August Sander

August Sander - Köln wie es war


Zuweilen vermag allein die Physis eines Buches die Bedeutungsschwere seines behandelten Gegenstandes programmatisch zu vermitteln. Mit insgesamt 448 Seiten, einem Buchformat von 33 x 36 x 3,8 cm und einem Gesamtgewicht von 4,3 Kilogramm verkörpert der opulente Bildband August Sander - Köln wie es war, der im Spätherbst 2009 vom Kölnischen Stadtmuseum im Emons Verlag herausgegeben worden ist, bereits einen finalen Anspruch. Dass sein gedanklicher Bezugspunkt in den städtischen Verlustereignissen des Zweiten Weltkrieges zu suchen ist, belegt ein Blick auf den Umschlag. Bewusst verzichtet er auf ein fotografisches Motiv und führt stattdessen in einer serifenlosen weißen Typografie, wie sie charakteristisch ist für die erste Jahrhunderthälfte, den Namen des Fotografen und den Projekttitel auf. Kontrastreich generiert sich hierzu der Hintergrund - im Gleichklang zu den Umrahmungen auf der abnehmbaren Banderole, die neun Kölnaufnahmen zeigt- in betont tiefmattem Schwarz. Die Pathos beladene Losung der Gestaltung könnte also kaum eindeutiger sein: ein Buchfoliant als Vermächtnis, das bleiern wiegt wie ein Grabstein.

Umso mehr mag die starke Betonung auf die Memorialfunktion des Projekts erstaunen, wenn man sich die bewegende, aber noch junge Publikationsgeschichte von Köln wie es war vor Augen führt, die in einem einführenden Text von Rita Wagner nochmals zusammengefasst wird. Als materieller Ausgangspunkt von Köln wie es war diente ein 16-teiliges Mappenwerk mit insgesamt 408 Schwarzweißaufnahmen, das August Sander (1876-1964) nach mitunter zähen Verhandlungen der Stadt Köln im Jahre 1953 übereignet hatte. Kölns bedeutendster Fotograf, der mit seinem Portraitwerk Menschen des 20. Jahrhunderts bereits in den Zwanziger Jahren weltweite Anerkennung erfahren hatte, begann 1920 nahezu zeitgleich mit einer umfassenden Bilddokumentation seiner rheinischen Heimatstadt, die bis ins Kriegsjahr 1939 andauern sollte. Wenngleich der im Eigenauftrag entstandene fotografische Corpus nach den tiefgreifenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs eine ungeahnte historische Relevanz erfuhr, überdauerte das Bildkonvolut nach seinem Erwerb für über dreieinhalb Jahrzehnte weitgehend unbeachtet im Kölnischen Stadtmuseum. Erst im Jahre 1988 erfolgte im Rahmen einer Ausstellung und eines flankierenden Bestandskatalogs, der die Bilderfolge zusammen mit der Mappe „Chronik der Lumpenbälle 1920-1932“ präsentierte, eine erste Aufarbeitung. Sieben Jahre danach erschien in Kooperation mit dem August Sander Archiv der erste umfassende Band der August Sander Werkausgabe, der ebenfalls dem Mappenwerk Köln wie es war gewidmet war. Dieses Unternehmen entwickelte sich zum Torso, weil Folgebände ausblieben, wenngleich von Seiten der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln die August-Sander-Forschung jüngst beispielhaft vorangetrieben worden ist etwa mit Blick auf das Sandersche Frühwerk. So bildet die jüngst erschienene Neuausgabe bereits die dritte Veröffentlichung des Kölnkonvoluts in gut zwei Jahrzehnten, was einer Legitimierung bedarf, zumal schon Rolf Sachsse (1988) und Susanne Lange (1995) in den beiden Vorgängerbänden die Entstehungs- und Erwerbungsgeschichte von Köln wie es war dezidiert aufgearbeitet haben.

