Gabriele und Helmut Nothhelfer

„So ist es und nicht anders“

Zum fotografischen Werk von Gabriele und Helmut Nothhelfer


Berlin und Bonn. Städtenamen, die sich im kollektiven Bewusstsein als Synonyme für zwei deutsche Nachkriegsepochen eingraviert haben. Zugleich bezeichnen sie die Geburtsorte von Gabriele und Helmut Nothhelfer. Es fällt schwer, mit dem Verweis auf die Herkunft nicht in einem Atemzug auch die andere symbolträchtige Größe zu nennen: 1945 sind beide geboren, ausgerechnet in jenem Schicksalsjahr, das hierzulande Nullpunkt und Neuanfang markiert. So eng sich das Nationale mit den Lebenskoordinaten des Fotografenehepaars verwoben haben mag, so unpassend erscheint allerdings jeder Anflug von Pathos, wenn man ihrem künstlerischen Werk gerecht werden will. Denn die fotografischen Arbeiten von Gabriele und Helmut Nothhelfer erwehren sich bewusst jener bleiernen Bedeutungshysterie, mit der die Sicht auf das vermeintlich deutsche Identitätsgefüge so gerne aufgeladen wird. Ihre Arbeiten sind vielmehr Resultat einer sehr differenzierten Beobachtungsgabe, die das Sehen über das Bewerten stellt und sich über die fotografischen Bilder unmittelbar auf die Anschauung überträgt. Wer die fotografischen Menschenbilder von Gabriele und Helmut Nothhelfer sorgsam studiert, wird früher oder später das Schauen selbst gewahr.

Vielleicht verwundert es, dass der Beginn ihres Schaffens eng mit den lauten Jahren der Studentenrevolte verknüpft ist. 1967 lernten sich Gabriele und Helmuth Nothhelfer an der Berliner Lette-Schule kennen, wo sie bis 1969 das Fotografenhandwerk erlernten. Durch Otto Steinert wurden sie am Ende des Jahrzehnts an der Folkwangschule in Essen mit den künstlerischen Freiheiten des Mediums vertraut. Es folgten zunächst erste filmische Experimente, ehe die verdichtende Qualität der Fotografie wieder zunehmend ins Visier geriet. Befragt man Gabriele und Helmuth Nothhelfer nach den Bezugsgrößen dieser Jahre, so fallen weniger Fotografennamen als diejenigen namhafter Filmregisseure: Chaplin, Buñuel, der frühe Vittorio De Sica und vor allem Jean Vigo. Dessen Montagefilm À propos de Nice von 1930 basierte laut Untertitel auf einem „dokumentierten Gesichtspunkt“, also einem spezifischen Beobachtungsmoment, das in den 1960er Jahren bereitwillig von den Regisseuren der Nouvelle Vague wieder aufgegriffen wurde. Auch für die Fotografie bedeutete dieser Fokus einen reizvollen Anknüpfungspunkt. Die filmische Durchdringung des Augenblicks, in dem das Narrative wie Dokumentarische aufgehoben scheint, spiegelt sich denn auch in dem 1973 begonnenen Thema, das Gabriele und Helmut Nothhelfer bis heute beharrlich verfolgen. In Anlehnung an den neusachlichen Stummfilm, der 1929 in den Kinos erschien, könnte man ihr Lebensprojekt Menschen am Sonntag nennen. Die halbdokumentarische Filmvorlage, an der u.a. Billy Wilder mitwirkte, sollte ursprünglich „So ist es und nicht anders“ heißen. Es ist ein Diktum, das man auch auf die Nothhelfer-Arbeiten anwenden könnte. Denn ihre Menschenbilder, die sonntags zumeist auf den öffentlichen Arealen der Berliner Stadtlandschaft entstanden sind, spüren mit feinsinniger Präzision jenes Dickicht kollektiver Befindlichkeiten auf, die in den individuellen Gesichtern zum Ausdruck kommen. Schon Georges Seurat, der berühmte Pariser Pointillist, dekodierte Ende des 19. Jahrhunderts die unbarmherzige Tristesse eines Sonntagnachmittags in der Großstadt. Während der Maler die Abgründe bürgerlichen Freizeitverhaltens durch eine Bildstrategie nachzuzeichnen suchte, die allenthalben die Anonymität in den Mittelpunkt stellte, entfalten Gabriele und Helmut Nothhelfer eine Phänomenologie der entleerten Blicke. Es sind Blicke von Einzelnen, die sich irgendwo zwischen Tagtraum und Realraum bewegen und unwillkürlich den Bildbetrachter erfassen.

Was 1973 als soziologische Studie begann, ist im Laufe der Jahrzehnte auf ein vieldeutiges Werkkonvolut angewachsen, das aufgrund strenger Selektionskriterien nur knapp zweihundert Bilder umfasst. Dieses Jahr konnte nun die Photographische Sammlung der Kölner SK-Stiftung einen kompletten Werksatz des Fotografenpaares erwerben. Er ist im musealen Umfeld ideal verortet, denn die Referenzen befinden sich im eigenen Hause. Mit August Sander teilen Gabriele und Helmut Nothhelfer eine Auffassung des gültigen Einzelbildes. Mit Bernd und Hilla Becher, jenem anderen Fotografenehepaar der deutschen Nachkriegsfotografie, teilen sie wiederum eine Jahrzehnte überdauernde Beharrlichkeit an der dokumentarischen Bildarbeit.

1990, im Jahr der Wiedervereinigung, äußerten sich Gabriele und Helmut Nothhelfer im kritischen Rückbezug auf die Ausstellung The Family of Man über die möglichen Aufgaben der Fotografie. Nach ihrer Auffassung könnten sie im Grundmotiv stärkerer Ausdifferenzierung liegen. Sie fragten, Edward Steichen zitierend: „Ist die Verschiedenheit nicht mindestens ebenso wesentlich, wenn es darum geht, 'den Menschen dem Menschen' zu erklären? ...Gibt es das Menschliche ohne das Soziale? Und wenn Fotografien etwas erklären und nicht nur Vorurteile bestätigen sollen, sind sie dann nicht auf den Zusammenhang angewiesen, in dem sie aufgenommen wurden, ein Zusammenhang, der den Fotografen und seine Intention umfasst?“ Aus heutiger Perspektive kann ihr manifestartiger Fragenkatalog wohl auch als Aufforderung dienen, das eigensinnige Nothhelfer-Werk wieder verstärkt in Augenschein zu nehmen.

Christoph Schaden, 2005

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