Rolf A. Kluenter. Portals of the Labyrinth

Eintritt ins Labyrinth

Zum jüngsten Werkblock von Rolf A. Kluenter

Das Labyrinth ist die Heimat der Zögernden. Der Weg dessen, der sich scheut  ans Ziel zu gelangen,
wird leicht ein Labyrinth zeichnen.

Walter Benjamin

 

Die Logik eines künstlerischen Werkes ist gemeinhin aus einer einzigen physischen oder geistigen Bewegung ableitbar. Am Eingangsportal des romanischen Doms in Lucca in der Toskana ist seit Jahrhunderten ein steinernes Kunstwerk angebracht, das ein kreisförmiges Labyrinth zeigt und einer flankierenden Inschrift zufolge auf die Theseus-Sage verweist. Ihre spezifische Form leitet sich aus einer einzigen Dreh- und Denkbewegung ab, die von der Peripherie ins Zentrum führt. Wie die berühmte Legende lehrt, gelingt der Ausweg aus diesem Labyrinth allenfalls mit dem Faden der Ariadne. Bei Interpretationen der Legende, die als Urmodell menschlichen Weltverstehens dient, wird allerdings allzu oft übersehen, wo der Eingang liegt. Der Zutritt zu den archetypischen Labyrinthformen, die konkret begangen werden können, ist zumeist nur von Westen aus möglich, eine Himmelsrichtung, die schon fr die Kelten die Richtung des Todes oder den Eingang zur Anderswelt bzw. Unterwelt bedeutete. Der Osten hingegen bildet bis heute das Entree zur Erkenntnis und Erneuerung. Bei Labyrinthen handelt es sich also keineswegs nur um symbolische Einwegfiguren, sondern auch um konkrete Erfahrungsweisen, deren Bewältigung eine spezifisch räumliche Bewegung mit einschließt. „Portals of the Labyrinth“ heißt der jüngste Werkblock von Rolf A. Kluenter. Der vieldeutige Titel legt nahe, zunächst eine biografische Folie heranzuziehen, nicht zuletzt, weil sich der eigenwillige Lebensweg des Künstlers, der 1956 in Bürvenich bei Köln geboren wurde, durch eine konsequente Hinwendung nach Osten auszeichnet. Nach Abschluss seines Studium an der renommierten Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf im Jahre 1988 richtete Rolf A. Kluenter seinen Blick nicht nach New York, das als Metropole der Gegenwartskunst einen hypnotischen Sog entfachte, sondern nach Nepal. Die neue Verortung, die nicht nur im physischen Sinne eine Gegenbewegung bedeutete, war für ihn ein Eintritt ins Labyrinth der Erkenntnis, zumal der Aufenthalt mit einer intensiven Auseinandersetzung mit fernöstlichen Denk- und Meditationsweisen verbunden war. Bis 1994 lebte und lehrte er in Kathmandu, danach wagte er den Schritt nach Shanghai, eine Weltstadt mit kapitalistisch geprägter Dynamik, die die dritte Station eines künstlerischen Sonderwegs bezeichnet.

Wer so weit in die andere Richtung geht, hat etwas Anderes, Wesentliches mitzuteilen. Aus der Auseinandersetzung mit fernöstlichen Denktraditionen resultiert bei Rolf A. Kluenter ein künstlerischer Impuls, der sich mit den Kriterien und Termini einer westlich geprägten Kunstkritik nur unzureichend beschreiben lässt. Dieser Impuls spiegelt sich in „Portals of the Labyrinth“ im sensitiven Leitmotiv des Schwarz, das als allegorische Negation allgegenwärtig scheint. Bereits für „Secret Room“, einem Werkblock, der zwischen 1986 und 2004 entstanden ist, verwendete Rolf A. Kluenter handgeschöpfte Büttenpapiere, die erst durch Kohlenstaub eine signifikante schwarze Einfärbung erfuhren. Gleich einer Signatur bildet der Papierwerkstoff den dunklen Malgrund, der in seiner Oberflächenstruktur, materiellen Verwobenheit und farblichen Gradation vielfach facettiert und gebrochen wirkt. Er fungiert wie der Negativfilm einer unbelichteten Fotografie, dessen Korn auf die ersten Sonnenstrahlen wartet.

So bildet das Schwarz den Ausgangspunkt eines schöpferischen Prozesses, der im wörtlichen wie übertragenen Sinne als Via Negativa bezeichnet werden kann. Die Bearbeitung der schwarzen Oberfläche erfolgt mittels weißer und schwarzer Tinktur, die zumeist netzartige Strukturen und Verflechtungen evozieren und in ihren Überlagerungen oft raumbildend wirken. Kreis und Rechteck, Punkt und Linie bilden die formalen Bezugsgrößen fr das Koordinatensystem der künstlerischen Erkundung. Zueinander in Anordnung gebracht, folgen sie offenkundig nur bedingt einem rationalen Prinzip und verselbständigen sich stattdessen in unterschiedlichste Verbindungsgeflechte. Folglich mutieren die dual angelegten Erkenntnismuster, die das Verstehen von Welt erst ermöglichen, zu weitaus komplexeren Systemen. Die Arbeiten von „Portals of the Labyrinth“ sind fragile und offene Zwischengebilde, die sich auf dem schmalen Grad zwischen Abstraktion und Assoziation bewegen. Wie offen und subtil die Papierarbeiten angelegt sind, zeigt sich nicht zuletzt in den Randbereichen, die bewusst ausfransen oder sich ins Dreidimensionale auszuweiten scheinen.

Fr den Betrachter assoziieren die fragilen Netzwerke nicht zufällig Straßenkarten, computergenerierte Hirnströme und labyrinthische Archetypen, die mal mäandernd, spiralförmig oder verflechtend auftreten oder sich atomisieren. In einem Sehprozess, der im Vokabular der Wahrnehmungspsychologie als „kognitives Mapping“ bezeichnet wird, leisten die Strukturen in der Rezeption zwar wertvolle Orientierungshilfe bei der Bilderkennung. Jedoch sind in den Wandarbeiten von Rolf A. Kluenter auch zahlreiche Fallstricke eingebaut, wie die Bildtitel „trap door“, „phantom exit“ oder „Frühwarnsystem“ schon vermuten lassen. Selbst wenn sich – wie im Falle von „Melancholia meets Sophia“ – Trübsinn mit Weisheit verbindet, hat es Erkenntnis schwer. Die Glühbirnen bleiben ausgeschaltet.

In vielerlei Hinsicht spiegeln die Arbeiten von Rolf A. Kluenter also einen aufreibenden Akt visuellen Weltverstehens, der einer introspektiven Erkundung gleichkommt. Sie belegen, dass ein Eintritt ins Labyrinth nicht folgenlos bleibt. Der ungarische Theologe Marcell Mrtonffy bemerkte einmal, dass heutzutage nicht die Kunst die Theologie, sondern die Theologie die Kunst brauche. Wer sich die Arbeiten von „Portals of the Labyrinth“ anschaut, wird ihm unweigerlich Recht geben.

Christoph Schaden, 2005

 

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