Steven Sasson

You need work - Erste Gedanken zu einem ersten Bild

Innovation best comes from people who really know nothing about the topic.

Steven J. Sasson

 

Als am 14. Februar 1952 dem Photohistoriker Helmut Gernsheim unter spektakulären Umständen die Wiederentdeckung einer Heliographie von Nicéphore Niépce gelang, war die Weltöffentlichkeit bereit für eine Revision. Am 15. April wurde der Sensationsfund des ersten Lichtbildes aus dem Jahre 1826/27, das seit dem Ersten Weltkrieg in der Gepäckaufbewahrung des Londoner Hafens in einem ungeöffneten Seekoffer überdauert hatte, in der renommierten britischen Tageszeitung The Times abgedruckt und unter dem Titel „The Earliest True Photograph“ ausführlich gewürdigt.[i] Hiermit verbunden war die folgenschwere Erkenntnis, dass „the world’s first photograph from nature“[ii] eben nicht von Louis Jacques Mandé Daguerre stamme. Seit der Patentfreigabe des Daguerreschen Bildverfahrens, die am 19. August 1839 in einem feierlichen Akt durch die französische Deputiertenkammer erfolgt war, hatte der umtriebige Unternehmer über ein Jahrhundert lang als alleiniger Erfinder der Photographie gegolten. Das technische Bildverfahren, das im 19. Jahrhundert einen weltweit beispiellosen Siegeszug angetreten hatte, konnte gleichsam auf einen eigenen Geburtstag (!) verweisen und historisches Selbstbewusstsein bezeugen. Mit Gernsheim Entdeckung jedoch war nun ein schlagender Gegenbeweis erbracht, dass es so einfach nicht gewesen war.

Heute wissen wir um die schrittweise Erfindung der Photographie und um deren zahlreiche „geistige Väter“. Und dank detaillierter photohistorischer Forschungen auch um die Faktoren, die die Photographie schließlich zur Photographie werden ließ: Die Bildträger etwa, die optischen Gerätschaften, die notwendigen lichtempfindlichen Substanzen oder auch das Positiv-Negativ-Verfahren, das erst eine Reproduktion ermöglichte.[iii] Nicht zuletzt sind wir mit dem Blick von heute geneigt, in der damals wiederentdeckten ersten photographischen Lichtzeichnung von Niépce auch eine grundlegende zeithistorische Zäsur zu erkennen. Seine Aufnahme des Anwesens in Le Gras bei Chalon-sur-Sâone, die peu-á-peu in einem Zeitraum von acht Stunden unter der Verwendung von Asphalt und Lavendelöl auf Zinn entstanden war, avancierte zum Paradigma einer visuell dominierten Welterkenntnis, die ihr Heil in einer vordem ungeahnten Vergewisserung von Ort und Zeit suchen sollte. Die reichhaltigen metaphorischen Implikationen der Photographie schienen diesem ersten Bild gleichsam eingebrannt. Ein Blick aus dem Fenster war ein Sinnbild, das dem Wesen der Photographie auf fast unheimliche Weise entsprach.

