Wilhelm Schürmann

kurzdavordazwischen oder: Die Alchemie eines kultivierten Spieltriebs

Zum 60. Geburtstag von Wilhelm Schürmann


Wer Kunst und Leben konsequent zu leben versteht, kann in eine Reihe von Seeschlachten geraten. Jason Rhoades, einer der kreativsten Köpfe der Kunstszene von Los Angeles, griff zum Jahreswechsel 1994/95 auf die harmlose Kriegsmetapher zurück, um den Kurator der Ausstellung »Temporary Translations«, die damals in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen war, einer kritischen Würdigung zu unterziehen. "The Great See Battles of Wilhelm Schürmann" nannte er voll liebenswerter Ironie seine Installation. Sie besteht aus Kopien von historischen Fotos, die allesamt auf Kissen gedruckt sind. Kleine Halogenstrahler, die nur punktuell leuchten und bizarre Schatten an die Wände werfen, enttarnen das Kunstwerk als eine Art chaotisches Versuchslabor, in dem mitunter die Fetzen fliegen können.

Laboratorium und Kissenschlacht. Es fällt schwer, in der künstlerischen Metapher des Amerikaners nicht ein außerordentliches Psychogramm zu erkennen. Denn wer dem Phänomen „Wilhelm Schürmann“ gerecht werden will, kommt nicht umhin, auf das Laboratorium der Bilder und die Schlachtfelder ihrer medialen Verwertbarkeit zu verweisen. Zugleich wirft die Installation einen treffenden Spot auf die mäandernden Umtriebe des Aachener Professors, der wie kein anderer hierzulande die unterschiedlichen Bezugsgrößen der Fotografie leichthändig zu bedienen weiß, biografische Querverweise inklusive. Denn der zu kolossaler Größe aufgeblähte Chemiebaukasten von Rhoades ist auch eine Reminiszenz an Schürmanns Eltern, die im Stadtteil Lütgendortmund einmal ein Spielwarengeschäft betrieben haben.

Was liegt also näher, als Wilhelm Schürmann einen gewissen Spieltrieb zu attestieren. Und dass der eigenwillige Fotograf, Kurator, Lehrer, Kunstsammler und Publizisten, der Mitte August seinen 60. Geburtstag feiert, auf Wunsch seines Vaters in den Siebziger Jahren zunächst Chemie studiert hat, mag wohl ebenfalls wenig erstaunen. Es war vielleicht auch ein genuin alchemistisches Interesse, das ihn zur Fotografie gebracht hat. Wilhelm Schürmann führten die ersten fotografischen Gehversuche an den äußersten Westen Deutschlands, wo der Autodidakt bis heute verortet ist. Die tristen Dörfer des Lütticher und Aachener Umlandes bilden die Motive seiner frühen Schwarzweißarbeiten. Sie sind bis heute im klassischen Sinne Gegenbilder geblieben, deren öder siebziger-Jahre-Charme in den Vereinigten Staaten und auch in Berlin gerade wiederentdeckt wird. Schürmanns ereignislose Bildpoesie hatte sich damals den Weg durch die noch wenigen Kulturinstitutionen ebnen müssen, denen die Fotografie vorbehalten war. Eine erste größere Plattform bot ihm 1977 die Hannoveraner Galerie Spectrum, die ihn neben Robert Häusser, Werner Mantz und Floris M. Neusüss zeigte. Zwei Jahre später reihte ihn Klaus Honnef in Bonn für sein Ausstellungsprojekt „In Deutschland“ zu den bedeutenden Autorenfotografen des Landes und bescheinigte ihm „eine Art Road-Fotografie“, die er mit viel Eigensinn betreibe.

Aus diesem Eigensinn heraus entstanden Jahre später einige der besten Fotobände. 1993 erschien „Pegel Köln“, ein Städteband, der in Anlehnung an Chargesheimer ein weitgehend klischeebefreites Bild der Rheinstadt entwarf, und drei Jahre zuvor der exzellente großformatige Bildband „das nötig“ in der belgischen Edition Travers, ein sensibler Dekadenblick auf die achtziger Jahre. Schon der merkwürdige Titel, der in Kurt-Schwitters-Manier ein Textfragment der Werbung verarbeitet hat, ließ deutlich anmerken, dass Schürmann die Alchemie des Fotografierens wohl nicht mehr genügte. Ein Endpunkt war erreicht, aber im Versuchslabor der Bilder gab es ja noch ganz andere Möglichkeiten.

