Berliner Mauer im Fotobuch

Mauer. Photo. Buch.

Everyone will tell you a different story. It’s all just a memory now, a history book.

John Gossage

 

Anlässlich der Vorbereitung zu den Gedenkfeierlichkeiten zum 9. November 1989 gerät die Berliner Mauer wieder verstärkt in den Blickpunkt einer weltweiten Öffentlichkeit. Im Zuge der Kontroverse um ein überzeugendes Memorialkonzept zum Tag des Mauerfalls, die seit längerem zwischen den entscheidungstragenden politischen Instanzen in der deutschen Hauptstadt ausgetragen wird, offenbart sich ein bislang ungelöster Konflikt im Umgang mit den erhaltenen Relikten, die in ihrer Summe bis heute ein Menetekel des Kalten Krieges geblieben sind. „Soll die Mauer fallen oder stehen?“ Auf diese Formel, die nur vordergründig polemisch anmutet, brachte die Publizistin Mechthild Küpper in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Februar 2009 die diffuse Gemengelage zu einem angemessenen Erinnerungskonzept auf den Punkt. Ihre Frage richtete sich indes nicht nur auf die vor Ort verbliebenen Reste des „antifaschistischen Schutzwalls“, sondern auch auf das visuelle Erinnerungsmuster, das hierbei relevant ist. „Ausgerechnet dort, wo die eindrucksvollsten Bilder des Mauerbaus am 13. August 1961 aufgenommen wurden, wo damals alte Frauen verzweifelt in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr sprangen, um in die Freiheit zu gelangen, an der Bernauer Straße, wird gerade über alle Pläne des Berliner Senats, alle Vereinbarungen zwischen Berlin und der Bundesregierung, alle hochgelobten Entwürfe neu diskutiert.“[i] Abseits von partiellen Rekonstruktionen der Sperranlage und Gedenkstättenkonzepten, bei denen denkmalpflegerische, touristische und politische Interessen ebenso zu berücksichtigen sind wie etwa die Perspektiven der Maueropfer und Ihrer Angehörigen, wird nach 20 Jahren Mauerfall immer stärker die Frage virulent, welche konkreten Bilder den retrospektive Blick auf das Jahrhundertmonument vermitteln, zumal einer jüngeren Generationen die kollektive bildhafte Prägung aus eigener Anschauung fehlt.[ii]

In diesem Zusammenhang bleibt der Fokus unweigerlich auch auf die visuellen Medien und insbesondere auf die Photographie gerichtet, die in ihrem dokumentarischen Erinnerungsauftrag das symbolisch aufgeladene Objekt in die konkrete Anschauung zurückzuverorten hat.[iii] Skizzenhaft sollen daher photographische Bildbände vorgestellt werden, die trotz ihrer primären Memorialfunktion die jeweiligen zeitbezogenen Haltungen in verdichtender Form zu spiegeln vermögen. „Historisch ist die Verbindung zwischen Photographie und Buch dort am engsten“, konstatiert David Campany,  „wo es um die so genannte Straight Photography (Direkte Photographie) geht; scharf frontal und gradlinig: Hier steht das Sujet so im Vordergrund, dass die Photographie nicht nur ein Bild zu sein, sondern den Gegenstand oder die Person buchstäblich auszuschneiden scheint. Ein Buch mit solchen Bildern wird dann ebenso zu einer Ansammlung von Dingen wie zu einer Sammlung von Bildern. Es fungiert als Archiv, Katalog oder Atlas.“[iv] Im Falle der Innerberliner Mauer lässt sich das Spektrum der Funktionen, die das Photobuch einzulösen vermag, auf geradezu idealtypische Weise ablesen. Die folgenden Ausführungen sollen hierzu – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – einen ersten Überblick geben.[v]

