Robert Voit. New Trees

Das seltsame Arboretum des Robert Voit

Ein Epilegomenon

„Der Einfluss der physischen Welt auf die moralische,
das geheimnisvolle Ineinanderwirken des Sinnlichen
und Außersinnlichen gibt dem Naturstudium,
wenn man es zu höheren Gesichtspunkten erhebt,
einen eigenen, noch zu wenig erkannten Reiz.“

 

Mit einer solchen Empfehlung, die bei der ersten Lektüre durchaus ein wenig sonderbar klingen mag, richtete sich Alexander von Humboldt in seiner epochalen Abhandlung Ansichten der Natur, die im Jahre 1849 bereits in der dritten Auflage erschienen war, an eine geneigte Leserschaft. Sein fast missionarisch anmutendes Anliegen trug hierbei der Erkenntnis Rechnung, dass die wechselseitigen Einflusssphären des Geistigen und des Materiellen erst durch ein ausgedehntes Studium der Natur zu erreichen seien. Doch wie konnte man methodisch solch eine angestrebte Durchdringung erlangen? Der große Universalgelehrte schlug gleich zwei Strategien vor. Zum einen müsse man die Gewächse im Zuge einer botanischen Systematik in ihre vielfältigsten Formen und Gestalten ausdifferenzieren. Zum anderen sei es dann angesichts „der wunderbaren Menge“ der zu unterscheidenden Vegetationsformen notwendig, „gewisse Hauptformen“ auszumachen, „auf welche sich viele andere zurückführen lassen. Zur Bestimmung dieser Typen, von deren individueller Schönheit, Verteilung und Gruppierung die Physiognomie der Vegetation eines Landes abhängt, muss man … nur auf das Rücksicht nehmen, was durch Masse den Totaleindruck einer Gegend individualisiert.“ Humboldts bis dato beispielloser Lösungsansatz  bestand aus einer systematischen Sichtung, die in einem ersten Schritt also ein jedes noch so nichtige Detail erfassen wollte, um auf dieser Basis ein Konzentrat archetypischer Naturformen zu bilden.

Nicht ohne Grund findet sich der genialische Gedankengang im fünften Kapitel des Buches, das den Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse gewidmet war. Hierin listete Humboldt nicht weniger als sechzehn Pflanzen- und Baumformen auf, denen er auf seinen Reisen um die Welt begegnet war. Seine kategorisch erfassten „Naturphysiognomien“ reichen von Palmen über Musazeen, Mimosen und Kakteen bis hin zu Nadelhölzern und Orchideen, Lianen und Gräsern. Auch heute noch mag man in der methodischen Vorgehensweise des großen Naturforschers das vielleicht probateste Leitmittel des Welterkennens ausmachen. Denn es weist weit über die Botanik hinaus. Von naturwissenschaftlicher, aber seit einigen Jahrzehnten auch von künstlerischer Seite möchte man diesem Verfahren allzu gerne eine fast zeitlose Gültigkeit attestieren. Es mag umso mehr angemessen sein, wenn von einer Liebe zu den Bäumen die Rede ist. Zumal man ja in diesem Falle stets vor der Aufgabe steht, sich einer romantischen Gefühlsduselei, einem engstirnigen Nationalismus und einer abstrusen Esoterik zu erwehren. Eine nüchtern sachliche Bestandsaufnahme allerdings, die, gekoppelt an einen enzyklopädischen Anspruch, die jeweiligen Baumobjekte zu sondieren, selektieren und in wenige Typen zu klassifizieren vermag, entgeht sui generis jedweder Gefahr einer subjektiven Verzeichnung. Das gilt insbesondere auch für das photographische Verfahren, dessen bildhafte Wiedergabe gemeinhin von einer starken Objektivität und einer bedingungslosen Konzentration auf den jeweiligen Gegenstand der Betrachtung getragen wird. Unmissverständlich lautet hierbei die strenge Vorgabe an den Photographen: „Diese ‚ideale‘ Sicht auf den Gegenstand, die dem Blick kein Abschweifen in stimmungsvolle ‚Nebensächlichkeiten‘ ermöglicht, die sachlich registrierend, allein auf das Objekt gerichtet ist, bildet die Voraussetzung für eine Vergleichbarkeit und damit auch für die Lesbarkeit der Objekte.“ Prägnanterweise bleibt bis heute ein bestimmter Zweig der künstlerisch-dokumentarischen Photographie der Humboldtschen Vorgehensweise verpflichtet, um – vom Impuls einer visuellen Weltaneignung geleitet – endlich eine Ordnung auf der Basis von systematischen Sichtungen und Typologien vorzunehmen. Es handelt sich hierbei um eine Entlehnung, die ausdrücklich vom Geiste einer „Verdichtung des Sichtbaren“ getrieben wird. Von diesem Geist zeugt auch das seltsame Arboretum des Robert Voit.

