Charles Wilp

Der gute Rausch, oder: Phantasie alleine genügt nicht mehr

zum Tode von Charles Wilp


Amsterdam an irgendeinem Sommertag des Jahres 1962. Ein Straßenmaler hat soeben in der Fußgängerzone mit greller Kreide ein überdimensionales Bodenfresko mit einer Darstellung der heiligen Maria Magdalena fertig gestellt. Zunehmend fesselt die aufreizende biblische Figur die Aufmerksamkeit der Passanten. Zu ihnen tritt plötzlich ein Tourist mit gelben Sandalen und Socken und fordert den Straßenmaler auf, er solle eine Colaflasche ausgerechnet zwischen die beiden Brüste der sündhaften Heiligen legen. Gesagt, getan. In diesem Moment beginnt es zu regnen. Erste Wassertropfen prasseln auf das Straßenpflaster, bald gießt es. Die Figur löst sich auf, Farben zerfließen. Und die Idee zur vielleicht spektakulärsten Werbekampagne der Bonner Nachkriegsrepublik ist geboren.

Oft hat Charles Wilp, der in dieser Geschichte den Straßenmaler spielt, sein denkwürdiges erstes Zusammentreffen mit Karl Flach, jenem Typen in gelben Sandalen und Socken und einflussreichen Produzenten des Afri Cola-Konzerns, genussvoll geschildert; oftmals auch in unterschiedlichen Versionen, wie es sich für eine bedeutende Ursprungslegende geziemt. Ob Dichtung oder Wahrheit – wie keine andere illustriert diese Fassung der Geschichte beispielhaft den Leitsatz, der das wechselreiche Leben und Werk des Charles Wilp geprägt hat. Es ist die mitunter tragische Fähigkeit, sogar auf dem Straßenbelag das Visionäre abschöpfen zu können.

Charles der Große, wie sich Wilp am Zenit seines Schaffens selbst genannt hat, wird der Nachwelt als Starfotograf, Werbeguru und ARTronaut® in Erinnerung bleiben. Die Etiketten – typisch deutsch – sind so schillernd wie verengend. Im Personenregister gewichtiger Künstlerbiografien wird sein Name daher ebenso oft erwähnt wie verschwiegen. Als herausragende Figur der 68er-Generation steht er in persona zugleich für jenen guten Rausch, den er damals mit unnachahmlicher Leichtigkeit in die Gesellschaft hineintrug. Ein anderer genialer Slogan, den Wilp 1968 ersann, lässt bei älteren Semestern heute noch die Augen glänzen: „Sexy-Mini-Super-Flower-Pop-Op-Cola“ heißt es kollektiv im gebetsmühlenartigen Stakkato. Für die Jüngeren, für die CW ebenfalls als Kultfigur fungiert, ist der Pionier des Medienzeitalters allenfalls noch mit Günter Netzer vergleichbar. Es ist wohl symptomatisch, dass ein Visionär wie Wilp, der die Register zwischen High & Low und Kunst & Kommerz so virtuos zu bedienen wusste, im konservativen Kulturbetrieb der Kohl-Ära nur noch marginal Beachtung fand. Charles Wilp, der am 2. Januar 2005 nach langem Leiden verstarb, passte bis zu seinem Lebensende in keine Schublade. Seine Vita bietet indes einen vorzüglichen Stoff für Hollywoodverfilmungen. NASA, Nonnen, Aufstieg und Fall des Helden inbegriffen.

Was die Fotografie anbelangt, beginnt die spektakuläre Laufbahn des Charles Paul Wilp, der 1932 in Witten in Westfalen geboren wird, mit dem Spotlight auf einen internationalen Großmeister des Mediums. In den 50er Jahren unternimmt der ehemalige Jesuitenschüler in der berühmten New Yorker Eliteschule von Raymond Loewy seine ersten fotografischen Gehversuche bei Man Ray. Eine beachtenswerte Referenz, die darauf verweist, dass kreativer Ausdruck für den Schüler zukünftig einen deutlich höheren Stellenwert besitzen wird als stupide handwerkliche Perfektion. Nachdem Wilp an der Technischen Hochschule in Aachen bei einem C.G. Jung-Schüler die Gesetze der Wirkungspsychologie hatte studieren können, eröffnet sich ihm nach seiner Rückkehr in die alte Welt ein weiteres Aktionsfeld. Es ist die abstrakte Kunst, die im Schnittpunkt von lyrischem Informel und Nouveau Realisme europaweit Erfolge feiert. Seine Freundschaft zu Georges Mathieu und Yves Klein, deren Aktionen er fotografisch und filmisch dokumentiert, beflügeln zunehmend seine Affinität zum Visionären und Immateriellen. Eine Affinität, die bis zu seinem Tode andauern wird.