Im Vorwort macht Werner Schäfke vorwiegend editorische Gründe geltend, die ihn zur Neuveröffentlichung bewogen haben. In Abhebung zur Werkausgabe von 1995, die auf eine Liste des August-Sander-Archivs rekurriert und auch Sekundärquellen berücksichtigt (Briefwechsel, Rechnungen, Projektpapiere u.a.), beschränkt sich die Neuauflage ausschließlich auf das seinerzeit erworbene Mappenkonvolut des Stadtmuseums. Wer den Foliant zu dem Vorgängerband vergleichend studiert, wird schnell gewahr, wie folgenreich die Entscheidung im Buchresultat geworden ist. Anzahl, Auswahl und Reihenfolge der Motive divergieren mitunter beträchtlich, da in der Neuausgabe eine maschinenschriftlich verfasste Abbildungsliste vorgeblich war, die bereits der Originalmappe beilag und im Appendix des neuen Bandes nun auch bildhaft dokumentiert ist. Die Abbildungen selbst, die trotz der gegenüber dem Mappenwerk authentisch belassenen Größe im Druck den Zauber der Originalabzüge nur teilweise einzufangen wissen, sind bewusst mit einem markanten Schwarzrand wiedergegeben. In ihrer Gesamtheit wirken auch sie wie ein Trauerflor aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Bei soviel tonaler Akribie stellt sich dem Leser die Frage, inwieweit das Diktat der Faksimilierung allein aus der Perspektive des vollendeten Mappenwerks von 1953 begründbar ist. So illustriert der Band gegen Ende (!) ein aufwendig gestaltetes Titelblatt der Originalmappe mit farbigem Wappen und stadthistorischen Rezitationen. Im Bildband ist es lediglich in Schwarzweiß abgedruckt. Ein seitlich positionierter Kommentar merkt hierzu an, dass es „in graphischer Hinsicht nicht auf große Zustimmung traf. Seine Anmutung ist zu sehr 19. Jahrhundert und entspricht so gar nicht dem, was man mit Sander und besonders seinem Projekt Menschen des 20. Jahrhunderts verbindet.“ Gleichwohl mag man trefflich darüber spekulieren, inwieweit der Titel nicht eben auch eine programmatische Intention des Fotografen bereithalten könnte, die Topografie seiner Heimatstadt einmal auf Grundlage einer älteren historischen Folie zu analysieren. Wie so oft bei fotografischen Oeuvres bleiben also Autorisierungsfragen problematisch. So wird man wohl im Falle von August Sander weiter darüber diskutieren, ob der primäre Bezugspunkt dieses Portraitwerks einer Stadt  allgemein „in ihrer grundlegenden kulturellen und für sie charakteristischen Bedeutung“ (Lange) zu suchen sei oder doch allein in einer Fokussierung auf die verheerenden Verluste des Zweiten Weltkriegs. Eine neue Grundlage und einen neuen Anstoß wolle die Neuveröffentlichung geben, betont Schäfke. Insofern ist Köln wie es war wohl auch ein Zeitdokument der Gegenwart.

Christoph Schaden, 2010

 

August Sander. Köln wie es war. 408 Fotografien von 1920 bis 1939. Herausgegeben vom Kölnischen Stadtmuseum mit Unterstützung der Freunde des Kölnischen Stadtmuseums e.V. Mit einem Vorwort von Werner Schäfke und einem Einführungstext von Rita Wagner. Gebunden, Schutzumschlag, mit Abbildungen in Originalgröße, 448 Seiten. Köln: Emons 2009. ISBN 978-3-89705-694-7, € 78,00.

Text erschienen in:

Geschichte in Köln. Zeitschrift für Stadt- und Regionalgeschichte

Herausgegeben von Thomas Deres, Martin Kröger, Georg Mölich, Joachim Oepen, Wolfgang Rosen, Lars Wirtler und Stefan Wunsch

Band 57, Köln 2010, S. 266-268

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