Simone Nieweg. Grabeland

Restlandschaften

GRABELAND, n., selten fugenlos grab-land REYHER thes. (1686) g5; durch umgraben, nicht durch pflügen hergerichtetes gartenland: grabeland areae hortorum, sive areolae STIELER stammb. (1691) 1063; auf einem grabeland entwickelte sich zwischen den krautpflanzen auch ein kartoffelstock GÖTHE II, 6, 176 W.; in gärten und auf Grabeland wird das Gras ein höchst lästiges unkraut SCHLECHTENDAL flora v. Deutschl. (1880) 8,20.

Deutsches Wörterbuch, Jacob und Wilhelm Grimm

 

Der Begriff verweist auf eine Tätigkeit, hat einen lokalen Bezug und beharrt eigensinnig auf dem Faktor des Imperativischen: Grabeland. Wer dahinter im Sinne des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm nur eine generelle, poetisch anmutende Bezeichnung für degenerierte Ackerflächen vermutet, hat nur zum Teil Recht.1 Nach Paragraph 1,5 des deutschen Kleingartengesetzes bezeichnet Grabeland heute „ein Grundstück, das vertraglich nur mit einjährigen Pflanzen bestellt werden darf.“2 In Abgrenzung zu anderen Biotoptypen handelt es sich nach der juristischen Definition um nicht eingezäunte Parzellen, die überwiegend oder ausschließlich der Eigenversorgung mit Feldfrüchten dienen.3 Nur im Singular auftretend, umschreibt Grabeland also jene brachliegenden Resträume in Deutschland, die noch nicht funktional eingebunden sind und periodisch nur für den Eigenbedarf landwirtschaftlich genutzt werden dürfen. Jedes Jahr am 30. September endet der Pachtvertrag, jedes Jahr mutieren die Provisorien zurück zur nutzfreien winterlichen Brachfläche. Die vereinzelten Areale bilden Restlandschaften unserer Zivilisation, übrig gebliebene Nischen, die sich zumeist an der Schwelle von Straße und Acker, Stadt und Land, öffentlichem und privatem Raum befinden.

Das Diktum des Sehens

Grabeland nennt Simone Nieweg ihre fotografische Langzeitstudie, die sie in der Alten Rotation in Bonn erstmals komplett der Öffentlichkeit vorstellt. Seit 1986 arbeitet die Düsseldorfer Fotografin – parallel zu ihren Landschaftsbildern der niederrheinischen Tiefebene und der westfälischen Region – an der fotografischen Dokumentation über die eigenwilligen, halbkultivierten Naturreservate, deren Nischenexistenz hierzulande weitgehend unbeachtet geblieben ist. Befragt, welche Gründe für die Wahl des unspektakulären Sujets ausschlaggebend gewesen sind, macht Simone Nieweg zunächst biografische Gründe geltend. Als sie 1984 zum Kreis der renommierten Fotoklasse von Bernd Becher an der Staatlichen Akademie stieß, galt dort bereits das Primat der themenbezogenen Arbeiten. Die Protagonisten der ersten Schülergeneration, unter ihnen Tata Ronkholz, Petra Wunderlich, Thomas Struth und Axel Hütte, hatten zu diesem Zeitpunkt bereits das Feld der Architekturfotografie weitgehend bestellt.4 Simone Nieweg konzentrierte sich daher auf ein anderes Genre, dem im Kanon der Bildgattungen ebenfalls ein fest tradierter Platz zugewiesen worden ist: der Landschaft, einem Bildsujet, das auf dem Feld der Malerei gerade an der Düsseldorfer Kunstakademie im 19. Jahrhundert internationale Erfolge feiern konnte.5 Auch wenn diese Analogie auf Seiten der Fotografin sicher nicht intendiert ist, liegt doch eine aufschlussreiche Parallele in der gemeinsamen Bildauffassung, die der Malerei verpflichtet ist. Ihre farbigen Landschaftsdarstellungen suggerieren allerdings nicht jene sentimentale Überzeitlichkeit, wie sie für die sublime Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts so charakteristisch ist. Standpunkt und Perspektive des Bildbetrachters sind vielmehr selten erhöht oder erniedrigt zum Maß des Menschlichen, der Horizont, prägnant sichtbar ins obere Bilddrittel geschoben, bietet zusätzlich Orientierung; Hochspannungsmasten, Treckerspuren und andere Kulturrelikte zeugen bildimmanent von der Tatsache, dass hier Gegenwart fokussiert worden ist.6 Alles Spektakuläre, Ereignishafte ist ausgemerzt, Fragmentierungen werden vermieden; klischeehafte Assoziationen werden nicht bedient, jeglicher Effekt ist zurückgenommen zugunsten der Anschauung.