„Ich mache Fotos und ich nehme Fotos!“, hieß Schürmanns unverhohlene Aneignungsattacke auf das Medium. 1974 eröffnete er gemeinsam mit Rudolf Kicken die Galerie "Lichttropfen" in Aachen. Damals war die Fotografie ein noch unbestelltes Feld, es galt, Trüffelschweinen gleich die brachliegenden Kostbarkeiten auszugraben. Über ein halbes Jahrzehnt leisteten „Kicken & Schürmann“ Pionierarbeit und zeigten internationale Größen wie André Gelpke, Josef Sudek, Jaromír Funke, Albert Renger-Patzsch und Umbo. Als Galeriebesitzer war Schürmann clever genug, zeitgleich eine hochkarätige Sammlung tschechischer Fotografie der 20er und 30er Jahre zusammenzutragen. 1984 verkaufte er sie komplett an das Getty Museum in Los Angeles.

Der Erlös bildete dann den Grundstock für ein neues Experiment. Zusammen mit seiner Frau Gaby begann Wilhelm Schürmann Anfang der achtziger Jahre, sein Geld in zeitgenössische Kunstwerke zu investieren. Was ihn diesmal trieb, hat er selbst immer wieder mit einer Geschichte über die berühmte leere Wand über dem Wohnzimmersofa, die es noch zu dekorieren galt, schalkhaft zum Mythos verklärt. Realiter war es wohl die Begegnung mit Martin Kippenberger, der ihm die subversive Spielwiese der Gegenwartskunst schmackhaft machte, um in pathosfreier Manier die überzeugendsten zeitgenössischen Positionen ausfindig zu machen. „Dieser Typ von Künstler hat den Sockel, auf dem diese Heldendefinition [der Kunst, Anm. des Verf.] vorgeführt wurde, umgestoßen. Das war eine echte Befreiung, die es mir erst ermöglichte, Kunst zu sammeln“, sagte er einmal in einem Interview. Die Freundschaft zu dem begnadeten Anarcho bedeutete für Schürmann ein gewaltiges Potential, das es für die Sammeltätigkeit zu aktivieren galt. Mittlerweile ist die Kollektion Schürmann, die großformatige Installationen von Cady Noland, Zoe Leonard oder Fareed Armaly sowie umfangreiche Werkzyklen von Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Sam Durant umfasst, eine der innovativsten Sammlungen ihrer Art in Deutschland. Seit 2002 ist sie im »K21«, im Museum für internationale Kunst der Gegenwart im Ständehaus in Düsseldorf, zu sehen.

Auch für die Fotografie hat sich sein Ausflug in die Reflexions- und Wahrnehmungszonen der Kunst gelohnt. Denn „es gehört ein denkendes Wesen dazu, diese Kunstsituation einzuschalten", so Schürmann. Seinem vertrauten Medium ist er in den letzten Jahren vor allem durch eine rege Kuratorentätigkeit verbunden geblieben. Einmal mehr dürfen die Kissen fliegen. Der fotografierende Sammler mit Kippenberger-Blick balgt gekonnt mit High and Low, mit Cindy Sherman und Russ Meyer, mit Vintage und Ebay, um immer wieder irritierend offen zu legen, was heutzutage fotografische Bilder mit uns und wir mit diesen Bildern tun. Mit dem Schlagwort »kurzdavordazwischen« könnte man in Anlehnung an sein Ausstellungsprojekt, das Schürmann letztes Jahr in der Photographischen Sammlung der Kölner SK-Stiftung zeigte, diesen letztlich aufklärerischen Impuls nennen, in den synthetischen Welten der Bildmedien noch Wahrheiten ausfindig zu machen. Dass ihm hierbei abermals ein Spieltrieb zugute kommt, äußert sich in den Titeln seiner Kuratorenarbeiten: Dirty Data, Temporary Translation(s), Das Ende der Avantgarde, Someone else with my Fingerprints, Deep Distance - Die Entfernung der Fotografie, Prophets of Boom, Superman in Bed.

Wilhelm Schürmanns virtuose Gabe, die verschiedenen Bezugsgrößen der Fotografie und der Bildkünste mal assoziativ, mal streng inhaltlich oder auch einmal sammlungsfixiert durcheinander zu wirbeln, hat bis heute nichts von ihrer Erkenntnisfrische verloren. Kein Wunder, zumal auf der Website der Design-Fachhochschule Aachen, an der Wilhelm Schürmann seit Jahrzehnten Fotografie lehrt, sein kerniges Credo steht. „Es gilt: Graue Gehirnzellen erzeugen farbige Bilder.“

Christoph Schaden, 2006

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