Bernd Detsch

Der Preis ist nur die zweite Information

 

Der Buchmarkt zur Fotografie boomt. Spätestens seit der Veröffentlichung des zweiten Bandes von The Photobook: A History sind Fotobücher zu begehrten Spekulationsobjekten mutiert, die zunehmend ins Visier von Sammlern, Dealern und Connoisseuren geraten. Übersehen wird dabei oftmals, dass neben dem Fachantiquariat und der Sortimentsbuchhandlung auch das Segment des Modernen Buchantiquariats einen entscheidenden Anteil an der Marktentwicklung des Fotobuchs hat. Christoph Schaden sprach mit Bernd Detsch, Gründer und Inhaber von Art Book Cologne.

Christoph Schaden/Photonews: Zunächst zu Deiner Person. Du gilst als einer der versiertesten Zwischenhändler für den Art-Book-Bereich. Ist das so korrekt? 

Bernd Detsch: Ja, seit elf Jahren bin ich selbständiger Zwischenhändler, wobei meine Spezialität das Moderne Antiquariat ist, vor allem im Bereich der Kunst und verwandter Disziplinen.

CS: Wie gelangt man zu einer solchen Spezialisierung?

BD: Nach einem Studium der Betriebswirtschaft und einer Buchhandelslehre im Saarland habe ich mich aus Liebesgründen nach Köln orientiert. Ursprünglich strebte ich eine Karriere in der literarisch orientierten Bücherstube am Dom an, das war um 1979/80. Durch einen witzigen Zufall wurde mir aber dann eine Stelle bei Walther König im Modernen Antiquariat angeboten. Das war zunächst zwar das allerletzte, was ich mit meinem literarischen Ehrgeiz machen wollte, doch beeindruckten mich dann die Kellerräume bei König, wo all die traumhaften Kunstbücher lagerten. Seit Mai 1980 habe ich dann den Büchermarkt geleitet und dort auch richtig Lehrgeld zahlen müssen. Es galt für mich zu begreifen, dass man von einem Buch nicht nur ein Exemplar, sondern 100 und manchmal auch 500 Exemplare verkaufen konnte. Mein Interesse an der Kunst war übrigens schon in der Schulzeit ausgeprägt. Daher wusste ich, wie man van Gogh und Rembrandt schreibt, was durchaus hilfreich war. Da der Versand immer wichtiger wurde, habe ich später auch die Texte für den Katalog verfasst. Das hieß konkret, man musste sich die Kunstbücher richtig anschauen.

CS: Wie wurdest Du dann zum Chefeinkäufer bei König?

BD: Das war fast zwangsläufig. Es hieß sehr schnell: Der Detsch macht den „Ramsch“. Walther König hatte mir das relativ schnell überlassen, weil ihn das persönlich nicht allzu sehr interessierte. Man kann meine Tätigkeit vergleichen mit einer Detektivarbeit. Meine Aufgabe bestand darin, nach Büchern zu suchen, und nicht auf sie zu warten, also ein anspruchsvolles Programm anzubieten und zugleich internationale Kunden zu finden. Es gab ja so etwas wie einen grauen Markt, zum Beispiel Bücher ohne ISBN-Nummer oder Kataloge, die in abwegigen Museen entstanden sind. 1997 habe ich mich dann mit Art Book Cologne selbständig gemacht.

CS: Du bietest Deine Bücher bewusst preiswerter an als preisgebundene Buchware. Warum?

BD: Nun, ich habe das immer als eine Entwicklung angesehen. Ein Buch erscheint und hat einen festgebundenen Ladenpreis. Nach wenigen Jahren hat sich das wegen des Drucks der Zins- und Lagerkosten erschöpft. Die Reste werden dann kurzfristig über das Moderne Antiquariat zu einem deutlich niedrigeren Preis angeboten. Dahinter steckt die Idee, dass sich das Buch in kürzester Zeit atomisiert. Das ist das Ziel. Die Leute schreien dann oft nach mehr, obwohl das Buch dort bereits ausverkauft ist. Dann treten die Antiquariate in Aktion. Das ist der optimale Zyklus.

CS: Gab es in den 80er Jahren im Modernen Antiquariat bereits die Kategorie „Fotobuch“?

BD: Ja, natürlich gab es die Fotografie im Buch. Das war ein wichtiger Bereich, der seine Kunden fand, gerade weil Fotobücher damals sehr teuer waren. Man darf nicht vergessen, dass damals der Dollarpreis sehr hoch stand und es vielen Menschen nicht möglich war, einen Bildband zum vollen Ladenpreis zu erwerben. Die Amerikaner neigten dann dazu, Fotobücher extrem stark zu reduzieren, weil die Auflagen hoch waren und hierzulande extreme Unkenntnis herrschte. Fotografie im Buch galt als „irgendetwas mit Länderbildbänden“. Soweit eine zeithistorische Definition. Egglestons Titelmotiv seines Guide mit dem Dreirad stieß damals übrigens auf grobes Unverständnis. Wir konnten von dieser kollektiven Unkenntnis oft profitieren. Insgesamt 1100 Exemplare von Heinrich Riebesehls Agrarlandschaften haben wir beispielsweise für 3 oder 5 DM einkaufen können.

CS: Wie ist das damals mit dem William Eggleston`s Guide weitergelaufen?

BD: Das war 1981. Es gab damals bei uns ein Sonderangebot, das Buch lag noch zu einem lächerlichen Preis in unserer Buchhandlung. Auch ich konnte damals überhaupt nichts damit anfangen, weil ich einfach ungeschult war, was Fotografie anging. Ansel Adams und Walker Evans waren mir zwar bekannt, aber die New Color Photography war etwas völlig Neues. Was machte man also mit so einem Buch? Da gab es halt nur die „Happy Few“, die wussten, dass man sich so etwas kauft. Heute kostet die Erstauflage 600 Euro.

