Sven Nieder. SantIago. Eine Pilgerreise in Bildern der Camera Obscura

Ein Abdruck des Gehens

Sehe man drum jetzt und hier sich um, mit tätig gesetzter Zeit im tätig umgebauten Raum; die Spuren des sogenannten Letzten,  ja auch nur wirtlich Gewordenen sind selber erst Abdrücke eines Gehens, das noch ins Neue gegangen werden muss. Erst sehr weit hinaus ist alles, was einem begegnet und auffällt, das Selbe.

Ernst Bloch, Spuren

 

»Es war einmal ein junger Mann, der erhielt von seinem Meister den Auftrag, bis ans Ende der Welt zu dem Grab eines heiligen Mannes zu gehen. Unterwegs solle er mit einem handgroßen magischen Apparat die kostbarsten Augenblicke seiner Reise einfangen. Frohen Mutes machte sich der Schüler eines Morgens auf den Weg. Die Füße trugen ihn durch Wüsten und Wälder, und das tägliche Leben wurde immer mehr bestimmt vom natürlichen Rhythmus einen jeden Tages. Auch traf er auf fremde Menschen, die ihm freundlich Unterkunft gewährten. Als der junge Mann schließlich am Ende der Welt angekommen war und glücklich vor dem Grab des heiligen Mannes stand, bemerkte er erst, dass etwas Wunderliches geschehen war. Er hatte den magischen Apparat und den Auftrag seines Meisters völlig vergessen. Die kostbarsten Augenblicke der Reise bewahrte er stattdessen bis zum Lebensende fest in seinem Herzen auf.«

Vermutlich hätte Cäsarius von Heisterbach, einst viel gerühmter Autor der Libri miraculorum, vor gut achthundert Jahren eine Erfahrung, die Sven Nieder aus Birresborn im Herbst 2003 auf dem spanischen Teilstück des Jakobsweges machte, in solch einfache Worte gekleidet. Der Zisterziensermönch war spezialisiert auf jene simplen Geschichten, deren vornehmliche Aufgabe darin bestand, wundersame Ereignisse mit der Essenz christlicher Glaubenssätze zu verbinden. Vermutlich wäre den Zeitgenossen des rheinischen Klosterbruders bei der Lektüre dieser Geschichte auch unmittelbar die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in den Sinn gekommen. Im 13. Jahrhundert hatten sich nördlich der Alpen bereits tausende Menschen zu Fuß oder mit dem Pferd auf den beschwerlichen Weg zum Grab des heiligen Apostels Jakobus des Älteren gemacht. Entsprechend zahlreich waren die Legenden und Anekdoten, die all diejenigen zu berichten wussten, die von ihrer abenteuerlichen Reise ans Ende der Welt glücklich zurückgekehrt waren. Doch wie hätten die Menschen des Mittelalters wohl auf jene in der Geschichte erwähnte geheimnisvolle Apparatur reagiert, mittels der man auf einer Reise Bilder festzuhalten vermochte?

Der magische Handapparat wäre ihnen, so meine weitere Vermutung, wohl sehr wunderlich, gar diabolisch vorgekommen. Im 13. Jahrhundert dienten Bilder in Europa fast ausschließlich zur kultischen Verehrung des allerhöchsten dreifaltigen Gottes, Mariens und der Heiligen, und ihr Gebrauch als Altar-, Andachts- oder Wandbild in Kathedralen und Kirchen blieb motivisch, räumlich und funktional streng begrenzt. Das Bedürfnis, Erinnerungen einer mühsamen Fußreise visuell zu bannen, wäre den Pilgern wohl niemals in den Sinn gekommen, zumal die Lesbarkeit der Welt zu jener Zeit noch nicht genuin an Bilder gebunden war: „Jene Erscheinungen, die der Apostel, der Philosoph und der Dichter als Inbegriff des Unwirklichen bezeichnet hätten“, wie Oliver Wendell Holmes schon im Jahre 1859 vermutete. Der amerikanische Gelehrte bezog sich bei diesen wundersamen Erscheinungen auf eine mechanische Apparatur, deren Erfindung erst wenige Jahrzehnte zurücklag und mit deren Hilfe man tatsächlich erstmals in der Lage war, die „flüchtigsten Spiegelbilder“ zu fixieren. Es war ein durch Licht gezeichnetes Bild der äußeren Raumwelt, dem man fortan einen Namen gab, welcher zwar auf einer altgriechischen Wortschöpfung beruhte, zugleich aber das vorherrschende Bildmedium der Neuzeit bezeichnen sollte. Im 21. Jahrhundert mag der Photographie dieser magische Grundton durch ihre allgegenwärtige Präsenz abhanden gekommen sein, und mit ihm allzu oft auch das Wunder des Sehens. Wer heute – im Zeitalter des Lichts – dieser Anziehungskraft noch nachgehen will, halte sich besser an Kinder und Künstler.