Eilmeldung

Im September 1961 reagiert das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen in Bonn und Berlin mit einer auflagenstarken Broschur auf die einen Monat zuvor erfolgten Berliner Sperrmaßnahmen der DDR-Führung.[vi] Unmissverständlich macht bereits der handgeschriebene Titel Berlin, 13. August deutlich, der auf dem Cover zwischen einer telegraphischen Eilmeldung der Agentur upi und einer Aufnahme von russischen Soldaten vor dem Brandenburger Tor platziert ist, dass mit dem Druckwerk nicht nur Sachinformationen, sondern auch ein aktuelles Stimmungs- und Meinungsbild transportiert werden soll. Während auf der Textebene eine detaillierte Chronik Auskunft über die Ereignisse „im August 1961“ gibt, werfen die photographischen Abbildungen, die von unterschiedlichen Photographen stammen, gezielt unterschiedliche Perspektiven.[vii] Neben mehreren Aufnahmen aus erhöhter Perspektive, die die Abriegelung der innerstädtischen Sektorengrenze an den zentralen Orten zeigen, enthält die Broschur mehrere allegorisch zu deutende Photographien, in denen die gewaltsame Trennung der Bevölkerung  mit winkenden Personengruppen dies- und jenseits der Mauer- und Grenzabsperrungen illustriert werden soll. Im Sinne einer Anklageschrift fungieren hierbei die Untertitel, die im agitatorischen Jargon gehalten sind und nicht vor Vergleichen mit Konzentrationslagern zurückschrecken. „Wie lange noch sollen Berliner von Berliner getrennt bleiben? Wie lange noch soll Unmenschlichkeit über Menschenwürde, Unrecht über Recht, kommunistischer Terror über Freiheit triumphieren?“[viii] Im Zuge des Kalten Krieges verstellt der Symbolcharakter „der Berliner Mauer“ als Zeugnis eines menschenverachtenden sozialistischen Systems zunehmend den Blick auf das real existierende Bauwerk.[ix] In den Buchpublikationen der 1960/70er Jahre spiegelt sich diese Tendenz beispielhaft in Form von bekenntnisartigen Statements westdeutscher Positionen. Hierbei dient das Medium der Photographie allenfalls als rekonstruierendes und affirmatives Beweismittel.[x]

Peripherie / Graffiti

Erst zu Beginn der 1980er Jahre lassen sich für das Photobuch erste erkundende Auseinandersetzungen mit der Mauer nachweisen. Der Westberliner Photograph Hans W. Mende veröffentlicht etwa 1980 im Nicolai Verlag einen Bildband mit Schwarzweißphotographien unter dem Titel Grenzbegehung. 161 Kilometer in West-Berlin.[xi] Im Vorwort des Bandes rechtfertigt der renommierte Photohistoriker Janos Frecot die Herausgabe gleich zu Beginn mit der Feststellung, dass es sich hier zuallererst „um kein Buch über ‚die Mauer’“[xii] handele. Im Rückblick kann man die behutsame, fast schüchterne Annäherung des Photographen von den Peripherien und Rändern der Stadt aus als symptomatisch werten. So vereint Grenzbegehung ausnahmslos stille und poetische Landschafts- und Stadtaufnahmen mit Motiven von Bahngleisen, Kanälen und Industriegebieten, die längst nicht mehr dem Tenor der Anklage folgen, sondern einen Eindruck von Alltäglichkeit vermitteln. Nicht zuletzt der Dokumentcharakter des Bandes zeugt von dem Versuch, im Sinne einer Überlebensstrategie mit „der Mauer“ zu leben. „Wer einmal hier lebt, lernt auch damit auszukommen“, schreibt Frecot.[xiii]

Von einer anderen Umgangsweise ist ein großformatiger Bildband des US-amerikanischen Photographen Leland Rice geprägt, der 1987 unter dem Titel Illusions and allusions erscheint.[xiv] Bei dem großformatigen Paperback handelt sich es um einen Ausstellungskatalog des San Francisco Museum of Modern Art, der ausschnitthafte Farbphotographien von Graffitizeichnungen der Berliner Mauerflächen vereint. Seinen ästhetisierend künstlerischen Ansatz legitimiert Rice mit einem programmatischen Verweis auf Brassais Photobuch Parisian Graffiti aus dem Jahr 1958, das er eingangs zitiert. “The wall gives its voice to that part of man which, without it, would be condemned to silence... The remainder of a primitive existence of which the wall may be one of the most faithful mirrors.” Im flankierenden Essay setzt der namhafte Autor Van Deren Coke die künstlerische Vorgehensweise von Leland Rice dann auch in Bezug zu  “Minimalism and Color Field paintings as represented in the work of artists ranging from Jules Olitski to Brice Marden.”[xv] In Analogie zu den Vorlagen der Graffitis mutiert der künstliche Charakter des Grenzwerks hier zu einem künstlerischen Werk, das nach ästhetischen Kriterien begutachtet werden will.

