Unser Fritz

"Unser Fritz"

Das Gedächtnis der Bilder zeigt sich am deutlichsten in den Bildern des Gedächtnisses.

Bernd Stiegler

 

Darf ich Sie zu einem Gedankenspiel einladen? Einmal angenommen, Sie hätten in Ihrer Familie einen etwas schrulligen Onkel, der stets und ungefragt von den guten und alten Zeiten erzählt. Sie ahnen es bereits: Nennen wir diesen Verwandten, der mit Vornamen Friedrich heißt – in leichter, aber harmloser Despektierlichkeit – „unseren Fritz“. Die Worte jenes älteren Herren kreisen unentwegt um die immergleichen Geschichten vom Krieg und den Zeiten danach, etwa um die Jahre des Wiederaufbaus (darf ich vermuten, dass er bei Ihnen immer wieder auf die Zechen, die Maloche unter Tage usw. zu sprechen kommt?). Selbstredend sind Ihnen die Bilder, die diese Geschichten in Ihrem Kopf hervorrufen, seit Jahrzehnten bereits vertraut und längst mit jenen anderen Bildern abgeglichen, die in den Fotoalben Ihres Verwandten eingeklebt sind und ebenfalls schon tausendfach gezeigt wurden. Leicht genervt widmen wir uns also einmal mehr seinen Erzählungen und schenken ihm – möglichst unauffällig, schließlich soll der alte Herr nichts merken! - die geringstmögliche Aufmerksamkeit. Denn aus unseren Fragen sind längst Antworten geworden, die Biografie von „unserem Fritz“ und seinen Altersgenossen ist im Rückblick längst in Zement gegossen. Bei uns und bei ihm.

Soweit das wohl vertraute Szenario der Generationen. Doch was würde passieren, wenn auf einen magischen Moment hin wir uns in der Rolle jenes Onkels Friedrich wiederfinden würden? Wenn uns urplötzlich die Aufgabe des Geschichtenerzählers zukäme? Durchaus vergleichbar etwa mit jenen baulichen Relikten der Steinkohlen-Zeche im Emscherbruch, die all die Jahrzehnte überdauert haben und ebenfalls „unser Fritz“ genannt werden, angeblich benannt nach jenem preußischen Kaiser, dem es nicht einmal vergönnt war, hundert Tage zu regieren. Es handelt sich um einen bemerkenswerten Irrtum, denn in der Namensnennung „unser Fritz“ hallt bei aller Vertrautheit stets eine gewisse Strenge nach (auch im Falle der Preußenkönige – man denke nur an den legendären „alten Fritz“ – können Vorfahren durchaus enervierend sein…). In Wirklichkeit hat jedoch der Essener Großindustrielle Friedrich Grillo (1825-1888) bei der Namensgebung Pate gestanden haben. Er zählt zu jenen wenigen Gründergestalten, die im 19. Jahrhundert die Berg- und Hüttenwerke des Ruhrgebiets initiierten und dieses letztlich bis heute ihren Stempel aufdrückten. Auch die überdauerten funktionalen Architekturen von „unserem Fritz“ sind also keineswegs stumm. Als Zeitzeugen erzählen sie weiterhin von dem industriellen Erbe, ohne dass die Region und auch dieser Ortsteil – Sie merken, die Rede ist von Herne-Dannekamp – letztendlich nicht zu begreifen wäre.

Doch zurück zur Frage: Was würden wir tun? Wovon würden wir erzählen? Welche Beweismittel würden wir unseren Zuhörern vorlegen, um klarzumachen, wie es heute tatsächlich ist, in diesem Jahr 2008, vor Ort und ganz konkret? Meine Vermutung ist, dass wir sicher nicht all die tradierten und Klischee besetzten Erinnerungen der Ahnen wieder aufwärmen würden. Vielmehr käme wohl ein korrigierender Reflex zum Tragen, ein vertrauter und lustvoller Gestus des „Seht doch her, ja so ist es nun einmal hier!“ (zumal sich seit der Stillegung der Kohlenzeche in unserem an der Emscher gelegenen Stadtteil einiges gewandelt hat, dem mit den gängigen Ruhrpott-Plattituden schlichtweg nicht beizukommen ist. Seien es die demografischen, sozialen und baulichen Gegebenheiten oder die kulturellen oder naturhaften Bedingungen. Aber wer weiß schon davon?). Gegenbilder wären also angebracht. Und vielleicht würden wir dann unweigerlich dieses Buch aus dem Regal ziehen und auf die hierin abgedruckten Fotografien verweisen, die in diesem Jahr entstanden sind. Allein die Geschichte ihrer Entstehung ist in gleich mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. In jenem Frühjahr waren nämlich 20 Studierende der Fachhochschule Dortmund aus den Studienrichtungen Fotografie und Grafikdesign unter der Leitung von Jörg Winde eingeladen, sich ein eigenes Bild von „unserem Fritz“ zu machen. Die Emschergenossenschaft war einmal mehr maßgeblich mit von der Partie. Zugegebenermaßen handelte es sich um eine eher einfache Versuchsanordnung, doch die Erkundung der auswärtigen jungen Leute brachte Unerwartetes und Ungesehenes zutage.

