Smlg. Thull

Der Junge mit dem Seitenblick

Eine Begegnung mit Stefan Thull und seiner Sammlung zur „Krawatte in der Photographie“

Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen.

Walter Benjamin

 

Stefan Thull macht es einem offenkundig sehr leicht. Wer die Website anklickt, die seinen Namen trägt, gelangt sogleich zu dem Bild eines Jungen. Verschmitzt schaut dieser Bub uns von der Seite an. Das Kinn ist leicht angehoben, der Blick selbstbewusst und schon voller Ironie, als wolle er sagen: „Schaut nur her! Selbst wenn Ihr es versucht, Ihr kriegt mich nicht! Niemals...“

Der Junge, dessen Haare ordentlich gekämmt sind, trägt einen Pullover, darunter ein weißes Hemd, und -für sein Alter recht ungewöhnlich - eine dunkle Krawatte. Könnte damit bereits das Rätsel gelöst sein? Stefan Thull, der 1958 in Aachen geboren wurde, sammelt schließlich seit den 1990er Jahren Fotografien, auf denen Krawatten (!) abgebildet sind. Nicht weniger als 600 Millionen Männer tragen weltweit täglich dieses nutzlose und statusbildende, aber sehr schöne Accessoire, sagt er gleich zu Beginn unseres Treffens. Und natürlich sei der Junge auf diesem Foto er selbst. Der Pullover auf dem Schwarzweißfoto sei damals übrigens grün gewesen, daran könne er sich noch erinnern. Es sei seine Lieblingsfarbe geblieben, betont er. Der Mann, der uns gerade gegenübersitzt, trägt ebenfalls einen grünen Pullover, doch eine Krawatte trägt er nicht. Nein, Stefan Thull macht es einem doch nicht so leicht.

Gemeinhin heißt es von Sammlern, dass sie den alles verzehrenden Drang ihres Tuns selbst nicht begründen können. „Viele verspüren eine ständige Ratlosigkeit, die sich nur durch neue Funde oder eine noch weitere Anschaffung bezähmen lässt“, attestierte einmal Werner Münsterberger. Auch Stefan Thull verneint und sieht gleichwohl ziemlich gelassen aus. Er erzählt stattdessen, wie alles begonnen habe. Einmal, vor Jahren in Bonn, habe er für einen Kollegen eine Glückwünschkarte organisieren wollen. Das ungewöhnliche Motivbild einer Krawatte, das er in einem Postkartenladen fand, habe in ihm dann so viel Begeisterung entfacht, dass er fortan Kunst und Kitsch von all den Motiven erwerben wollte, auf denen das langhalsige Kleidungsstück erkennbar war. Diese „Krawattivitäten“, wie Thull sie schelmisch genannt hat, veräußerte er 1990 an Sepp Halbritter in Fuchsstadt. Man konnte die über 250 Objekte, darunter auch Reproduktionen von Jim Dine, über Jahre dort noch im Krawattenmuseum bestaunen.

Geradezu idealtypisch liest sich auch für den Zeitraum danach das biografische Scheckheft seiner Obsession. Denn mit der Sammelleidenschaft ging eine zunehmende Kennerschaft einher. 1985 veröffentlichte er – notgedrungen im Eigenverlag – ein Anleitungsbuch mit dem umwerfenden Titel „Die Kunst des Krawattenbindens“, das französische Original stammte aus dem Jahre 1827. Der Reprint wurde ein Bestseller. Da wurde er plötzlich in Talkshows eingeladen und als Connoisseur und Krawattenpapst gefeiert, erzählt Thull. Nur leben konnte er von einem solchen Titel nicht. Zur Fotografie gelangte er erst zu Beginn der 90er Jahre, als er in München in einer Werbeagentur arbeitete und für Broschüren der Textilindustrie auch bildredaktionell tätig wurde. Hier eignete er sich nach eigenem Bekunden jene Augenschulung an, die für seine zweite Sammlung „Die Krawatte in der Photographie“ maßgeblich wurde.

Den Beginn dieser Sammlung markiert nicht zufällig eine Aufnahme von Paul Outerbridge. Schließlich sei der Fotograf just an eben jenem Tage verstorben, an dem er geboren wurde, betont Thull. Eine solch mythische Eigenlogik mag verbunden mit dem Thema vielleicht etwas sonderlich anmuten. Mitunter hätten ihn Galeristen denn auch angeschaut, als hätte er etwas höchst Unanständiges verlangt, berichtet er. Doch ganz so abwegig sind dererlei Obsessionen keineswegs. Bereits in höfischen Wunderkammern konnten sich Motivsammlungen etablieren, um ein enzyklopädisches Interesse an der Welt zu befriedigen. Im  19. Jahrhundert reüssierten sie in unterschiedlichsten Nischen, zum Beispiel in naturwissenschaftlichen Sammlungen, ikonografischen Bildarchiven der Kunstgeschichte und den Niederungen der Philatelie. Heutzutage dienen motivische Bildsammlungen eher als Fundgrube und Ausgangspunkt künstlerisch kreativer Interventionen (vgl. Stephan Balkenhol, Peter Piller). Für die Fotografie mag dabei gelten, was einst schon Helmut Gernsheim forderte: „Man sollte nur etwas sammeln, was andere noch nicht sammeln. Wenn du etwas sammelst, wofür sich niemand außer dir interessiert, gibt es nur eine Alternative: entweder du bist verrückt oder alle anderen.“ Mit der sympathischen Verquertheit, die solch motivische Sammlungskonzepte in der Fotografie zwangsläufig auszeichnen, steht Stefan Thull nicht allein da. Schon in den 90er Jahren beschwor beispielsweise die Sammlung Michael Horbach die Sinnlichkeit von Achselhaaren (!). In jüngerer Zeit konzentriert der New Yorker Galerist Bill Hunt seine Sammelleidenschaft auf Aufnahmen von „Blind People“, während die Kölnerin Christiane Ruff ihre Car-Collection stetig erweitert...