Als sich Sven Nieder im März 2003 von dem französischen Pyrenäenort St. Jean-Pied-de-Port zu Fuß auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela machte, war er fest entschlossen, für sein Diplom den berühmten Camino Frances mit modernster Bildtechnik zu dokumentieren. Er trug eine hochwertige photographische Ausrüstung im Rucksack, die ihm Aufnahmen von messerscharfer Ästhetik liefern sollte. Schon nach wenigen Kilometern offenbarte sich ein zweifaches Dilemma. Einmal band die physische Konzentration des Gehens alle Aufmerksamkeit, so dass Kraft und Zeit für die Photographie schlichtweg fehlten. Zum anderen zeigten die wenigen Versuche, dass diese Art des Bildermachens nicht mit der Erfahrung einer radikal entschleunigten Bewegung vereinbar war. Verbunden mit einer Seinsweise, die täglich 30.000 bis 40.000 Schritte abverlangte, war nämlich eine unmerkliche Veränderung der Wahrnehmung. Vom reizüberfluteten Ereignis glitt der Blick allmählich in eine offene wie willenlose Anschauung der Dinge und Menschen, denen man am Wegesrand begegnete. Es handelt sich hierbei um eine kollektive Erfahrung, die Wahrnehmungspsychologen und Neurobiologen sicher erschöpfend zu klären wissen, für den Gehenden indes eine wundersame Transformation bedeutet, die Körper, Leib und Seele gesunden lässt. Auch für den Photographen barg dieser tiefgreifende Entschleunigungsprozess eine überraschende Erkenntnis. Rund 900 Kilometer pilgerte Sven Nieder nach Westen, bis er schließlich beseelt und nachsinnend zugleich bei seiner Ankunft am Kap von Finisterre auf den Atlantik schaute. Eine Lehre seines Jakobsweges hieß wohl, das miraculum des Pilgerns solle nicht in bestechend scharfen Photographien, sondern allein in den leuchtenden Augen des Zurückgekehrten ablesbar sein.

Hier könnte das Lehrstück im Sinne von Cäsarius von Heisterbach enden, ließe man außer acht, dass sich während des Pilgerns äußerst fruchtbare Gedanken formen können. „Solvitur ambulando“, sagte schon Augustinus, manches löst sich im Gehen. Instinktiv erinnerte sich Sven Nieder auf dem Jakobsweg an den Archetyp der Photographie, dessen Ursprünge sich bis ins Mittelalter und in die Antike zurückverfolgen lassen. Der angelsächsische Theologe und Philosoph Roger Bacon, ein Zeitgenosse von Cäsarius, hatte um 1260 bereits mit Räumen experimentiert, in denen man ein wirklichkeitsgetreues Abbild der Welt gewinnen konnte. Es waren dunkle Kammern, in denen durch ein winziges Loch Sonnenstrahlen eindringen konnten, die auf der entgegengesetzten Wand ein umgekehrtes Bild des äußeren Raumes zeichneten. Als Camera Obscura wurde dieser Vorläufer des Photoapparats bezeichnet, der als optisches Hilfsmittel vor allem bei Malern Verwendung finden sollte. Nach seiner Rückkehr fertigte Sven Nieder mit Unterstützung eines Freundes eine Camera Obscura an, um sich im Folgejahr abermals auf den Weg nach Santiago zu machen.