CS: Der Preis eines Fotobuchs war damals also nicht primär relevant für eine Kaufentscheidung? 

BD: Nochmals: Man muss sich die Situation Ende der 70er Jahre einmal vergegenwärtigen. „Ramsch“ war damals negativ besetzt, viele Leute wollten absolut nichts damit zu tun haben. Walther Königs Büchermarkt bewies dann aber, dass es möglich war, anspruchsvolle Kunstbücher zu einem extrem fairen, ja unglaublichen Preis anzubieten. Direkt neben seiner Buchhandlung installierte König einen Ramschladen, was hieß, dass er scheinbar die Bücher abwertete. Durch seine Praxis hat er dann aber bewiesen, dass genau das Gegenteil der Fall war, es gab ja eine wechselseitige Befruchtung. Diejenigen etwa, die sich nicht trauten, in die Hauptbuchhandlung zu gehen, weil dort alles so intellektuell und einschüchternd war, konnten in diesen „Markt“ hinein, ohne grüßen zu müssen, konnten um die Tische gehen, vielleicht auch ein Fotobuch erstehen, weil das ja so preiswert war. Diese Leistung von König ist übrigens nie honoriert worden. Wie viele namhafte Professoren, Künstler und Museumsleute haben ihre Bibliothek darauf aufgebaut! Es waren fast alles Bücher, die aus dem Ramsch kamen. Das Konzept hat also auch eine wichtige kulturelle Funktion gehabt. Jedes verkaufte Buch ist schließlich besser als eines, das in einem Lager oder Keller liegt. Der Preis ist da nur die zweite Information, die erste ist das Buch selbst.

CS: Wie hat sich das Sortiment seitdem gewandelt?

BD: Man darf für die 70/80er Jahre natürlich nicht die Erotikwelle vergessen. Tonnenweise haben wir damals erotische Fotografie verkauft. Das fing mit Lewis Carroll an, es gab Helmut Newton natürlich, aber auch David Hamilton und all den Kitsch. Das in einer Buchhandlung auszulegen, war schon verpönt, gewagt. Ich erinnere nur an Larry Clarks Teenage Lust. Später ist das erotische Buchgenre mit dem Internet komplett weggebrochen.

CS: Wie stellt sich für Dich die Situation heute dar?

BD: Von allen Bereichen ist Fotografie der interessanteste, was die Wachstumsmöglichkeiten anbelangt. Ein gutes Fotobuch, qualitätvoll gedruckt, ist eine sichere Bank. Wenn ich jetzt einen Fototitel kaufen kann, ist der Einkauf quasi unbegrenzt. Oftmals versuche ich, 1000 Exemplare zu kaufen. Dass liegt daran, dass die Käufer immer mehr in diesem Markt drin sind. Wir haben immer mehr MA-Kunden, die spekulativ kaufen. Die legen das Fotobuch zur Seite, denken, dass nach drei Monaten der Hype vorbei ist, und gehen dann mit dem Preis hoch. Der Markt ist derzeit ja extrem aufgeheizt, der Bauman-Katalog ist da ein gutes Beispiel.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder Sammler letztlich ein potentieller Händler ist. Keiner solle sagen, er sammle nur für sich. Er sammelt wegen des Wertzuwachses. Das ist ein ganz zentrales Motiv des Sammelns. Und das ist auch gut so, denn es ist allemal besser, Fotobücher zu sammeln als dröge Aktien. Denn es handelt sich ja um etwas Schönes, und setzt viele Menschen wieder ins Brot.

CS: Worin liegt für Dich das Alleinstellungsmerkmal des Fotobuchs?

BD: Das Fotobuch ist ja nicht nur aus wissenschaftlicher und händlerischer Sicht bedeutend, sondern es ist auch für den einzelnen, der es benutzt, ein jederzeit abrufbares Medium. Lichtenberg wurde einmal mit der Frage konfrontiert, ob er die Bücher seiner Bibliothek denn alle gelesen habe. Seine Gegenfrage war: Haben Sie denn alle Weine aus Ihrem Weinkeller schon getrunken? Auch Fotobücher brauchen eine Reife.

CS: Wie beurteilst Du die zukünftige Entwicklung des Fotobuchmarkts? Schließlich hat das Fotobuch im Segment des Künstlerbuchs über Jahrzehnte ein Schattendasein geführt. 

BD: Damals sind Künstlerbücher ja frei finanziert worden. Keiner hat etwa für Ed Ruscha ein Buch finanziert, das hat der Künstler meist selbst bezahlt. Deshalb ist vermutlich die Achtung vor den Fotokünstlern heute so hoch.

Das Medium Künstlerbuch ist wohl ein eigenes Feld. Walther König hatte hinter seinem Schreibtisch eine Abteilung, die er wie seine eigene Sammlung hütete. Dort standen all die SoLeWitts und Ed Ruschas. Mir schien das damals eine Schrulle des Buchhändlers. Da durfte keiner ran, das war im besten Sinne elitär, ein absolutes Minderheitenprogramm. Wenn Ed Ruscha dann mal wieder eine Ladung seiner Bücher geschickt hatte, kostete jedes so um die 12 DM. Das war um 1980, als ich die ersten Hefte kaufte, ich fand die Arbeiten sehr witzig, sehr kurios. Purer Stil. In Hinblick auf die Zukunft bin ich mir sicher, dass die Möglichkeiten des Fotobuchs noch keineswegs ausgeschöpft sind. Man muss nur zu Markus Schaden gehen, um zu sehen: Es wird immer wieder etwas Neues geben. Allein deshalb wird das Fotobuch überleben.

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