170 Jahre Fotografie

Wer ist denn nun der Vater?

Eine familiensystemische Anregung zum 19. August

 

Das Wichtigste zuerst: Vergessen Sie bitte bloß nicht, unserer ehrenwerten Dame zu gratulieren. Schließlich feiert sie am 19. August mal wieder einen runden Geburtstag. Und ohne Zweifel würde sie zutiefst gekränkt sein, wenn man ihr Jubiläumsfest versäumen würde. Es wäre einfach zu sträflich. Übrigens wird an eben diesem Mittwoch in der Kölner Paulistraße bei einem guten Fläschchen Schampus sicher wieder auf unsere Grand Dame angestoßen werden. Eine kleine verschworene Schar Eingeweihter versammelt sich dort, um das Glas zu heben frei nach dem Motto: The same procedure as every year! Es wäre schön, wenn Sie es diesmal auch tun würden, egal wo Sie gerade sind. Denn es gibt gute Gründe, auch jenseits des Anstands. Gäbe es unsere einflussreiche Dame nicht, würde uns nämlich allen etwas fehlen. Etwas sehr wichtiges…

Natürlich ist die Rede von der Fotografie. Zugegeben, sie ist nicht mehr die allerjüngste: 170 Jahre hat sie nun schon auf dem Buckel, aber was besagt das schon? Schauen Sie sich die Patchwork-Familie des Bildes einmal an: Während die Bildurmutter bis heute die kinderreiche Sippe mehr oder weniger zusammengehalten hat, sind unzählige Väter auszumachen. Kurios genug: Die älteste Schwester der Fotografie ist die eigentliche Greisin. Jahrhunderte lang hat man deren Vater irrtümlich für Jan van Eyck gehalten. Dieser sei der genialische Begründer der Ölmalerei, hieß es stets mit reichlich Pathos. Dabei war der gelehrte Flame nur derjenige, der den Pinsel am virtuosesten schwingen konnte. Und das bis heute, muss man ohne Abstriche sagen, was ja durchaus merkwürdig anmutet. Diese Schwester nun feiert heuer ihren 577sten Jahrestag (!), wenn man der Inschrift auf dem Genter Altar denn Glauben schenken will. Unter uns: Dass jedes Mitglied in dieser skandalreichen Familie des Bildes einen eigenen Ursprungsmythos einfordert, ist aufs Köstlichste schon bei den Urahnen auszumachen. Über die Entstehung der Höhlenbilder in Lascaux wird bis heute kontrovers debattiert, und die Ikonen warten gleich mit numinosen Schöpfungslegenden auf, gegen die die Märchen der Gebrüder Grimm fade wirken. Wie jung und ungestüm mutet da unsere Fotografie an, noch dazu, weil sie in dem Familienreigen einen besonderen Trumpf in den Händen hält. Oder wissen Sie etwa, an welchem Tag die Lithografie entstanden ist? Oder wann das allererste Video gezeigt worden ist?

Vom Winde verweht

Ja, der 19. August 1939 muss in Paris ein sonniger Tag gewesen sein. Mit überwältigender Mehrheit (237 Stimmen gegen 3!) konnte damals in der Pariser Akademie der Wissenschaften die Freigabe des Patents zu dem revolutionären technischen Bildverfahren gefeiert werden. Während der französische Gelehrte Arago mit seinen Parlamentsreden schon „wichtige publizistische und juristische Geburtshelferdienste“ (Wolfgang Kemp) geleistet hatte, war der umtriebige Unternehmer Louis Jacques Mandé Daguerre clever genug, das Kind sogleich auf seinen Namen taufen zu lassen. Zwar sprach es sich schnell herum, dass noch andere Bastler Anteil an der Erfindung hatten. Darunter der eigensinnige Engländer Fox Talbot, aber auch der großartige Hippolyte Bayard, der sich in einem ersten erhaltenen Selbstbildnis mit ironischer Delikatesse sogleich selbst suizidierte (was bekanntlich daran lag, dass er im Gegensatz zu Daguerre eben keine Staatsrente kassierte). Zumindest hat die Nachwelt auch diese beiden Väter der Fotografie in den einschlägigen Lehrbüchern gewürdigt. Doch sollte es bis zum Jahre 1952 dauern, bis ein gewisser Helmut Gernsheim endlich das Corpus Delicti des eigentlichen Zeugungsaktes ausfindig machen konnte. Dem Fotohistoriker gelang es nach mehrjähriger Recherche, das erste Bild ausgerechnet inmitten der Gepäckaufbewahrung des Londoner Hafens ausfindig zu machen in einem Koffer, der dort seit dem Ersten Weltkrieg überdauert hatte. Jenes Erstlingswerk der Fotografie war gleichsam ein Findelkind, dessen Schöpfer den wunderbar unaussprechlichen Namen Joseph Nicéphore Niépce trug. Er war, wie wir heute alle wissen, ein Geschäftspartner von Daguerre, der in faustischer Manier noch mit Asphalt, Terpentin und Lavendelöl operierte. Vielleicht verstarb er deswegen so zeitig, wer weiß? Jedenfalls können Sie seine achtstündige Aufnahme aus dem Fenster seines Anwesens in Le Gras, die irgendwann in den Jahren 1825, 1826 oder 1827 das Licht der Welt erblickt haben soll, in einem Museum in Austin (Texas) bestaunen. Ein Bekannter erzählte mir, dass diese erste Fotografie angeblich dort in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Gutenberg-Bibel, einem Prototyp des Ford T-Modells und dem Originaldrehbuch von Gone with the Wind ausgestellt wird! Auch das sollte man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Aber ich schweife ab. Tatsache bleibt: Die Fotografie verdankt sich vielen „geistigen Vätern“. Es gibt übrigens noch einen fünften im Bunde. Denkwürdigerweise handelt es sich um einen Franzosen, den es seinerzeit ins ferne Brasilien verschlagen hat. Sein vollständiger Name lautet Antoine Hercule Romuald Florence. Zwar ist der experimentierfreudige Tausendsassa bereits im Gernsheimer Kanon erwähnt worden und heutzutage auch unter Wikipedia abrufbar. Aber dass sein Anteil am Zeugungsakt des Bildmediums in der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet geblieben ist ─ man könnte auch sagen Vom Winde verweht ─ grenzt schon an einen Fall von Political Incorrectness. Schließlich hat der Mann, dessen Vita eine Hollywoodverfilmung wert wäre, zum ersten Male das Wort „Photographie“ niedergeschrieben. Damals, im Jahre 1834, also vier Jahre vor Sir John Herschel. Noch so einer…