Als für den 7. April dieses Jahres das renommierte New Yorker Auktionshaus Sotheby’s eine Versteigerung der Quillan-Collection of Nineteenth and Twentieth Century Photographs anberaumte, geriet erneut ein erstes Bild in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Diesmal handelte es sich um ein Fotogramm, das ein Pflanzenblatt zeigt und dessen Urheberschaft der Talbot-Experte Larry J. Schaaf in einer akribischen Indizienkette auf den englischen Gelehrten Thomas Wedgwood (1771-1805) zurückführen konnte. Vordem galt der experimentierfreudige Chemiker als eine der tragischen Figuren aus der Frühzeit der Photographie, dem die Fixierung einer „photogenischen Zeichnung“ nicht gelungen war. Schaafs Recherche legte nun nicht nur eine schlüssige Provenienzkette vor, sondern bedeutete in der Konsequenz auch eine mögliche Vordatierung der Photographie um zwanzig bis dreißig Jahre. Hierzulande attestierte daraufhin die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die das fragliche Motiv am 12. April 2008 auf ihrer Titelseite abdruckte, dass es sich tatsächlich um eine „sensationelle Zuschreibung“ handele. In ihrem neu entdeckten vermeintlichen Erstlingswerk, das zu Forschungszwecken von der Auktion zurückgezogen wurde, offenbarte sich die Photographie nicht nur Wissenschaftlern gegenüber buchstäblich als ein unbeschriebenes Blatt.[iv] Gleichwohl scheint der ikonische Bedeutungsgehalt dieser ersten Photographie allzu evident, vor allem für die Photogeschichte. „In the end“, sinniert Schaaf denn auch zu den vorläufigen Ergebnissen seiner Recherche, „what is certain is perhaps the only factor that really matters in the work of art. This image of a leaf is extraordinary. It arrests our attention as much today as it has done for at least a century and a half, and just possibly more than two centuries.“[v]

Erste Bilder, mag man denken, können nicht nur lang tradierte Vorstellungen revidieren, sondern immer noch die Welt in Erstaunen setzen. In diesem Zusammenhang mutet es recht befremdlich an, dass die Frage nach der ersten digitalen Photographie auf Wissenschaftsseite bisher nicht gestellt worden ist.[vi] Als bei den Planungen für die Vergabe des Kulturpreises 2008 der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) an Steven J. Sasson, dem Erfinder der ersten digitalen Kamera, unweigerlich der Blick auf die genauen Umstände seiner Erfindung fiel, kam abermals die Sprache auf ein mögliches erstes Bildresultat. Mit sympathischem Understatement hat der Amerikaner die Gegebenheiten, die an einem Dezembertag des Jahres 1975 bei Eastman Kodak in Rochester zur Entstehung eines ersten digital erzeugten Standbildes führten, in Interviews und Berichten immer wieder kundgetan. Seine Schilderung enthält alle Ingredienzien einer „simple story“ und steht den Ursprungsgeschichten, die etwa von den Experimenten eines Nicéphore Niépce und Thomas Wegdwood überliefert sind, in nichts nach. Inzwischen hat sie eine gewisse Berühmtheit erlangt.

Completing their final voltage-variation, test in December 1975, Sasson and his chief technician, Jim Schueckler, persuaded a lab assistant to pose for them. The image took 23 seconds to record onto the cassette and another 23 seconds to read off a playback unit onto a television. Then it popped up on the screen.

“You could see the silhouette of her hair”, Sasson said. But her face was a blur of static. “She was less than happy with the photograph and left, saying “You need work”, he said.[vii]

Im Rückblick ist es wenig erstaunlich, dass jene nur aus 100 x 100 Pixel zusammengesetzte erste “filmlose Photographie”, die damals auf dem TV-Bildschirm erschien und noch erheblicher Verbesserung bedurfte, nicht dokumentiert wurde. [viii] Denn dem damals 25-jährigen Elektroingenieur ging es nicht primär um die Erstellung eines ersten digitalen Bildes, sondern um eine revolutionäre Entwicklung, die er später als “The Camera of the Future” bezeichnen sollte. Es war ein Unternehmen, das Sasson, wie er selbst später freimütig einräumte, mit jugendlich unbefangenem Erfindergeist in Angriff genommen hatte.

Innovation best comes from people who really know nothing about the topic. When I came to Kodak, I did not know much about cameras. When they asked me to experiment with the CCD (charged-coupled device), I did not know what to do. I just tried an analogist’s way to take pictures, I was no photography expert. I could not have built a conventional camera. The ideal way is not to just look to the experts, look to people who have a passion to explore, and those who are not afraid of making mistakes.[ix]