Wie viele Lichtjahre Charles Wilp vom eng gesteckten ästhetischen Diskurs der Schwarzweißlichtbildner der Adenauer-Ära entfernt ist, belegt eine weitere Geschichte, die Helga Meister überliefert hat. Durch glücklichen Zufall erhält der junge Fotograf Ende der 50er Jahre die Zusage, den Kanzler der Bundesrepublik fotografieren zu dürfen. Er ist ihm schlichtweg auf der Männertoilette des Kanzleramtes begegnet, in dem Wilp gerade einen Minister portraitieren will. Als Konrad Adenauer ihm am Abend eine zehnminütige Audienz gewährt, geht der Fotograf anschließend nicht etwa beglückt in die Dunkelkammer. Vielmehr beauftragt Wilp voller Stolz seinen Adepten, ihn vor dem Bundeskanzleramt aufzunehmen. Es ist der merkantile wie künstlerische Scharfsinn, der um die Erfordernisse des Selbstmarketings weiß und heute ausgesprochen zukunftsweisend anmutet. „Phantasie alleine genügt nicht mehr“, bemerkt Wilp später einmal.

Seine grenzenlose Phantasie kann Charles Wilp in einer anderen gesellschaftlichen Nische ausleben, die in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt. Es ist die Werbebranche, die ihm seit den 60er Jahren den idealen finanziellen Nährboden bietet. Mit überwältigendem Erfolg realisiert er eine Reklamekampagne für Puschkin Wodka („Für harte Männer!“), indem er mit Dressman Frank S. Thorn und einem Assistenten in Bärenfell den halben Kontinent nach spektakulären Szenerien absucht. Gerade die verkürzende Verdichtung der inszenierenden Fotografie verhilft ihm schnell zu einem unverwechselbaren Profil, das „Wilpen“ wird zum Markenzeichen. 1962 ersinnt er für den VW Käfer die Erfolgsformel „er läuft und läuft und läuft“, später arbeitet er für solvente Brauereien, Whiskydynastien und Reifenhersteller. Und kreiert für Afri Cola jene unvergesslichen 214 Werbespots, in denen Nonnen wollüstig an einer schwarzen Limo schlürfen und sich Donna Summer lasziv hinter einer milchigen Glasscheibe räkelt. Der Fotograf nutzt seine aufreizenden Inszenierungen für einen wohl kalkulierten Tabubruch, der sich heutzutage zwar als harmlos geriert, im Zuge der 68er-Wirren aber geradezu revolutionäre Auswirkungen hat.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere geht Wilp 1969 abermals ins Bundeskanzleramt. Nun mutiert der Werbeguru zum Imageberater des Kabinetts von Willy Brandt, mit dem er Gesten einübt, die Offenheit und Dialogbereitschaft signalisieren sollen. So schafft Wilp es ein zweites Mal, die bunten Bilder zur allgemeinen Aufbruchstimmung der Bonner Republik zu liefern. Politik goes Pop, heißt diesmal die Devise. Mit dem Blick von heute ist es übrigens verblüffend, wie passgenau Wilp die Intimisierung des Politischen, die einen gängigen Diskurs unseres jetzigen Medienzeitalters bildet, vorweggenommen hat. Auch als Fotobuch ist das Projekt „Bundeskanzleramt. Eilt!“ ein großer Wurf. In Zusammenarbeit mit Inter Nationes und der kongenialen Designerin Doris van Dorp verpackt Wilp seine Bilder in eine maßstabsidentische graue Verwaltungsakte. Innen zeigt der Band die Mitglieder der Regierung mit rembrandtscher unterkühlter Attitüde, ohne auf die neckischen Accessoires des Zeitgeistes (konkret: Mädchen, Zigaretten, Trenchcoat) verzichten zu wollen. Das Resultat ist ein beispielloser inszenatorischer Spagat, den man heute gemeinhin mit dem Prädikat cool kennzeichnen würde.