New Forest

Um das vorliegende Arboretum in seiner Eigenwilligkeit zu verstehen, muss zunächst einmal betont werden, dass bei dem tradierten Humboldtschen Verfahren zwei Wirkungsweisen des Realen außen vor geblieben sind, die bei zeitgemäßen Versuchen einer Welterkundung allenthalben eine Rolle spielen. Die Rede ist zum einen vom Pathos der Wirklichkeit und zum anderen von der Fallhöhe des Absurden. Man kommt nicht umhin, beide Wahrnehmungsweisen bei der Betrachtung der exotisch bizarren Vegetationsformen in diesem Druckwerk zu berücksichtigen. Wie begründet ein Gegenwartsarboretum auf eben diese Einflussgrößen zurückzuführen ist, belegt mit Nachdruck die Entstehungsgeschichte dieses Buches, die legitimer Weise erzählt werden soll. Es war im Dezember des Jahres 2002, als Robert Voit durch Zufall auf eine elektronische Werbeseite der britischen Firma Francis & Lewis stieß, die mit dem Versprechen aufwartete, „elegante Lösungen bei Standortproblemen“ bereitzuhalten. Bei näherer Betrachtung bemerkte er eine photographische Farbaufnahme, auf der eine sommerliche Wiese abgebildet war, die im Hintergrund von mehreren Laubbäumen eine Begrenzung erfuhr. Freilich wurde diese elysische Szenerie, die mit der harmlosen Bezeichnung „New Forest“ untertitelt war, durch eine kommentierende Textpassage flankiert, die höchst irritierte. „Der ‚FLI Cypress Tree’ ist eine einzigartige Entwicklung,“ hieß es dort, „die die visuellen Auswirkungen von Mobilfunkmasten auf Ihre Umgebung weitestgehend minimiert. Bemerkenswert ist, dass trotz des dichten Blattwerkimitates, unter dem die Mobilfunkantennen sowie Parabolspiegel verborgen sind, eine sichere und störungsfreie Funktion gewährleistet ist. Sogar der ‚Baumstamm’ hat eine naturgetreu nachgebildete Rinde.“ Nun hatte Robert Voit, der zu der Zeit an der Kunstakademie in Düsseldorf studierte, von jener sonderlichen Zypressenart noch nie gehört, und mit einem Male war sein Interesse geweckt. Bei der weiteren Lektüre erfuhr er dann, dass sich jener befremdliche „FLI Cypress Tree“ tatsächlich bestmöglich an die bestehende Heckenlandschaft anpassen könne. Daher sei es „unwahrscheinlich, dass er einem zufälligen Betrachter oder Passanten auffällt oder ihn befremdet.“ Das Auge gab dieser These unumwunden Recht. Denn im Dickicht des Bildhintergrunds war zwar eine Zypresse zu sehen, doch nichts wies darauf hin, dass es sich um ein verkleidetes Vehikel handelte, das mit drapiertem Blattwerk zur Strahlensendung für Mobiltelefone eingesetzt werden wollte. Die Frage lag für Robert Voit auf der Hand: Konnte es tatsächlich sein, dass er durch Zufall ein neues baumgleiches Nutzgewächs entdeckt hatte, das durch eine perfekte Mimikry den meisten seiner Zeitgenossen bisher verborgen geblieben war? Wie viele solcher künstlicher Baumarten mochte es wohl weltweit geben? Wo waren sie zu finden, woran zu erkennen? Die konkrete Suche, die Robert Voit in der Nachfolge Alexander von Humboldts durch heimische wie exotische Länder und Kontinente rund um den Erdkreis führte, gestaltete sich als äußerst aufwendig und mühsam, nicht zuletzt, weil sich die weltweit agierenden Firmen, die mit der Herstellung der pflanzenähnlichen Camouflageobjekte betraut waren, zunächst wenig kooperativ zeigten. Mitunter bekam die Recherche gar investigativen Charakter, wenn Robert Voit etwa Kenntnis über die genaue Aufstellung der künstlichen Bäume von Menschen vor Ort erhielt, die durch Zufall mit einem der höchst merkwürdigen Exemplare konfrontiert worden waren. Man sei ihnen auf dem Weg zur Arbeit begegnet, hieß es etwa, daher solle er sich an diesen oder jenen Fleck begeben, und dabei müsse er dann genau Obacht geben, da jener baumartige Solitär rasch zu übersehen sei. Die Tarnung, so die Vorwarnung, sei einfach perfekt.