Schauen Sie nur! Garagen zum Beispiel. Mit schöner Ironie haben sie die im Titel „Herner Himmelstore“ genannt. Darin soll wohl auch eine gewisse Poesie liegen, würde „unser Fritz“ diesmal vielleicht hinzufügen, und mit Augenzwinkern auf den allzu blauen Hintergrund verweisen. Überhaupt, ─ haben Sie es bemerkt?─ wie unterschiedlich hier in Dannekamp die Verschläge, Schuppen und Bretterbuden aussehen. Da ist viel improvisiert, aber auch mit viel Liebe gemacht! Das Provisorische kann bei uns eben lange Bestand haben. „Baulich gesehen zwischen gewachsener historischer Substanz und geschmäcklerischem Baumarkt-Appeal“, schrieb mal einer über Dannekamp. Das war bestimmt nicht falsch. Falls Ihnen das alles zu schön oder zu schaurig anmutet, ich muss zugeben: Graffiti gibt es auch hier. Haben Sie es aber gelesen? ICH LIEBE DICH! steht da. Wie überall auf dieser Welt. Freilich gibt es auch bei uns die großen Gefühle, auch hier ist das Paradies nicht weit. Zumindest im Sommer, wenn man in den Rhein-Herne-Kanal springen kann. Eine herrliche Erfrischung. Da drüben findet sich übrigens der Deich. Und dahinter natürlich die Emscher, die Kloake ist ja jetzt fast wieder sauber. Das wundert Sie, nicht wahr, aber bei uns gibt es sogar Rettungsringe! So ganz ungefährlich ist unser Gewässer nämlich nicht. Wollen Sie mal einen Blick in die Wohnzimmer riskieren? Bitte sehr. Künstler gibt es übrigens auch hier. Den da kenne ich! Die logieren jetzt in der Künstlerzeche. Und das sind unsere Nachbarn. Haben Sie bemerkt, die lachen fast alle auf diesem Tuch! Ob das die Fotografie mit ihnen macht? Allein die Menschen: Wie ernst dagegen die Jungen aussehen! Leicht haben sie es wirklich nicht. „Ey, alta!“ steht da. Der Titel, verstehen Sie?, damit sind wir gemeint. Oder ich, wenn Sie das meinen. Froschkönige und Prinzessinnen findet man hier aber auch. Man muss nur suchen…

So ist eben das Leben hier…, würde „unser Fritz“ jetzt vermutlich sinnieren und betonen, dass es schon eine eigene Welt sei. Zweifellos wäre er auch ein wenig stolz, und wir mit ihm. Nicht zuletzt, weil es noch zu erzählen gilt, dass die Studierenden die Bilder dann wieder nach Dannekamp zurückgebracht haben. Das war an einem 6. Juli, mitten im Hochsommer, nur für einen Tag wurden sie ausgestellt, die Resonanz war damals gewaltig. Die Bilder hingen überall: auf den Himmelstoren, in den Wohnzimmern, am Fluss.

Soweit dieses Gedankenspiel. Und was wohl unsere Zuhörer jetzt denken würden? Aus ihren Antworten wären wieder Fragen geworden, ist meine Vermutung, und ihre Gedanken über „unseren Fritz“ hätten sich längst wieder verflüssigt. Wie die Emscher, die wir immer zu kennen glaubten.

Christoph Schaden, 2008

Text erschienen in:

Welten am Fluss – Unser Fritz
Ein Fotografie-Projekt der Fachhochschule Dortmund
hrsg. von Jochen Stemplewski und Jörg Winde
Bönen 2008, S. 6-9

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