Die Einladungskarte

2006 = 365 x 6, oder: Loblied auf einen unbeachtet gebliebenen Lockvogel der Fotografie


Fast hätten wir sie entsorgt, wie jedes Jahr. Zumal der Drang, zum Abschluss der Saison noch ein wenig „Tabula Rasa“ zu machen, um den Blick auf bevorstehende Kulturereignisse freizubekommen, sich in den letzten Jahren regelrecht in ein Ritual verwandelt hat. Wegschmeißen, tief durchatmen und nach vorne schauen, heißt die Handlungsabfolge. Dass sie überhaupt noch da waren, verdankt sich übrigens einem weiteren Ritual, konkret dem Sammeltrieb meines Bruders, der sie übers Jahr hinweg je nach Eingang in eine blaue Plastikkiste abzulegen pflegt. Einige wenige schmücken zwar zwischenzeitlich seinen Schreibtisch, doch der Großteil überdauert vergessen und wild geschichtet in dieser Zwischenablage. Wenn das Jahr zu Ende geht, ist die Kiste voll. Sie merken, ich spreche von Einladungskarten, von einem weitgehend unbeachtet gebliebenen Medium der Fotografie.

Der Griff in die blaue Kiste ist gemeinhin mit einer litaneiartigen Floskel verbunden. „Zur Eröffnung der Ausstellung am …laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein“, heißt es immer wieder. Eine Gebetsmühle, die seit Jahrzehnten auf eine allenfalls leicht variierte Sprachformel zurückgreift und gleichermaßen Funktion, Dilemma und Ästhetik der Einladungskarte auf den Punkt bringt. Denn der Verweischarakter ist so evident, dass im Kunstbetrieb und folglich auch in der Fotoszene mit diesem einzigen Satz alles gesagt scheint. Bei einer Einladungskarte handelt es sich ja zumeist um einen Lockvogel für jenes Ereignis, dem man den hässlichen Namen Vernissage gegeben hat. Man sollte an dieser Stelle einmal daran erinnern, dass der Begriff wahrscheinlich auf den Franzosen Martin Vernis zurückgeht, einem ausgewiesenen Spezialisten für die Nachahmung chinesischer Lacke, mit denen man im Paris des 18. Jahrhunderts Silber und Möbel aufpolieren konnte. Heutzutage wird die Politur durch die Limitierung des eingeladenen Personenkreises geleistet, der per se als elitär oder als „Inner Circle“ zu gelten hat. Einzelne Einladungskarten aus unserer blauen Kiste erinnern allerdings daran, dass die Kulturschaffenden im Zeitalter der Mediendemokratie, der Erlebnisgesellschaft und des Quotenrankings für Museen, wie es so schön im Dreiklang heißt, noch weitaus ausgefeiltere Strategien anwenden müssen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. „Erinnerst Du Dich noch an den Volksauflauf bei ClickDoubleClick? Oder an den unsäglichen Sardinenstau auf der letzten Paris Photo?“ Als glücklich konnten sich Anno 2006 diejenigen schätzen, die zum Diner danach eingeladen wurden. Für die wahre Avantgarde darf einmal mehr gelten: Der Code sozialer Differenzierung sucht sich seine Wege.

Und die Fotografie? Vermutlich spiegelt sich unser ambivalentes Verhältnis zur Ausstellungseröffnung in dem, was Niklas Luhmann einmal sehr treffend „Kunst ist Kommunikation“ genannt hat. Über seine These, dass die Kunst in der Moderne die Gesellschaft als ihr Medium benutzt und somit ihr eigenes Grab schaufelt, mag man angesichts diverser Eröffnungsszenarien lange sinnieren. Wer jedoch die Bilder an der Wand wirklich sehen will, kommt lieber einen Tag später, wenn vor Ort Sekt- und Biergläser weggeräumt sind und endlich Ruhe zurückgekehrt ist. Welcome To The-Day-After-Club!, mag man hier sagen, einem Club, der angeblich immer größer wird. Gleiches gilt für die Einladungskarten. Sie überdauern bestenfalls das Ereignis um mehrere Tage, um an Pinnwänden als Erinnerungsanker präsent zu sein. Schließlich finden sie als Take-Away oder als „Waschzettel“, wie Alfred Nemeczek einmal despektierlich bemerkt hat, den Weg in unsere Jackentasche, damit wir uns endlich aufmachen, schließlich wird die Ausstellung nur noch morgen geöffnet haben. So ist die Haltbarkeitsdauer begrenzt, die Referenz wird nutzlos, das Druckwerk landet im Papierkorb.

