Arthur Leipzig

Brueghel in Brooklyn

Arthur Leipzig und die Aachener Ausstellung Next Stop New York


Komm nur! Du kriegst mich schon nicht. Auch wenn ich hier vor der Mauer stehe. Denn ich bin schneller und stärker als du! Dem blonden Jungen, der mit vorgebeugtem Oberkörper und aufgestemmten Armen angriffslustig seinen Spielpartner ins Visier nimmt, stehen die Gedanken nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben. Sein forscher Blick offenbart die pure Lust auf das Duell. Keine Frage, nur das Jetzt und Hier zählt in so einem kindlichen Moment. Willkommen in der Schule des Lebens!

King of the Hill heißt das Bild, und es ist der Name eines Kinderspiels, das einstmals in den Straßen von Brooklyn sehr beliebt war. Die Schwarzweißaufnahme stammt aus dem Jahre 1943 und ist von Arthur Leipzig. Sie ist gleich zu Beginn in der Ausstellung Next Stop New York zu sehen, die Sylvia Böhmer für das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen kuratiert hat und den Freelance-Fotografen europaweit erstmals in den Blickpunkt rückt. Mit der monografischen Schau ist ihr eine wunderbare Wiederentdeckung gelungen. Denn Arthur Leipzig, der dieser Tage seinen 90. Geburtstag feiert, ist wahrlich kein Unbekannter in der Fotografie. Bereits 1954 wählte Edward Steichen eine Arbeit von ihm für die Jahrhundertausstellung Family of Man aus. Es handelte sich um die Aufnahme des blonden Jungen.

Arthur Leipzig, der Mitte September mit seiner Frau eigens zur Austellungseröffnung nach Aachen angereist war, konnte denn auch die passende Geschichte zu dem Bild erzählen. Damals hatte der betagte Leiter der Fotoabteilung des MoMA in New York ihn aufgefordert, nicht mehr als sechs Bilder für das monumentale Ausstellungsprojekt einzureichen. Stoisch hielt sich Leipzig an die Vorgabe und erfuhr erst später, dass andere Kollegen mehr als hundert Fotos eingeschickt hatten. „So what“, resümiert er rückblickend mit einem Lächeln. Letztlich waren auch diese nicht mit mehr Arbeiten vertreten. Im Gegenteil.

Man darf zu Recht vermuten, dass genau dieser leise und unerschütterliche Optimismus den Wesenszug des New Yorker Bildjournalisten am besten beschreibt, zumal dieser so eng mit jener Stadt verwoben ist, mit der wiederum Leipzig zeitlebens verbunden geblieben ist. 1918 in Brooklyn geboren, hatte er sich mit mehreren Gelegenheitsjobs durch die 1930er Jahre geschlagen. Eine Handverletzung zwang ihn zu einem beruflichen Neuanfang, 1942 schrieb sich Leipzig in die Anfängerklasse der legendären Photo League ein. Sein Mentor Sid Grossman lehrte ihn dort nicht nur das fotografische Handwerk, sondern vermittelte ihm auch den Impuls, auf den Straßen der Stadt nach den wahrhaftigen Alltagsmomenten zu suchen. In der Konsequenz bedeutete dies eine Orientierung an der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Sinne des US-amerikanischen Dokumentarismus, dessen zentrales Anliegen des „human aspect of photography“ ja bis heute nur unzureichend übersetzt werden kann. Wie frisch dieses gewichtige Kapitel der Fotohistorie noch stets anmutet, konnte man auf der Pressekonferenz erleben, als Leipzig etwa über die früheren Mitstreiter Paul Strand, Weegee und W. Eugene Smith erquickliche Storys zu berichten wusste. Leipzig selbst reüssierte 1943 mit einer Serie über Children’s Street Games, eine Auftragsarbeit für The Newspaper PM. Es handelte sich um ein Thema, das ihn zeitlebens nicht mehr loslassen sollte. Inspiriert von einem Gemälde mit dem Titel Kinderspiele, das Pieter Brueghel d. Ä. im Jahre 1560 geschaffen hatte, erkundete Leipzig mit großer Einfühlsamkeit all die kindlichen Rituale und Szenarien, in denen spielerisch das Leben geprobt wurde. Fangen. Verstecken. Murmel spielen. Oder an sonnigen Tagen auch einmal in den East River springen. Zur Bildfindung bedurfte es keineswegs einer Ideologie, sondern vielmehr eines formal geschulten Auges und einer ungemein feinen Sensibilität. Eine anonyme Aufnahme, die 1942 entstand, zeigt Leipzig bei einer seiner ersten Aufnahmen. Es scheint, als kniee er aus gebotener Distanz fast demütig auf der Straße, in Augenhöhe zu seinem kindlichen Modell. So wirken seine Aufnahmen heute mehr denn je ergreifend, gerade weil sie es nicht beim Klischee belassen, nichts verklären oder überhöhen müssen. Eine andere Aufnahme zeigt vier Rabauken. Unweigerlich erinnert ihre Montur an Motive von August Sander, unweigerlich denkt man aber auch an Die kleinen Strolche. Stolz posierend vor der Kamera, haben die blonden Jungs ihr Holzgewehr geschultert. „Marching“  heißt das Bild aus dem Jahr 1943. Bei allem Humor: Der Krieg ist fern und doch so nah.

Die Aachener Schau konzentriert sich weitgehend auf die New Yorker Motive, die Arthur Leipzig über die Jahrzehnte zusammengetragen hat, und selbstredend bedienen sie auch ein Stück weit den Mythos der Metropole. Seine Serie der Brooklyn Bridge, die 1946 entstand, mag man heute als stilsichere Bilddokumente einer prosperierenden Weltstadt begreifen, ein modernistischer Blick ist diesen Bildern eigen. Für Leipzig bedeuteten sie damals allerdings einen Balanceakt, der von starker Höhenangst begleitet wurde. Doch es ging auch unter Tage. In der New Yorker Metro gelangen ihm etwa dank einer vermeintlichen  Hundetragetasche verdeckte Aufnahmen von Passanten.  Bei aller Beiläufigkeit der Motive, die immer auch einen Sinn für das Bizarre der Aufnahmesituation bewahren, haben die Bilder von Liebespaaren oder übernächtigten Singles auch immer eine metaphorische Qualität. Ihre Leseart bedingt denn auch heute noch eine ungebrochene Empathie, zumal sie nichts beweisen wollen. Dass Arthur Leipzig auch die Kehrseite der Großstadt durchaus wahrzunehmen wusste, belegt die Serie „Loneliness“ aus den 50er und 60er Jahren. Zu sehen sind einsame Männer auf einsamem Asphalt. Da durfte es in der Stadt aller Städte auch einmal regnen.

Vieles hat sich seither gewandelt. Angesprochen auf die aktuelle Lage New Yorks, antwortete Arthur Leipzig bereits Mitte der 90er Jahre: „Obwohl ich weiß, dass sich die Stadt verändert hat, dass die Straßen schmutziger und schäbiger geworden sind, ist die Energie, die ich liebe, nach wie vor vorhanden.“ Daran habe sich, so betont er in Aachen auf Nachfrage, auch nach 9’11’’ nichts geändert. Mit der eindrucksvollen Energie, die ihm eigen ist,  kann man dem Meister nur Recht geben.

Christoph Schaden, 2008

 

Arthur Leipzig - Next Stop New York. Bis 14.12.2008 im Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen,

anschließend in der Städtischen Galerie Iserlohn

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