Ahnung

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre wird die zunehmend von Düsternis und Agonie durchdrungene Atmosphäre Berlins zum Thema mehrerer photokünstlerischer Publikationen. 1987 veröffentlicht etwa der US-amerikanische Photograph John Gossage, der bereits 1982 von der Werkstatt für Fotografie in Kreuzberg zu einem Aufenthalt in der geteilten Hauptstadt eingeladen wurde, einen auf 500 Exemplaren limitierten Bildband mit dem emblematischen Titel  Stadt des Schwarz (City of Black), der sich aus nur 18 großformatigen Nachtaufnahmen von Ost- und Westberlin zusammensetzt.[xvi] „They exist in tension between what we know about to be a historical fraught locus in time and a sense of unlocated dread, a psychic timelessness“, heißt es programmatisch im Vorwort von Jane Livingston. Als künstlerisches Buchobjekt gewinnt das Druckwerk eine geradezu hypnotisierende Intensität, die den atmosphärischen Wahrheiten der geteilten Stadt auf einem schmalen Grad des Surrealen nachspürt. [xvii] Bei dieser Verdichtung verwundert es kaum, dass John Gossage auch nach der Maueröffnung von seinem Sujet nicht mehr losgekommen ist. 2004 veröffentlicht er den schwergewichtigen Photoband Berlin in the Time of the War, der in retrospektiver Manier ein monumentales Zeitbild der 80er Dekade zeichnet. Der Band wirkt wie ein apokalyptisches Fanal.[xviii] 

Eine vergleichbare Agonie mag man auch Waffenruhe (Ceasefire) attestieren, dem rezeptionshistorisch wohl einflussreichsten Bildband zur Mauerthematik innerhalb der Photogeschichte, den Michael Schmidt gleichfalls im Jahre 1987 im Nishen Verlag veröffentlicht hat. Seine Schwarzweißaufnahmen evozieren in diesem Band ebenfalls innere Vorstellungsbilder, die stark von Stagnation und Auflösungstendenzen bestimmt sind. „Only the Wall – die Mauer –remains solid and potentially enduring – a symbol of entrapment, certainly, but in this city of contradictions, perhaps also the symbol of the ultimative Schoperhauerian escape”, deutet der britische Essayist Gerry Badger die Bilderfolge im Rückblick.[xix] Ebenfalls aus dem Umkreis der Werkstatt für Fotografie in Berlin entstammt das Photobuch Ahnung (Foreboding) von Volker Heinze, das 1989 in einer Auflage von 800 Exemplaren im Nishen Verlag veröffentlicht wird. In betont subjektiver Weise, die etwa Unschärfen, teilversperrende Blicke und kippende Perspektiven zulässt, zeichnet Heinze ein bizarres Szenario der Desorientierung. Diesmal sind die Bilder bereits von einer erdigen Farbigkeit geprägt, der Band kommt gänzlich ohne Worte aus. Mit dem Titel Ahnung scheint alles gesagt.

Stadt des Schwarz. Waffenruhe. Ahnung. Allen drei Bänden mag man aus heutiger Perspektive eine große intuitive Kraft zusprechen, die für den Zustand der kollektiven Stagnation angemessene Bild- und Buchkonzepte finden. Nicht zuletzt scheinen sie mit beeindruckend antizipierendem Gespür den kommenden Zusammenbruch vorauszuahnen.

Niemandsland / Erste Reflektionen

Mit der Grenzöffnung am 9. November 1989 wird „die Mauer“ mit einem Male historisch.