Gehandelt als Lichtgestalt der neuen sozialliberalen Ära, bricht für den Mann im gelben Overall die glücklichste Zeit an. Seine Visionen kann er nun zunehmend in der internationalen Kunstszene umsetzen, der er sich seit den 50er Jahren zugehörig fühlt. 1972 holt ihn documenta-Macher Harald Szeemann nach Kassel und adelt seine Arbeit mit einer Einzelschau über „KONSUMREALISMUS“. Einmal mehr gilt es, die Hürde zwischen Kunst und Leben genussvoll zu überspringen. Zwei Jahre später reist er mit Joseph Beuys, dem anderen großen Visionär jener Zeit, für ein paar Tage nach Kenia und zelebriert am Strand das Projekt Sandzeichnungen, das in Sachen Imagepflege, Referenzsysteme und mediale Verwertbarkeit (Stichwort: „making of“) den Zeitgenossen in Deutschland einmal mehr um Jahre und Jahrzehnte voraus ist. Zwar zählt die Anekdote, dass ausgerechnet Charles Wilp dem Niederrheiner einmal den entscheidenden Rat gegeben habe, einen Hut zu tragen, in den Bereich der Mythenbildung. Umso bezeichnender ist, dass er in Kenia Beuys dazu bewegen kann, sein Image als Enfant Terrible der Kunstszene ironisch zu konterkarieren, indem er ihn wieder ohne Hut ablichtet. „Kunst ist Werbung“, sagt Wilp später einmal. Als Hommage auf Yves Klein, der ihm kurz vor seinem Tode per Urkunde 77.777 Kubikmeter endlos sensibilisierten Raum überlässt, realisiert Wilp im gleichen Jahr noch die Ausstellung „Die Fülle und die Leere. Huldigung an die Makulatur“ in Kunstmuseen in London, Krefeld und Düsseldorf. Sein transzendenter Kunstwille manifestiert sich unter anderem in überdimensionalen Fotolappen, die in diffusem Schwarzweiß allenfalls einen unscharfen Horizont erkennen lassen. Der Fotograf Charles Wilp scheint endlich in der Unendlichkeit angelangt.

Was gegen Ende der 70er Jahre folgt, sind allerdings die unabwendbaren Zeichen eines sozialen Niedergangs, die Wirklichkeit holt den kreativen Traumtänzer gnadenlos ein. Sein Stern sinkt, als sich das Eigenverständnis der Werbebranche mehr und mehr auf den Dienstleistungsgedanken reduziert. Aufträge bleiben aus, zudem verspekuliert sich Wilp bei Geschäftspartnern in Fernost, 1981 wird er schließlich gepfändet. Fast zeitgleich erscheint im Melzer Verlag sein Fotoband „Dazzledorf. Vorort der Welt“, der den Anschein gibt, als handele es sich um einen melancholischen Abgesang auf eine glanzvolle Epoche im XXL-Format. Wilps fotografischer Bestand gelangt in der Folge ins Bildarchiv der Staatsbibliothek preußischer Kulturbesitz nach Berlin, wo er bis heute seiner Entdeckung harrt.

Eine zweite Passion rettet Wilp aus der Sackgasse, konsequent wechselt er den gelben Overall mit einem Astronautenanzug. Fotografie ist von nun an Nebensache, das Ziel heißt vielmehr, die Kunst in den Orbit zu tragen. Auch dies gelingt dem Weltraumenthusiasten auf unnachahmliche Weise. Am 25. April 1995 schwebt Wilp, der sich zu Recht als der erste ARTronaut® der Menschheit bezeichnen kann, in 40.000 Fuß Höhe in absoluter Schwerelosigkeit. Es ist für ihn definitiv „der letzte Tag der alten Zeit“.

Von Krankheit schon gezeichnet, signiert er vor drei Jahren einem Mitglied seiner jungen Fangemeinde sein legendäres Kanzleramtsbuch. Er datiert seine Widmung auf das Jahr 20002. Keine Frage, Charles Wilp ist bis zuletzt seiner Zeit um mehr als einen Schritt voraus. Höchste Zeit also, ihn wieder zu entdecken.

Christoph Schaden, 2005

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