Klaus Honnef

Soziologie. Kunst. Film

Die DGPh ehrt Klaus Honnef  mit ihrem diesjährigen Kulturpreis


Vor kurzem erinnerte Klaus Honnef noch einmal genüsslich an jene Aufnahme, die ihm in jungen Jahren fast die Museumskarriere versaut hätte. Sie zeigte ihn mit geballter Faust auf einer Demonstration in Aachen, zur Debatte stand die Notstandsgesetzgebung. 1974 wurde das Foto urplötzlich zu einem Corpus Delicti, als Honnef zum Programmdirektor ans Rheinische Landesmuseum nach Bonn berufen werden sollte.  Nur dank renommierter Fürsprecher und Zeugen ließ sich damals nachweisen, dass die Faust gar keine war, sondern ein Wink seiner Hand, die im Moment des Zuklappens erfasst worden war. Der junge Mann war also kein Revoluzzer. Und die Fotografie eine Lüge, die mit ihrer Entlarvung paradoxerweise einen ihrer klügsten Kritiker und Kuratoren gewinnen sollte.

Wer den epochalen Beitrag ermessen will, den Klaus Honnef  für die Fotografie in Deutschland geleistet hat, sollte auf eine Anekdote wie diese zurückgreifen. Denn sie  veranschaulicht, wie erst aus der spannungsgeladenen Grunddisposition eines 68ers eine Auseinandersetzung mit dem vielgescholtenen Massenmedium der Oberfläche gelingen konnte. Entscheidend war vor allem ein erweiterter Seitenblick. In der Vita des streitlustigen Intellektuellen, der 1939 in Tilsit geboren wurde und seine Jugend in Aachen verbrachte, schien dieser geradezu idealtypisch angelegt.

Eine erste Spielwiese, die für die Fotografie später von Gewicht werden sollte, eröffnete sich für Klaus Honnef in der Soziologie. Während der ersten Hälfte der sechziger Jahre studierte er in Köln bei René König und Alphons Silbermann den empirischen Zweig. Seine Vorliebe für das Spekulative entwickelte sich aber durch das Adornosche Denken, es brachte ihn zunächst zum Journalismus und über die Kritik dann auch zum Film und zur Kunst, wo er vor allem in der Malerei eine Freiheit des Denkens fand. 1968 übernahm er in Aachen das „Zentrum für aktuelle Kunst. Gegenverkehr“ und stellte u. a. Sigmar Polke und Gerhard Richter aus. Mit Verzug wurde das Honnefsche Amalgam auch für die Fotografie fruchtbar. Nachdem er in Münster den Westfälischen Kunstverein geleitet und 1972 an der documenta 5 mitgewirkt hatte, verschlug es Honnef nach Bonn ans Rheinische Landesmuseum, hier arbeitete er bis 1999. Dass er überhaupt zur Fotografie gelangte, verdankt sich übrigens Bernd Becher, der den frischen Museumsmann auf deren dokumentarische Traditionslinien aufmerksam machte. Nicht ohne Ironie, aber folgerichtig bezeichnet sich Honnef bis heute gerne als „ersten Becherschüler“.

Zur Erinnerung sei gesagt: Ende der siebziger Jahre bedeutete Fotografie im Museum eine Pioniertat. Honnef nutzte programmatisch die Chance, um die heute Großen der Zunft einer zuweilen überforderten Öffentlichkeit vorzustellen: August Sander und Erich Salomon, Hugo Erfurth und Alfred Eisenstaedt, Liselotte Strelow und Theo Schafgans, Helmut Newton und Angela Neuke, Hermann Claasen und Chargesheimer, Candida Höfer und Axel Hütte, Jürgen Klauke und Germaine Krull, Will McBride und Stefan Moses, Karl Bloßfeldt und natürlich immer wieder die Bechers. Mit der legendären Gruppenschau „In Deutschland. Aspekte gegenwärtiger Dokumentarfotografie“, die er 1979 mit Wilhelm Schürmann realisierte, gelang ihm ein weiterer Coup. Treffsicher leitete er im Katalogtext die Unabhängigkeit jüngerer Positionen aus den französischen Autorenfilmen der Nouvelle Vague ab, sein Schlagwort der „Autorenfotografie“ legitimierte bis in den USA hinein die noch unsicheren Autonomiebestrebungen der aufkeimenden Fotokunst.

Im Rückblick ist es nicht hoch genug zu schätzen, dass Klaus Honnef stets zu polarisieren wusste. Zur documenta 6, der sog. „Medien-Documenta“, für die er 1977 zusammen mit Evelyn Weiss ein Ausstellungssegment beisteuerte, hagelte es Verrisse. In dichter Hängung hatten die beiden Kuratoren die internationale Kunstgemeinde mit einer Geschichte der Fotografie konfrontiert, um Prägungen nachzuweisen, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichten. Unter Mitwirkung seiner Frau Gabriele Honnef-Harling, mit  der er seit 1974 verheiratet ist, verwirklichte Klaus Honnef in den nachfolgenden Jahren mehrere thematische Fotoausstellungen, die einen breiten Grund legten. Hierzu zählt die Schau „Lichtbildnisse“, die Honnef 1981/82 in drei Etappen zeigte. 1997 folgten das ambitionierte Exilprojekt „.Und sie haben Deutschland verlassen... müssen. Fotografen und ihre Bilder 1928-1997“ und zusammen mit Rolf Sachsse die Mammutschau „Deutsche Fotografie. Macht eines Mediums 1870-1970“, die grandios scheiterte. Bis heute ist die Relevanz dieser Themenausstellungen durch die opulenten Kataloge zu greifen, deren Beiträge Fotografie weniger (kunst-)historisch, sondern eher diskursiv zu fassen suchen. Dass sie gerade hierdurch eine eigene Historizität gewinnen, macht sie für jüngere Forschergenerationen attraktiv.

Dies gilt auch Honnefs umfassende publizistische Tätigkeit, die es noch aufzuarbeiten gilt. Seine geschliffene, oftmals journalistisch gefärbte Rhetorik  brachte ihm 1988 den Titel „Chevalier de l'ordre des arts et des lettre“ der Republic de France ein, gleichwohl blieb ihm eine internationale Karriere versagt. Umso deutlicher tritt im Rückblick eine Persönlichkeit hervor, die paradigmatisch das geistige Ringen mit einem verführbaren Bildmedium verkörpert, welches unweigerlich in die deutsche Nachkriegsgesellschaft hineinfundieren musste.

Vieles ließe sich noch anführen. Die mitunter professorale Lehrtätigkeit etwa, die den Wahlbonner nach Kassel, Trier, Köln, Hannover und zuletzt Wuppertal führte. Seine Initiative zur Gründung der Gesellschaft Photoarchiv e.V., die u.a. den Nachlass von Liselotte Strelow betreut. Und nicht zuletzt auch das Faktum, dass er auf Höhe der Gegenwartsdebatten geblieben ist. Im digitalen Zeitalter steht für Honnef die Fotografie mehr denn je unter „Legitimationsdruck“. Weiter heißt es: keine Hängung ohne Reflektion, keine Ausstellung ohne These. Kein Wunder also, dass er hierzulande das Denken über Fotografie geprägt hat. Allein dafür gebührt ihm die Ehrung durch den Kulturpreis 2011 der DGPh.

Christoph Schaden, 2011

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