In einem befreienden Akt wird das menschenverachtende Bauwerk physisch überwunden und infolge selbst zum Gegenstand einer materiellen Demontage. Zeitnah reflektieren 1990/91 mehrere photographische Bildbände die dramatischen Ereignisse. Der Ostberliner Photograph Jochen Knobloch beispielsweise, der 1983 nach Hamburg umgesiedelt ist, begreift in seinem schmalen Paperback  BERLIN WALL. 33 Fotografien vom Zerfall der Mauer seine Bildarbeit als einen persönlichen „Freudenschrei“.[xx] In betont kleinformatigen Farbaufnahmen spiegelt Knobloch die Ereignisse zwischen dem 19. November 1989 und dem 20. September 1990. Ebenfalls zeitfixiert ist die aufwendige Publikation Berlin 13. August 1990, die mit Blick auf den Jahrestag des Mauerbaus ein facettenreiches Zeitbild der geänderten Realitäten zeichnet. An dem anspruchsvollen Buchobjekt, das bereits in Form einer geöffneten Mauer gestaltet ist, beteiligen sich unter der Herausgeberschaft von Viola Sandberg und Ulrich Herold insgesamt 30 Photographen und acht namhafte Textautoren.[xxi] Die Vielfalt der Perspektiven, Themen und Meinungen steht hierbei paradigmatisch für die neu errungene Freiheit. Um verschiedene Meinungsbilder geht es auch in der Reportage aus dem Niemandsland (Report from No Man’s Land)  der Photographin Bettina Flitner. In den Schwarzweißaufnahmen ihres Paperbacks werden selbstbewusste Alltagsprotagonisten in die abgebrochenen Szenerien der Mauerstreifen positioniert. Es handelt sich hierbei um eine bewusste Form der Realinszenierung, ein für Flitner charakteristisches Konzept, bei denen die Textzitate der Betroffenen ein authentisches Meinungsspektrum über die so fundamental geänderten Lebensbedingungen vermitteln.[xxii]

“Fünf Jahre nach Öffnung der Berliner Mauer gibt es keinen Anlass zu Nostalgie, wohl aber Gründe zum genaueren Hinsehen. Die historische Erfahrung, die in den Photographien gespeichert ist, wird erst in aus einigem Abstand sichtbar.”[xxiii] Im Vorwort des 1994 erschienen Bandes Grenzwechsel fordert der Photohistoriker Andreas Krase mit Blick auf die Berliner Mauer eine neue Rezeptionsweise. In einer “betont sachlich dokumentierenden Darstellungsweise” folgen denn auch die flankierenden Schwarzweißphotographien von Karl-Ludwig Lange, die in den Jahren 1973 bis 1990 entstanden sind, in der Tradition des Stadtphotographen dem Blick eines Flaneurs. Seiten füllend werden Aufnahmen des Alltagslebens gegenübergestellt, chargierend zwischen Ost und West, städtische Räume und Menschengruppen werden gezeigt. Im retrospektiven Blick erweist sich „die Mauer“ hierbei als ein begrenzendes Leitsystem. Die Niederländerin Kim Bouwy widmet sich 2002 hingegen einem betont gegenwärtigen Aspekt des Mauerfalls. In ihrem Photobuch Niemandsland - Berlin ohne die Mauer (No Man’s Land. Berlin without the Wall) untersucht sie in 85 sensiblen Farbaufnahmen das freigelegte Terrain der ehemaligen Todeszone.[xxiv] Das ‚Vergangene in der Gegenwart’ ist hierbei ihr Ausgangspunkt.[xxv] Einem vergleichbaren Ansatz folgt 2005 Brian Rose mit der Veröffentlichung The Lost Border. The Landscape of the Iron Curtain.[xxvi] In stilistischer Anlehnung an die Bildkonzepte der US-amerikanischen New-Color-Photography vereint das Photobuch betont elegische Farbaufnahmen der Innerdeutschen Grenze aus den 80er und 90er Jahren mit dem Schwerpunkt Berlin. Man mag dem Druckwerk zweifellos eine mentale Trauerarbeit unterstellen; den flankierenden Text deklariert der Romancier Anthony Bailey ausdrücklich als ein „Requiem“.

