Heinrich Heidersberger

Die Auflehnung des Insekts

Heinrich Heidersberger wird 100


Das schönste Kompliment machte ihm wohl Jean Cocteau. Es ist Frühjahr im Jahre 1962, als der große französische Dichter Heinrich Heidersberger in Wolfsburg ein Schreiben zukommen lässt. In dem vierseitigen Brief, in dem Cocteau mit dem ihm eigenen poetischen Vokabular ein Psychogramm seines Fotografenfreundes entwirft, vergleicht er das Werk Heidersbergers mit der Auflehnung eines Insekts oder einer Blume, die es längst müde wären, sich den Gesetzen ihrer Gattung zu beugen. In Hinblick auf die Rhythmogramme, mit denen Heidersberger zu jener Zeit gerade internationale Erfolge feiert, betont Cocteau mit Augenzwinkern: „Es geschieht wohl, dass Spinnen unter der Einwirkung von Drogen die Struktur ihres Netzes ändern, und dass Marienfäden zu teuflischen Fallstricken werden.“ Was läge also näher, als das eigensinnige Werk zu bewundern, „auch wenn wir nicht begreifen!“

Nach knapp viereinhalb Jahrzehnten mag man das emphatische Dichterwort mehr denn je als Leitmotiv verwenden, um den künstlerischen Sonderweg von Heinrich Heidersberger, der zu seinem 100. Geburtstag am 10. Juni mit einem Festakt im Schloss Wolfsburg und einer Reihe flankierender Ausstellungen geehrt werden wird, auf den Punkt zu bringen. Schließlich existiere der Zufall für die Poeten nicht, so Cocteau weiter, sie gäben ihm bloß einen anderen Namen. Welchen, ließ der legendäre französische Autor, Maler und Filmemacher natürlich offen.

Für Heinrich Heidersberger, der 1906 in Ingolstadt geboren wurde, mag man im Rückblick vermuten, dass der Zufall in der glücklichen Fügung lag, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen zu sein. Seine Kindheit verbringt er in Linz, kurz nachdem der damals weitgehend unbekannte August Sander dort sein Frühwerk beendet hat. Nach einem abgebrochenen Architekturstudium in Graz zieht es Heidersberger wie so viele seiner Generation Ende der Zwanziger Jahre nach Paris, um die private Malschule von Fernand Léger zu besuchen. Dass der Malerfürst kaum anwesend ist, stört nicht weiter, denn die europäische Metropole bringt den „notorischen Autodidakten“ (Zitat: Heidersberger) u. a. mit Ernest Hemingway, Piet Mondrian und Henry Miller zusammen. Mit Yves Tanguy verbindet ihn eine Freundschaft. Wie Rolf Sachsse treffend dargelegt hat, wird die Konfrontation mit dem Gedanken- und Bildergut des Surrealismus und den zeitgemäßen Strömungen der »pittura metafisica«, allen voran Giorgio de Chirico, dem fotografischen Lebenswerk von Heidersberger eine entscheidende Prägung geben.

Heinrich Heidersberger hat selbst einmal darauf hingewiesen, dass ihn die „intuitive Begabung für die Optionen des Schicksals“ fast zwangsläufig zur Fotografie gebracht hat. Aus der Notwendigkeit heraus, Reproduktionen für Bildwerke der Malerei anzufertigen, erwirbt er eine Holzkamera und schließlich auch Chemikalien, um die Glasplatten bestmöglich zu entwickeln. Rasch führt der Nebenerwerb zu einer erhöhten Affinität für das technische Bildmedium. Was folgt, ist ein mäanderndes Jahrzehnt. Nach Paris, das er 1931 verlässt, heißen die Stationen Linz, Den Haag, Kopenhagen und schließlich Berlin. Die erhaltenen Bilder dieser Jahre künden von der ungebremsten Experimentierlust eines Formalisten, Einflüsse von Man Ray und Umbo sind unverkennbar.

In der Reichshauptstadt schlägt sich Heidersberger zunächst als freier Bildjournalist für Ullstein und Scherl durch. Dann folgt wieder mal eine glückliche Wendung. 1937 beauftragt ihn der Architekt Herbert Rimpl, der u.a. bei Dominikus Böhm und Albert Speer gearbeitet hat, mit einer Dokumentation des Heinkel Flugzeugwerks in Oranienburg. In Buchform ein Jahr darauf erschienen, enthalten die Schwarzweißaufnahmen der Arbeits- und Wohnstätten fast alle Ingredienzien, die Heidersbergers legendären Ruf in der Architekturfotografie begründen werden: ein am Gegenstand der Moderne und der Bauhaus-Ästhetik geschulter Blick, gepaart mit technischem Perfektionismus, der in der Anschauung nicht selten ins Hyperreale gleitet und später mit einer Prise Ironie angereichert sein wird.