Ein Blick in unsere blaue Kiste offenbart noch ein weiteres Dilemma. Die Box ist zum Bersten gefüllt. Eindrucksvoll belegt die Masse der darin liegenden Einladungskarten eine Vielzahl an Eröffnungsveranstaltungen, die wiederum vom Siegeszug eines Bildmediums im hiesigen Kulturbetrieb zeugen. Wem das nicht genügt, kann übrigens auch mal einen Blick auf das üppige Kalendarium der letztjährigen Photonews-Ausgaben werfen. Für 2006 sind in Deutschland allein für den Bereich Fotografie und Video rund 2.200 Ausstellungen verzeichnet (Quelle: Photography Now). Wer hätte 1996 vorhersagen wollen, dass zehn Jahre später täglich einmal gut sechs Fotoausstellungen eröffnet würden? Der Fotoboom hat Folgen. Um der Informationsflut Herr zu werden, laden viele Kulturinstitutionen mittlerweile bevorzugt über Emailversand ein. Einladungskarten wirken hier eher altbacken, zumal sie sich als Druckwerk des angepriesenen Ausstellungsreigens rasch zur Stapelware auftürmen. Kein Wunder auch, dass das Quantitätsproblem bei den Empfängern allzu oft ein schlechtes Gewissen hervorruft. Im Sartreschen Sinne sind Einladungskarten wohl Spiegel dessen, was wir wieder mal verpasst haben. Folglich haben sich auch nur Vereinzelte im Kunstbetrieb den Ephemera angenommen. 1990 widmete ihnen etwa Hubertus Gassner eine Ausstellung im Rahmenprogramm der documenta 9, und in Deutschland ist es neben Dietmar Schneider aus Köln vor allem der am Niederrhein lebende Peter Kerschgens, der als Sammler von Einladungskarten einen Ideenspeicher von mehr als 100.000 Objekten aufgebaut hat. Denn das haptische Zeug, so Kerschgens, dient Künstlern oftmals als kreative Spielwiese. „Wenn Ihr die blaue Kiste wegschmeißt, gibt’s ein blaues Auge!“, droht er uns augenzwinkernd am Telefon an.

Um die Kiste zu sichten, benötigen wir Stunden. Schnell wird klar, dass postalische Restriktionen die Größe der Einladungen bestimmt haben. Was aus Deutschland kommt, verharrt im kleinen DIN-C6-Format, die größeren und ungleich schöneren Karten stammen vor allem aus den Vereinigten Staaten (klassisch: Fraenkel Gallery), Frankreich, der Schweiz (unverwechselbar: Winterthur, Zürich) und den Niederlanden (hinreißend: Foam, Amsterdam). Allein auf weiter Flur wagt hierzulande einzig Thomas Zander mit seiner Galerie eine bemerkenswert aufwändige Opulenz in DIN A4. „Form Follows Porto“, heißt also die erste ernüchternde Erkenntnis. Was sich in diesen engen Korsetts allerdings artikuliert, ist von Delikatesse. Die Galerie von Claudia Delank lädt etwa mit Takashi Hommas großartig naivem Japanmädchen ein, das selbst zur Kamera greift. English-Man-in-Global-Village Martin Parr kredenzt stilgerecht Tee mit Milch. Und die Amsterdamer Foam-Crew wartet mit einem der seltenen Schwarzweißportraits von Cartier-Bresson auf, das fast an den legendären Kinski erinnert. Unsere Blicke kleben fest an den Stacheln eines jeden Frontbildes. Auch ausgelegt dokumentiert das Fotopatchwork der Einladungskarten eindrucksvoll, worin letztlich die Faszination unserer Lockvögel besteht. Es ist das längst abgeschworene Bekenntnis zum Einzelbild, das in den Preziosen ein letztes Refugium gefunden hat. Es soll zwar lediglich als Eyecatcher und visueller Appetizer dienen, entfaltet aber zugleich die geballte Magie der Fotografie. Kritiker mögen an dieser Stelle zu Recht einwenden, dass es sich um einen Anachronismus handelt, dem wir auf den Leim gegangen sind. Denn das Anschauen gleicht einem einzigen stakkatoartigen Déjà vu, das in der Summe wie ein inhaltsleeres und dennoch gewaltiges „Best-of 2006“ daherkommt. Einmal zum Jahresrückblick mutiert, macht die Auslage der rund 300 Karten einmal mehr klar, wie reich sich die internationale Fotoszene derzeit schätzen darf. Hier ein Tillmans, dort ein Weegee, wie gut Eggleston schon zu Beginn gewesen ist… Sie merken, die Sichtung endete in Schwelgerei.

Die blaue Kiste steht übrigens immer noch hier. Weiter zögern wir, ihren Inhalt zu entsorgen. Dass 2006 ein gutes Jahr war, steht jetzt außer Frage. Auch für die Fotografie.

Christoph Schaden, 2007

 

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