Was würde er diesmal lernen? Wenn das Gehen – so sein Grundgedanke – sich nicht mit der zeitgemäßen Form der Photographie in Einklang bringen ließe, dann mussten die Bilder eben auf andere Weise erzeugt werden. Sie sollten von selbst entstehen. Diesmal hieß sein Ziel, Bilder zu sammeln und nicht zu jagen. Und diesmal galt es, keine Augenblicke, sondern längere Zeiträume zu erfassen. Daher setzte Sven Nieder die einfache handgroße Kiste, die weder mit Linse noch mit Sucher ausgestattet war, während der Rastzeit wie einen unauffälligen Begleiter neben sich auf den Boden oder positionierte sie in Baumverästelungen, vor Kirchen und an Brücken, zumeist in jenen Momenten, wenn er nach den Anstrengungen eines bewältigen Wegabschnitts einmal pausieren wollte. Der kleine Klappverschluss wurde geöffnet, das war alles. Wie beiläufig entstanden die Bilder der Camera Obscura, allenfalls war es mit einem gewissen zeitlichen Aufwand verbunden, denn die kleine Öffnung musste je nach Wetterlage und Tageszeit zwischen zwei Sekunden und acht Stunden lang Licht ins Gehäuse lassen. Für den Photographen war die archaische Art der Bildfindung mit einem völligen Kontrollverlust verbunden, unberechenbar schien das Ergebnis, zumal Qualitätskriterien wie Ausschnitt, Tiefenschärfe und Farbverbindlichkeit nicht gelten konnten. Was half, war einzig Geduld, Vertrauen und das Gehen selbst. Trotz aller Unwägbarkeiten, die der geschichtsträchtige Weg, das wechselhafte Wetter und der eigene Körper bereithielten, erreichte Sven Nieder im März 2004 zum zweiten Mal das Apostelgrab und wenige Tage später auch jenen berühmten Meeresfels, an dem die Menschen des Mittelalters das Ende der Welt vermuteten.

Nach seiner Rückkehr zeigte sich, dass die dunkle Kammer tatsächlich etwas festzuhalten vermochte, was gemeinhin im Verborgenen bleibt und gerade heutzutage ein zentrales Mysterium des Jakobsweges bezeichnet. Es ist das Lob der Langsamkeit, das diese denkbar einfachste Rezeptur der Photographie feiert, indem sie uns wieder sehen lehrt. Wer sich genügend Zeit nimmt und die Bilder der Pilgerreise in diesem Buch aufmerksam betrachtet, dessen Augen werden im buchstäblichen Sinne enttäuscht werden. Sven Nieders Aufnahmen der Camera Obscura verweigern sich dem spektakulären Effekt des Ereignishaften, verzichten weithin auf den Charakter des Illustrativen. Bedingt durch ihre nur halbwegs von künstlerischer Intention geleiteten Entstehung strahlen sie vielmehr eine tiefe Gelassenheit aus, die dem Gegenwärtigen huldigt. Gleichermaßen scharf und bedeutend ist jedes einzelne Element in den zu Bildern geronnenen Landschaftsräumen, es scheint, als habe sich der Augenblick selbst einmal Zeit genommen. In der Summe spiegelt die kontemplative Bilderfolge denn auch die simple lineare Grundstruktur des Weges wider, der einzig durch mühevolles Durchschreiten Tag für Tag ein Stück bewältigt werden kann.

Die Pilgerreise des Sven Nieder ist ein entschleunigter Gang in den Frühling, in dem alles seine Gültigkeit besitzt. Fast beiläufig erkennen wir die lokalen Höhepunkte der Pilgerfahrt, etwa die Templerkirche von Eunate, die romanische Brücke in Puenta la Reina, die überwältigende Kathedrale in Leon oder das berühmte Eisenkreuz, das im Laufe der Zeit von Steinen überhäuft worden ist. Wer den Weg einmal gegangen ist, dem werden auch die wunderbar kuriosen Orte wieder begegnen, die der Camino bereithält: das Domizil des selbsternannten letzten Templers Tomáso zum Beispiel, oder die esoterische Enklave Sambol inmitten der wüstenähnlichen Hochebene der Meseta. Das eigentliche Wunder des Jakobsweges jedoch sind die unscheinbaren Momente am Wegesrand, die wir im Tempo des Gehens erst wahrnehmen können. Eine Baumblüte etwa, ein Sonnenaufgang oder ein verlassener Spielplatz. Und immer wieder das Chiffre des Kreuzes, das an die Endlichkeit allen Lebens erinnert. Später, mit der Ankunft am Apostelgrab und dem Blick auf die Weite des Atlantiks, wird spürbar, dass das Gehen selbst einen Abdruck in unserer Seele hinterlassen hat.

So wird der, der weit geht, ein anderer Mensch.

Christoph Schaden, 2005

 

 

 

 

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