Ausgemustert vom Frontdienst, überlebt Heidersberger die Kriegsjahre als Industriefotograf der Stahlwerke Braunschweig im „inneren Widerstand“, wie er es selbst formuliert hat. Dank seiner multilingualen Prägung fällt ihm der Neubeginn leichter als den meisten Zeitgenossen. Für die englischen Soldaten eröffnet er 1946 das Portraitatelier »Studio Five«, im selben Jahr lernt ihn Henri Nannen kennen, für dessen Stern-Magazin die seinerzeit gewagte Serie »Kleid im Licht« entsteht. Heidersbergers Erfindungsgabe ist gewaltig. Auf Frauenakten werden gepunktete Lichtspots appliziert, die einem umfunktionierten Kochtopf entstammen. Seit 1950 bastelt der „notorische Autodidakt“ auch an einer monströsen Maschine aus Aluminium, um feinste Lichtlinien auf eine fotografische Platte zu bannen. Seine Abstraktionen, die er der Pendelapparatur abgewinnt und Rhythmogramme nennt, muten als hochästhetische Phänomene zutiefst grafisch an und verorten ihn als frei agierenden Künstler endlich dahin, wo er sich selbst sehen möchte: im internationalen Ausstellungsbetrieb.

Bis zuletzt bleibt Heidersbergers Domäne allerdings die Architekturfotografie. Einmal mehr ist er der richtige Mann am richtigen Ort. In der prosperierenden Autostadt Wolfburg nimmt er die Nachkriegsbauten von Hans Scharoun und Alvar Aalto ins Visier, und wird rasch zum bevorzugten Fotografen der »Braunschweiger Schule« um Friedrich Wilhelm Krämer und Dieter Oesterlen. Eine eigene künstlerische Handschrift gewinnt er auch dieser angewandten Bildarbeit ab. Heidersberger nimmt den Funktions- und Repräsentationsbauten der Nachkriegsmoderne jeglichen Pathos, indem er bei aller formalen Strenge Symmetrien vermeidet und immer wieder kleinste narrative Versatzstücke wie Autos und Passanten integriert. Wenn das nicht reicht, ist er  - wie 1963 im Falle der Jahrhunderthalle in Hoechst - frech genug, auch einmal eine Wolke aus seinem Wolkenarchiv (!) in den Bildhimmel zu kopieren. Im Jahre 1971 gelingt dem 65jährigen Heidersberger schließlich jene legendäre Aufnahme des Wolfsburger VW-Kraftwerks, eine hyperreale Ikone energetischer Potenz im Industriezeitalter. Inwieweit jüngere Generationen von Fotografen – etwa Andreas Gursky und Jörg Sasse, wie Reinhold Misselbeck vermutet hat- von den architekturbezogenen Sichtweisen Heidersbergers profitiert haben, wird noch zu klären sein.

Rückblickend ist wohl festzustellen, dass das Insekt im Sinne Cocteaus niemals müde geworden ist, sich gegen die Gesetze der Gattung aufzulehnen. Hiervon zeugt nicht zuletzt ein Konvolut von rund 60.000 Negativen, die es von dem im Jahre 2002 gegründeten »Institut Heidersberger« unter der Leitung von Bernd Rodrian teilweise noch aufzuarbeiten gilt. Völlig unerwartet hat eine Sichtung denn auch jüngst einen Bilderschatz zutage gefördert, der nun das Museum für Photographie in Braunschweig zeigt und den Facettenreichtum des Heidersbergschen Œuvres einmal mehr unter Beweis stellt. Es handelt sich um rund 250 Farbdias, die 1954 während einer Kreuzfahrt auf der MS Atlantik von New York nach Havanna entstanden sind. Für ein paar Dollar können die Passagiere bei Bordfotograf Heidersberger ein Bildsouvenir erwerben, das er zuvor in der Kombüse entwickelt hat. Auf charmanteste Weise dokumentiert das nicht abgefragte Farbmaterial das imperiale Unschuldsgebaren des US-Tourismus in Zeiten vor Fidel Castro.

Eine andere Anekdote besagt übrigens, dass Jean Cocteau bei Heidersberger Ende der fünfziger Jahre ein Rhythmogramm erstanden haben soll, um es Pablo Picasso zu schenken. Ob das Blatt jemals bei dem Malergenie angekommen ist oder nicht, sei dahingestellt. Ein schönes Kompliment ist es allemal.

Christoph Schaden, 2006

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