Die vermessene Mauer

Je länger der 9. November 1989 zurückliegt, desto stärker rücken photographische Projekte in den Vordergrund, die die Berliner Mauer en detail zum Gegenstand ihrer Untersuchung haben. Zu nennen sind etwa die künstlerischen Dokumentationsbemühungen des US-amerikanischen Bildhauers Shinkichi Tajiri, der 1969 an die Berliner Hochschule der Künste berufen worden ist und den „antifaschistischen Schutzwall“ als Äquivalent zur großen chinesischen Mauer betrachtet.[xxvii] In seinem panoramatischen Druckwerk The Wall/ Die Mauer/Le Mur, das 1971 in einem niederländischen Verlag in Baarlo mit einer Auflage von nur 100 Exemplaren erscheint, handelt es sich wohl um den ersten Versuch, die Berliner Maueranlagen in ihrer Gesamtheit zu erfassen. „This book attempts to contain the entire 43 kilometers of the Berlin WALL which will be 10 years this month.”[xxviii] Zumeist aus leicht erhöhter Perspektive aufgenommen, geben die 600 Kontakte einen Überblick über die reale Länge der Innerberliner Mauer. Mit der Methode einer nüchtern additiven Bestandsaufnahme lehnt sich Tajiri bewusst an konzeptionelle Künstlerbücher von Ed Ruscha an.[xxix] Retrospektiv mutiert „die Mauer“ so in seinem Oeuvre zu einem unfreiwilligen Kunstwerk.

Nicht zuletzt ist ein dokumentarisches Projekt anzuführen, dass in seiner konzeptuellen Strenge und rekonstruierenden Präzision singulär zu nennen ist. Es handelt sich um das derzeit in Planung befindliche Photobuch Berliner Mauer 1984 von Westen aus gesehen (Berlin Wall 1984 seen from the West) der beiden in Köln lebenden Photographen Philipp Bösel und Burkhard Maus.[xxx] Wie der Titel bereits anführt, erfassen Bösel und Maus im Sommer des Orwelljahres 1984, in dem die DDR zwischen dem Brandenburger Tor und dem Potsdamer Platz eine zweite Sperranlage errichten lässt, in einem Zeitraum von zehn Tagen systematisch ein Teilstück der Mauer von 18,3 Kilometern Länge. Das Resultat ist ein Konvolut von 1161 Schwarzweißphotographien im Filmformat  4,5 x 6 cm. Stück für Stück, Meter für Meter sind die einzelnen Betonkompartimente der Grenzanlage mit stoischer Konsequenz erfasst. Auf rezeptiver Ebene gewährt die Bilderfolge buchstäblich erstmals eine exakte Lesbarkeit der Berliner Mauer. „Darüber hinaus legen die Photos eine archäologische Schicht deutsch-deutscher Vergangenheit frei“, konstatiert Thomas Köster in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „die in der verklärenden Perspektive der Nachgeborenen verschüttet ist. Denn hinter den Büschen, den seltsam antiquiert wirkenden Autos, hinter Kreuzen und Aussichtsplattform-Gerüsten verbirgt sich eine andere Mauer als die, an deren Fall von 1989 man sich erinnert.“[xxxi] Für die Folgegenerationen wird also wieder verstärkt in den Blickpunkt rücken, wie „die Mauer“ eigentlich ausgesehen hat. Die Aufgabe scheint klar: Es gilt, das Symbol wieder in die konkrete Anschauung zurück zu überführen. Somit liegt im Unternehmen einer vermessenen Mauer, wie sie Bösel und Maus bildhaft dokumentiert haben, ein basales kollektives Erinnerungskonzept begründet. Ob nun als Archiv, Katalog oder als Atlas: Angesichts der historischen Bedeutung der Berliner Mauer liegt es nahe, dass das Medium des Photobuchs zukünftig eine Schlüsselrolle einnehmen wird.

Christoph Schaden, 2009

 

[i] Mechthild Küpper: Streit ums Gedenken. Immer Ärger um die Mauer, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.2.2009; vgl. dies.: Gedenken an den Mauerbau. „Instinktlos, geschichtslos, machtversessen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.8.2008.

[ii] Zum Jahrestag des Mauerfalls sind historische Aufarbeitungen erschienen, die sich in ihrer Auswertung allerdings auf mündliche Quellen und schriftliches Dokumentarmaterial beschränken. Vgl. Frederick Taylor: Die Mauer. 13. August 1961 bis 9. November 1989, München 2009. 

[iii] Siehe hierzu beispielhaft die die Publikation Die Berliner Mauer 1961-1989. Fotografien aus den Beständen des Landesarchivs Berlin. Ausgewählt von Volker Viergutz, 3. Aufl., Berlin 2008. 