So ist die erste Aufnahme jener neu entwickelten „Hand-held Electronic Still Camera“, die nach Aussage von Steven J. Sasson in einem Bilde überliefert ist, im rein funktionalen Sinne ein documentum. Sie ist Bestandteil des im Januar 1977 veröffentlichten Technical Report, einem im Auftrag des KAD Research Laboratory entstandenen 40-seitigen Bericht, mit dem die Patentierung der elektronischen Kamera beantragt wurde, und diente offenkundig dazu, detailliert Zeugnis über die Versuchsanordnung abzulegen. Es handelt sich um eine querformatige Farbaufnahme, die mit dem Hinweis „Microcomputer Playback Unit and TV Display“ untertitelt ist und in Aneinanderreihung diejenigen Instrumente zeigt, die neben der Kamera zur Durchführung des neuen Bildverfahrens erforderlich gewesen sind. Lediglich ein Fernseher der Marke Sony, der auf der rechten Bildseite erkennbar ist, wurde nicht mit einem Textzusatz versehen. Der Bildschirm zeigt im Anschnitt das Gesicht eines Jungen und eines Hundes.

Ein anderes Farbphoto zeigt dasselbe Motiv gleich zweimal. Wieder sehen wir das Bild des blonden Jungen, aufgenommen in inniglicher Umarmung mit seinem animalischen Freund. Unverhohlen postuliert das Bild das unbeeinträchtigte Glück eines kindlichen Moments. Ein Teststreifen, unterhalb des Bildes platziert, suggeriert zugleich, dass es sich um ein analoges Studioportrait in Schwarzweiß handelt. Auf der rechten Seite ist wieder der Fernseher erkennbar, dasselbe Motiv. Photographie und Photographie. Vorbild und Abbild. Analog und digital. Die Frage, die in dem Tableau angelegt ist, könnte nicht klarer gestellt sein, die Antwort kaum schwieriger ausfallen. Was ist gleich geblieben, fragt das Bild, was hat sich gerade geändert?

Christoph Schaden, 2008

 

[i] Zur Geschichte der Sammlung Gernsheim siehe Roy Flukinger: Die historischen Gernsheim-Sammlungen der Universität Texas in Austin, in: Helmut Gernsheim. Pionier der Fotogeschichte, Ausstellungskatalog, Ostfildern-Ruit 2003, S. 45-51.

[ii] Helmut and Alison Gernsheim: Re-Discovery of the World’s First Photograph“, in: Photographic Journal, 18.3.1952, 118.

[iii] Zum Problem der definitorischen Bestimmung der Photographie vgl. Hubert Damisch: Fünf Anmerkungen zu einer Phänomenologie des fotografischen Bildes, in: Herta Wolf (Hrsg.).: Paradigma Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, Frankfurt am Main 2002, S. 135-139.

[iv] „Ästhetische Belange interessieren sie dabei sicher nicht“, bemerkte hierzu der Fotojournalist Freddy Langer nicht ohne Augenzwinkern. Freddy Langer: Für manche ist es nur ein Blatt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.4.2008, S. 33.

[v] Larry J. Schaaf, in:The Quillan Collection of Nineteenth and Twentieth Century Photographs, Auction Catalogue, Sotheby’s, New York 2008, S. 97.

[vi] Vermutlich mutet allein die gedankliche Implikation eines originären Erstlingswerks – oder im Sinne eines „Vintage Prints“ gar eines nachweisbaren Unikats- im Zuge der atemberaubenden quantitativen Entwicklung, die die Photographie mit der Digitalisierung genommen hat, schon allzu absurd an.

[vii] Ben Dobbin: If only Kodak had phased out celluloid sooner…”, 9.8.2005, zitiert nach: “http://www.usa.today.com/tech/news/2005-09-08-kodak-digital-camera_x.htm“.

[viii] Man darf darüber spekulieren, inwieweit dieses misslungene silhouettenartige Portrait, das auf dem TV-Screen erschien, durch seinen nicht intendierten Abstraktionsgrad ein Archetyp des digitalen Bildmediums geworden wäre.

[ix] Steven Sasson: Innovation best comes from people who know nothing about the topic (Interview), 7.8.2006, zitiert nach: „http://www.rediff.com///money/aug/07kodak.htm“.

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