Detlef Orlopp

Sehen heißt Seinlassen.

Zum 70. Geburtstag von Detlef Orlopp


Gemeinhin war Miriam Rosen nicht um Worte verlegen. Doch im September 1990 kam die in Paris lebende Kunstkritikerin nicht umhin, ihrem sprachlosen Staunen Ausdruck zu verleihen. Es hatte sich bei der Betrachtung eines fotografischen Landschaftsbildes eingestellt. Von innerem Drang bewegt, schrieb sie an den Künstler des Bildes, lobte dessen eindringliche Bildsprache und berichtete auch offen vom Dilemma der Sprachlosigkeit, die das Bild in der Betrachterin unweigerlich hervorrief. „All I can say is that I tried to look as hard on my end“, schrieb sie. Der Empfänger des Briefes war Detlef Orlopp.

Vielleicht liegt es am Moment jener extremen Bildkonzentration, die im Sehprozess ein immer wiederholendes Betrachten einfordert, dass Detlef Orlopp, der 74 Semester (!) an der Werkkunstschule Krefeld Fotografie lehrte, bis heute nicht fest im Kanon der deutschen Nachkriegsfotografie verankert ist. Zumal sich seine verhalten leisen Bilder von Gletschern, Gebirgen und Gewässern stoisch allen gängigen Kategorien und Begriffen verweigern, mit denen die Kapitel der Kunst- und Fotogeschichte gefüllt werden. Zwar hat man sein Lebenswerk immer wieder mit einem Rückgriff auf die »Subjektive Fotografie« zu fassen versucht. Doch bildet der biografische Verweis auf Otto Steinert, bei dem Orlopp von 1956 bis 1959 an der Saarbrückener Werkkunstschule studierte und wenig später als Werkmeister in Essen angestellt war, lediglich einen möglichen Bezugspunkt. Informel, Minimalismus und Konkrete Fotografie hießen die weiteren Etiketten, um Orlopps künstlerischen Sonderweg zu klären. Auch sie erwiesen sich als wenig hilfreich. Michael Köhler sah Orlopp 1990 gar mit einem „historischen Handicap“ versehen, da sein fotografisches Schaffen generationsbedingt weder mit konzeptuellen noch postmodernen Kriterien einzufangen war. Wer dermaßen in Negationen behaftet bleibe, setze sich zwangsläufig der Gefahr aus, leichtfertig übersehen zu werden, so der Kritiker. Dabei müsste man nur schauen. Eindrücklich schauen.

Wer dies tut, wird heutzutage abseits aller analytischen Schubladen ganz andere Zugänge finden. Das zeigt jetzt eine Retrospektive, die die Alfred-Ehrhardt-Stiftung in Köln ausgerichtet hat. Im Rückblick ist es hierbei umso beachtlicher, mit welcher Konsequenz Detlef Orlopp, der in Kürze sein 70. Lebensjahr vollendet, über fünf Jahrzehnte hinweg seine Augenarbeit an den erd- und wassergebundenen Motiven entwickelt hat. Im Sehprozess bedeutet das Aufspüren von fragilsten Strukturen für den Betrachter eine physische Konfrontation, die zugleich ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit abverlangt. Dass der Mensch in den quadratischen Lichtzeichnungen selbst außen vor bleibt, ist dabei eine milde Erkenntnis. „Sehen heißt Seinlassen“, hat denn auch der französische Autor Peter Nim einmal zu Orlopps Bildern geschrieben. Es ist wohl das größte Kompliment, das man dem Künstler machen kann.

Christoph Schaden, 2007

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