Endlich kredenzt Stefan Thull die Exponate seiner Sammlung. Es wird rasch klar, dass auch sie sich einem triebhaft spielerischen Ehrgeiz verdankt, dessen Charme wiederum man sich nur schwer entziehen kann. Dabei hat der Sammler zu jeder Trophäe eine passende Anekdote parat, meist die des abenteuerlichen Erwerbs. Zugleich springt aber auch der betont heterogene Charakter des Bilderkonvoluts ins Auge. Bruce Gilden ist etwa genauso vertreten wie Marianne Breslauer, Hannes Kilian wie Josef Koudelka, Saul Leiter wie Robert Lebeck. Historische Aufnahmen von Krawattenläden finden sich ebenso wie Objektaufnahmen in Bauhaus-Manier oder bildjournalistische Ereignisfotografie (beispielsweise eine 1996 zum World-Press-Photo gekürte Aufnahme der US-Amerikanerin Barbara Kinney aus dem Weißen Haus). Ironisch ausgefeilte Exponate (zum Beispiel ein Schlips des Bundesnachrichtendienstes mit eingebauter Kleinstkamera, fotografiert von Andreas Magdanz) stehen mit Delikatesse einer surrealistisch anmutenden Serie des Wiener Fotografen Martin Gerlach gegenüber. Anstelle von Krawatten zeigt sie laszive Frauenakte vor einer Männerbrust. Freud lässt grüßen! So sind es gerade die Metamorphosen des Fetischs, die sich am freiesten gebärden. Der Spanier Chema Madoz verwendet das nutzlose Utensil dann auch einmal als Lesezeichen. Und letztendlich dürfen natürlich auch die Prominenten nicht fehlen. Gilbert Becaud, der große französische Chansonnier, räkelt sich auf einer Inszenierung von Jeanloup Sieff in einer sentimentalen Pose, zu der der lustig weißgepunktete  Schlips nicht so recht passen will. In einer 6-teiligen Sequenz von Herlinde Koelbl bindet der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sein bestes Stück vor einem rotem Vorhang (!), während Marilyn Monroe inmitten eines Geschäfts in unnachahmlicher Sexyness ein ganzes Krawattenwerk begutachten darf. Bei dem  Typen, der in dem Fenster da hinten gespiegelt sei, handele es sich übrigens um Arthur Miller, sagt Stefan Thull. Die wunderbare Aufnahme sei Sam Shaw zu verdanken....

Die Sichtung der rund 200 Aufnahmen zum Thema „Die Krawatte in der Photographie“ entwickelt sich zu einem wilden Parforceritt durch die Höhen und Weiten des Mediums. Auch Thull, der als Modeberater bei Peek & Cloppenburg heute Beruf und Berufung aufs Beste zu vereinen weiß, ist sich um die Notwendigkeit eines Ordnungsprinzips bewusst. Die werde er aber gerne in die Hand eines Kuratoren legen, betont er, und erläutert seine Pläne, in mittlerer Zukunft einmal die Sammlung in den großen Häusern dieser Welt auszustellen. Haben wir noch etwas vergessen? Nun ja, man solle doch bitte erwähnen, dass er vor kurzem noch eine dritte Sammlung angelegt hätte: „Krawatten von Photographen“ hieße diesmal das Thema. Tiefes Durchatmen! Von Daido Moryama, William Klein,  Bruce Gilden und Arthur Tress habe er bereits ein schönes Exemplar, sagt Thull nicht ohne Stolz. Einmal mehr spürt man das hüpfende Sammlerherz. Allerdings sei Martin Parr ein Problem, bekennt er freimütig. Der würde keine einzige besitzen, angeblich... Eine letzte Frage ist nicht zu vermeiden. Nun ja, in seinem Kleiderschrank zuhause habe er rund 20 bis 30 Krawatten abrufbar, antwortet Stefan Thull. Pause. Mehr nicht. Er sei ja schließlich kein Sammler! Der Junge in dem grünen Pullover lächelt wieder.

Christoph Schaden, 2010

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