaus enthalten die Plakatbilder ein Patchwork fast aller Berufsgruppen, Hautfarben und Altersklassen, mal schick, mal bieder angezogen. Rentner haben es sich auf Klappstühlen bereits gemütlich gemacht, Kinder folgen ihrer triebhaften Neugier und auch ein Kanalarbeiter wagt einen Blick aus der Unterwelt. Selbst eine Blondine und der deutsche Schäferhund schauen gebannt auf jenes schwarze Gefährt, das da seltsam still und unnahbar in der Wüste steht. Das Ziel der Kampagne könnte nicht eindeutiger sein. Es gilt, mit allen erdenklichen Mitteln eine visuelle Massenhypnose zu erzwingen. Alles ist Bild, alles ist Auris, lautet ihr Credo.

Kenner der Szene applaudieren der Düsseldorfer Mediaagentur Zenithmedia, die die Planung und Durchführung der spektakulären Plakatkampagne zu verantworten hat, zu einer logistischen Meisterleistung. Die Entwicklung und Produktion der 27 Motive erfolgte in nur fünf Wochen. Insbesondere die Gleichschaltung der einander konkurrierenden „Plakatflächenbereitsteller“ dürfte einige Mühe bereitet haben. Dass die bundesweite Komplettbelegung lediglich die Plattform für ein visuelles Großexperiment geboten hat, betont Stephan Zilges von der Kreativ-Agentur BMZ+more: "Die Gewissheit, wirklich alle Out-of-home Medien einer Stadt zur Verfügung zu haben, machte eine völlig neue kreative Idee für das Medium Plakat notwendig. Zum einen hat Toyota in der gebuchten Dekade keinen Wettbewerb, das heißt: kein Plakat eines anderen Werbetreibenden wird um die Aufmerksamkeit der Zielgruppen konkurrieren. Zum anderen galt es, alle Spielmöglichkeiten auszuschöpfen, die sich durch eine das Stadtbild dominierende Plakatkampagne eröffnen." Mit anderen Worten: Die zweigleisige Vorgabe der Kampagne bestand darin, den Mainstream anzusprechen und zugleich das Großflächenplakat neu zu erfinden.

Wer sich in diesen Februartagen im Stadtraum umgesehen hat, wird wohl zu dem Schluss kommen, dass allein das zweite Ziel erreicht worden ist. Die Bilder selbst illustrieren in einem Wüstenszenario, das in der Lichtführung bewusst im Diffusen verbleibt, eine fast mönchische Form der Vita Contemplativa. Kontrapunktisch zur Hektik des Straßenverkehrs und zum mobilen Charakter des Kaufobjekts wird der Auris durchweg als ein privilegierter Rückzugsbereich ausgewiesen, in dem endlich Ruhe herrscht. Semiotiker würden in der Tradition von Roland Barthes unschwer die einzelnen Parameter ausfindig machen, mit denen der Mythos des Auris als Objekt der Stille inszeniert wird. Der Blick zurück, der sich auf fast allen Plakatmotiven wiederfindet, hat hierbei auch eine zeitliche Komponente. In der Bild- und Figurenanlage finden sich deutliche Anleihen aus der romantischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Das Ergebnis ist denn auch eher konservativ und optisches Wellness. Selbst der Wüstensand entpuppt sich bei näherer Betrachtung als harmlos filzartiger Teppich, auf den man sich ohne Reue hinsetzen kann.

Dass das Gleichmaß der Auris-Plakate im Stadtraum nicht zu einer visuell erschlagenden wie langweiligen Monokultur geführt hat, verdankt sich den virtuosen Einfällen der Düsseldorfer Kreativagentur BMZ+more, die die Spielwiese der verschiedenen Out-of-Home-Media erstmals genutzt hat, um eine bezugsreiche Matrix zu installieren. An Ausfallstraßen sind etwa bis zu vierzehn nebeneinander platzierte 18/1-Plakate mit verschiedenen Motiven versehen worden. Das Ergebnis ist eine Wüstenlandschaft in atemberaubendem Cinemaskop-Format. Daneben wurden Citylight-Poster und Megalights als so genannte Wechsler aktiviert. Zwei oder drei Motive rollen automatisch von oben nach unten und von unten nach oben. Selbst ein Bungeespringer traut da nicht mehr seinen Augen. Noch nie wurde eine Aktivierung des Blicks im Stadtbild so allgegenwärtig forciert, noch nie die Potenz des Großflächenplakats so gekonnt ausgespielt. Es liegt auf der Hand, dass die Bildkampagne durch Radio- und TV-Spots flankiert werden, die nochmals die Aufmerksamkeit erhöhen sollen. Crossmedial, heißt das in Agentursprache.

So ist die Auris-Kampagne eine Outdoor-Performance der Superlative. Die Ausstellung im Außenraum soll, so heißt es, rund 25 Millionen Euro gekostet haben; was bei derzeitigem Marktwert fünfzehneinhalb verkauften Gurskybildern entspricht. Man munkelt bereits, dass VW und Mercedes im Plakat demnächst mit einer Gegenoffensive aufwarten werden. Es stehen offenbar auch güldene Zeiten dem Großflächenplakat bevor, das einstmals als Königsdiziplin des Bildes gepriesen wurde und dennoch rezessionsbedingt in den letzten Jahren vor sich hindümpelte.

Übrigens, die wenigsten wissen, dass auch Andreas Gursky zwischenzeitlich einmal mit dem Großflächenplakat gearbeitet hat. Das war im Jahr 2002, als er sein erstes digital manipuliertes Rheinbild für eine SPD-Werbung in Düsseldorf hängen ließ, die Auflage betrug damals fünf. Man darf wohl mutmaßen, dass auch er dem Großformat nicht widerstehen konnte.

Christoph Schaden, 2007

 

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