Die Landschaftsbilder von Simone Nieweg fungieren daher nicht als romantische Projektionsfläche innerer Befindlichkeiten, sondern verharren formal und inhaltlich in einer reflexiven Konzentration, die die Anschauung wieder auf den genuinen Transformationsprozess lenkt, der die Fotografie bestimmt: die Übertragung des Raumes auf eine zweidimensionale Fläche.

Äcker Tore, Hütten, Komposthaufen

Dem Diktum des Bildes folgt Simone Nieweg auch in ihrem Projekt Grabeland. In Anlehnung an ihren Lehrer Bernd Becher selektiert Simone Nieweg das Sujet in mehrere Untereinheiten, die allesamt Gegenstände bezeichnen: Gartenpfosten, Hütten, Komposthaufen und Ackerflächen. Die Lakonik, die mit der schlichten Benennung einhergeht, kontrastiert wirkungsvoll mit dem visuellen Reichtum auf der Bildebene. Hütten offenbaren sich als improvisierte Kleinstarchitekturen, die mit Bretter- und Plastikverschlägen der Vergänglichkeit trotzen. Eingangstore weisen hochkomplexe, Komposthaufen wiederum auflösende Binnenstrukturen auf, Gemüsepflanzen liegen scheinbar chaotisch verstreut auf dem Erdboden. Überall evozieren Materialität, Farbe und Oberflächenstruktur eine spezifische Haptik, überall liegt die ausbalancierte kompositorische Konstruktion des Bildes im Widerstreit zu den anarchischen vegetabilen Formen. In der domestizierten Anarchie tobt ein lautloser, zuweilen aberwitziger Kampf zwischen (abwesendem) Mensch und Natur. Simone Nieweg charakterisiert das Grabeland als ein skurriles Zwischenreich mit eindeutig entropischem Charakter.

Bezogen auf die drohende Vergänglichkeit des Natürlichen, äußerte der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss einmal die denkwürdige These: „Die Natur ist alles, was für eine bestimmte Zeit der Fall zu sein scheint.“7 Die Grabeland-Bilder von Simone Nieweg geben ihm Recht.

Christoph Schaden, 2001

1 Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, 4. Bd., I. Abtlg., 5. Teil, Leipzig 1958, Sp. 1545.

2 (BkleinG), § 1,5. Zitiert nach Gerulf Stang: Bundeskleingartengesetz (BkleinG), Kommentar, 2. Aufl., Köln u.a. 1995, S. 28.

3 Ebd., S. 62: „Früher wurde unter Grabeland eine Fläche verstanden, die erstmals vertraglich zur kurzfristigen Bearbeitung in gärtnerischer Handarbeit überlassen wird, wobei ausdrücklich vereinbart wird, dass weder Bäume noch Sträucher gepflanzt, noch Lauben aufgestellt, noch ähnliche für die kleingärtnerische Nutzung typische Handlung aufgenommen werden dürfen. Während die Erstmaligkeit und Kurzfristigkeit der Überlassung und Bearbeitung vom Wortlaut und dem Sinn und Zweck der gesetzlichen Begriffsbestimmung als Merkmal des Grabelandes nicht mehr entnommen werden kann, wird man das Verbot der Laubenaufstellung und ähnlicher Handlungen nach wie vor bejahen müssen.“

4 Ansicht Aussicht Einsicht. Andreas Gursky. Candida Höfer. Axel Hütte. Thomas Ruff. Thomas Struth. Architekturphotographie, hrsg. v. Monika Steinhauser in Zusammenarbeit mit Ludger Derenthal, Düsseldorf 2000.

5 Barbara Gaethgens: Amerikanische Künstler und die Düsseldorfer Malerschule, in: Bilder aus der neuen Welt. Amerikanische Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts, Ausst.-Katalog, München 1988, S. 70ff.

6 Zur Diskussion vgl. Landschaft. Die Spur des Sublimen, Ausst.-Katalog, Kiel 1998, S. 58.

7 Beat Wyss: Die Kunst auf der Suche nach dem Text, in: Ders.: Mythologie der Aufklärung. Geheimlehren der Moderne/Jahresring 40, München 1993, S. 9.

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