Nur ein Blatt

Ups, gähnen Sie schon? Verzeihen Sie, das sollte jetzt keine Geschichtsstunde werden. Vielmehr wollte ich Ihnen doch erzählen, dass in jüngster Zeit einige delikate Ungereimtheiten zutage traten bei der Frage, wann nun genau unsere Dame das Licht der Welt erblickt hat. Unter uns: Man konnte sogar in seriösen Zeitungen darüber lesen. Die FAZ berichtete letztes Frühjahr sogar auf ihrer Titelseite davon und ließ reißerisch dort verkünden: „Das älteste Lichtbild der Welt – sensationelle Zuschreibung“. Was war passiert? Nun ja, man hatte ein „W“ gefunden. Genauer: Der US-amerikanische Talbot-Experte Larry J. Scharf hatte bei einer Recherche zu einem Katalog bei Sotheby’s das Fotogramm eines Pflanzenblattes begutachtet. Es war mit der Initialie „W“ versehen, die der Fotohistoriker dann aufgrund einer Indizienkette mit dem experimentierwütigen Briten Thomas Wedgwood (1771-1805) in Verbindung brachte. Dieser wiederum galt bisher als einer der tragischen Gestalten, denen es letztlich versagt geblieben war, das lichtempfindliche Silbermaterial zu fixieren. Da stand mit einem Mal die Frage im Raum: Könnte es sich bei der Aufnahme eines Pflanzenblatts einmal mehr um das Erstlingswerk eines kompletten Mediums handeln? „Für manche ist es nur ein Blatt. Für andere ist es die älteste Fotografie der Welt“, kommentierte die FAZ nicht ohne Augenzwinkern. Die einen mögen jetzt vielleicht an Slogans für Schokopralinen denken, die anderen gar eine heiße Lust verspüren, sich in Indiana Jones-Manier selbst auf die Suche zu machen. Schauen Sie ruhig einmal nach in den Gepäckaufbewahrungen dieser Welt, wer weiß? Vielleicht genügt auch schon ein gepflegtes Studium der Auktionskataloge, es sollen ja noch weitere Monogramme existieren. Im Ernst: Die Frage nach dem Anfang ist wohl auch deswegen so spannend, weil sie einerseits den erstarrten Kanon wiederbelebt und andererseits neue Perspektiven aufzeigt. Erst vor wenigen Jahren wurde beispielsweise bekannt, dass der erste fotografisch porträtierte Mensch ein Tierpräparator mit dem Namen Paul Huet war (das war im Jahre 1837), oder dass ein New Yorker Elektrotechniker namens Steven J. Sasson die erste digitale Kamera entwickelte (das war in den Jahren 1973 bis 1975).

Auf den heiligen Berg

Doch zurück zu unserem „W“. Das buchstäblich unbeschriebene weiße Blatt wird derzeit von einer ganzen Heerschar Fotohistorikern unter die Lupe genommen, auf die Ergebnisse darf man sicher gespannt sein. Falls unsere Dame dann tatsächlich aus dem 18. Jahrhundert stammen sollte, darf ich Sie beruhigen. Im üppigen Jubiläumsband der ESHPh erinnerte kürzlich der venezianische Autor und Fotograf Italo Zannier daran, dass auch die Schöpfungsmythen der Fotografie weit in den benjaminschen Tunnel der Geschichte reichen. Er verwies auf den griechischen Maler Manuel Panselinos, der im 14. Jahrhundert (!) als Mönch auf dem Berge Athos lebte. Seine Wandmalereien sollen der Überlieferung zufolge mit Hilfe einer Camera obscura entstanden sein. Zur Legendenbildung trug bei, dass sich Meister Daguerre höchstselbst ein halbe Ewigkeit später auf den heiligen Berg begeben haben soll, um dort ein uraltes Manuskript zu studieren, das ihn wiederum zu seiner Jahrtausenderfindung inspirierte. Dichtung oder Wahrheit, Irrwitz oder Illuminati: Schöner könnte eine Ursprungsgeschichte wohl kaum gesponnen sein. Wohlgemerkt, der Mythen umwobene Lichtanstrich geschah angeblich nicht nur Jahre vor dem berühmten Giambattista della Porta, sondern auch vor Jan van Eyck!

Vielleicht ist unsere Fotografie ja tatsächlich eine der Älteren in der Family of Pictures. Aber wen mag das schon bekümmern? Zumal unsere Dame nach ihrem digitalen Radikal-Lifting weiterhin eine ewige Jugend verspricht. Und nicht zuletzt gebietet es natürlich auch der Anstand, eine betuchte Dame nicht nach ihrem Lebensalter zu fragen. Die Hauptsache bleibt doch, dass wir das Glas an ihrem Festtag erheben! Brauchen Sie einen Jubelspruch? Cheers, good old photography! You stay forever young!

Christoph Schaden, 2009

 

 

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