[iv] David Compagny: „Fast dasselbe?“ Gedanken zum sammelnden Fotografen, in: Thomas Weski / Emma Dexter: Cruel and Tender. Zärtlich und grausam - Fotografie und das Wirkliche, Austellungskatalog, Museum Ludwig Köln, Ostfildern-Ruit 2003, S. 33.

[v] Mein herzlicher Dank gilt Thomas Friedrich, Berlin, für Anregungen und Hilfestellungen bei der Recherche.

[vi] Berlin 13. August, hrsg. vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, Bonn / Berlin 9.1961.

[vii] Die Photographien stammen von der berlin bild, der Bundesstelle beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, der dpa, Camillo Fischer, Heinz Gräf, Joachim G. Jung und Kindermann & Co.

[viii] Ebd., o.S.

[ix] Im Osten Deutschlands bleibt die Mauer ein Tabu, das Photographieren des „antifaschistischen Schutzwalls“ ist unter Strafe gestellt.

[x] Siehe beispielhaft Axel Springer: Von Berlin aus gesehen. Zeugnisse eines engagierten Deutschen. Nachwort von Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg. Herausgegeben von Hans Wallenberg, Gütersloh/ Stuttgart 1971.

[xi] Hans W. Mende: Grenzbegehung. 161 Kilometer in West-Berlin, Vorwort von Janos Frecot, Berlin 1980.

[xii] Ebenda, S. 5.

[xiii] Ebenda, S. 8.

[xiv] Leland Rice: Illusions and allusions. Photographs of the Berlin Wall, Essay von Van Deren Coke, San Francisco 1987, o.S..

[xv] Ebd. o.S.

[xvi] John Gossage: Stadt des Schwarz, Washington DC 1987.

[xvii] „The Berlin Wall gave Gossage the opportunity to add a historical and political dimension to his work, albeit in a deeply poetic, idiosyncratic way“. Martin Parr / Gerry Badger: The Photobook: A History, London 2006, Bd. 2, S. 64.

[xviii] John Gossage: Berlin in the Time of The Wall, Hongkong 2004.

[xix] Parr / Badger 2006 [Anm. 16], S. 65.

[xx] Jochen Knobloch:  BERLIN WALL. 33 Fotografien 1989/90 , Berlin 1990, o.S. Vgl. auch Berlin, November 1989. 14 Fotografen aus Ost und West erleben die Öffnung der Mauer. Eine Ausstellung des Goethe-Instituts und des Senats von Berlin, Berlin 1990.

[xxi] Viola Sandberg / Ulrich Herold (Hrsg.): Berlin 13. August 1990, Berlin 1990. Zu den beteiligten Photographen zählen u.a. Kurt Buchwald, Christian Borchert, Frank Thiel, Roger Melis, Helga Paris, Hans W. Mende, Harald Hauswald, Evelyn Richter und Sybille Bergemann.

[xxii] Bettina Flitner: Report aus dem Niemandsland, Berlin 1991.

[xxiii] Andreas Krase, in: Karl Ludwig Lange, Grenzwechsel. Berlin. Potsdam 1973-1990, Berlin 1994, S. 6. Lange hat 2005 noch ein weiteres Photobuch zu dem Thema vorgelegt. Karl-Ludwig Lange: Topographie der Berliner Mauer 1973-1990, Berlin 2005.

[xxiv] Kim Bouvy: Niemandsland - Berlin ohne die Mauer, Amsterdam 2002.

[xxv] Flip Bool: Germany since 1945. Through the Eye of Dutch Photographers, Breda 2008, o.S

[xxvi] Brian Rose: The Lost Border. The Landscape of the Iron Curtain, Princeton 2005.

[xxvii] Thomas Deecke: Shinkishi Tajiri erklärt die Berliner Mauer zur Land Art, in: Kunstzeitung 09/2005, o.S.

[xxviii] Shinkichi Tajiri: The Wall. Die Mauer. Le Mur, Baarlo 1971, o.S. Tajiri veröffentlichte danach eine Reihe von Publikationen zur Mauerthematik. Vgl. ders.: De Muur, Den Haag 2003.

[xxix] Bool 2008 [Anm. 24], o.S.

[xxx] Aktuelle Informationen finden sich unter http://www.enigmart.de/projekte/mauer/index.html.

[xxxi] Thomas Köster: Die vermessene Mauer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.5.2008.

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