New Tree

Die vorliegende Gehölzsammlung vereint insgesamt 65 Exemplare der neuen Baumgewächse, die Robert Voit bevorzugt in Europa, aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika und in anderen Erdteilen ausfindig machen konnte. Ein erster Überblick mag gestattet sein: Unter den europäischen Ländern sind insbesondere Deutschland, England, Italien, Österreich und Portugal aufzuführen, die US-amerikanischen Exemplare sind bevorzugt an die Westküste in Kalifornien, Arizona und den angrenzenden Wüstenstaat Nevada zu verorten. Daneben sind dem Band Abbildungen von eher exotisch anmutenden Baumtypen aus Südafrika und Korea beigelegt. Unter botanischen Gesichtspunkten mag gleichwohl manches vertraut erscheinen. Neben den stark verbreiteten Nadelbäumen sind für den mitteleuropäischen Raum insbesondere Pinien, Erlen und Zypressen zu nennen. Von eher bizarrem Erscheinungsbild sind hingegen die englischen Gewächse, die den verheerenden Auswirkungen des sauren Regens ihr Äußeres zu verdanken scheinen. Eine Sonderstellung nehmen hierbei zweifellos zwei Baumexemplare des „Shalford Brain Tree“ ein, die am 51. nördlichen Breitengrad in England angetroffen wurden. Auch eine völlig blattlose Spezies, wie etwa die Baumruine in Hundon Haverhill, konnte verzeichnet werden.

In Abhebung hierzu weisen die südeuropäischen Regionen bereits bemerkenswerte Parallelen zur nordamerikanischen Flora auf. Neben Zypressen, Pinien und Birken sind vereinzelt Palmengewächse zu finden. Den wüstengleichen Bedingungen gerecht haben für den westamerikanischen Raum indessen schon Palmen- und Kakteengewächse die Oberhand gewonnen, doch mag es überraschen, wie reich die Artenvielfalt auf diesem Kontinent auszufallen vermag. Ähnliches lässt sich auch für den südafrikanischen Naturraum konstatieren. Von einer weitgehend monokulturellen Ausprägung zeugen dagegen die Baumsolitäre in Korea, die in ihrer mastengleichen Gestalt den Camouflagegedanken des neuen Baumes nur unzureichend einlösen. Hier eröffnet sich nicht nur für den Zweig der Botanik ein akutes Forschungsdesiderat.

Archiv, Katalog, Atlas

In der Zusammenschau, die dieses Arboretum erstmals für die Gattung der neuen Bäume ermöglicht, offenbart sich im Sinne Alexander von Humboldts ein wahrer Erkenntnisreigen. Eine erste vergleichende Sichtung belegt beispielsweise, dass es sich bei den neuen Bäumen ausnahmslos um hoch gewachsene Gebilde handelt, die ihrer Funktion entsprechend eine Höhe von bis zu 30 Metern aufweisen können. Nicht nur eine gewisse Monumentalität zeichnet sie aus, sondern auch eine geradezu idealtypische Form, die meist einem der Geometrie folgenden Schöpfungsgedanken verpflichtet ist. Ein Pathos, der mit dem Sublimen spielt, ist diesen neuen Bäumen zweifellos eigen, nicht zuletzt, weil sie in ihrer Wesenheit im Nietzscheanischen Sinne unweigerlich den Charakter eines „Überbaumes“ aufweisen. Seht her!, rufen sie stolz und unnahbar. Wir wollen wahrgenommen werden, aber eben nur als Baum!

Mag sich in jenem Widerspruch zwischen perfekter Mimikry und tönendem Pathos etwas Zukünftiges andeuten? Von Bedeutung ist vielleicht auch die Platzierung der eigentümlichen Gewächse. In den Bildern des Robert Voit begegnen uns die neuen Bäume auf Friedhöfen, inmitten von Laubwäldern und mitunter sogar auf Golfplätzen, aber bevorzugt vor allem an Ausfallstraßen und Verkehrskreuzungen. Den primären Kommunikationsbewegungen der Jetztzeit verpflichtet, scheint ihr genuiner Auftrag darin zu liegen, in einem ganz wörtlichen Sinne auf die jeweilige Umgebung auszustrahlen. Sicher wird sich nach der Lektüre dieses Bandes der Eindruck erhärten, dass aus der außersinnlichen Funktion – zumindest in der Anschauung – letztlich auch ein Moment des Absurden resultiert. Morphologisch scheint nämlich die Frage höchst virulent, auf welcher Höhe etwa die Baumkrone anzubringen ist und wie man mit dem massiven Stamm verfährt. Die Passung des Habitus als Solitär scheint nicht selten fehlgeschlagen. So werden viele Leser des vorliegenden Arboretums geneigt sein, den meisten der baumartigen Schöpfungsresultate eine gewisse Absurdität zu attestieren.

Ein vergleichendes Sehen ist also angebracht. So muss denn auch das Buch als das einzig angemessene Medium erscheinen, um die Gattung der neuen Bäume in Augenschein zu nehmen. „Historisch ist die Verbindung zwischen Photographie und Buch dort am engsten“, bemerkte einmal David Campany, „wo es um die so genannte … direkte Photographie geht; scharf frontal und gradlinig: Hier steht das Sujet so im Vordergrund, dass die Photographie nicht nur ein Bild zu sein, sondern den Gegenstand oder die Person buchstäblich auszuschneiden scheint. Ein Buch mit solchen Bildern wird dann ebenso zu einer Ansammlung von Dingen wie zu einer Sammlung von Bildern. Es fungiert als Archiv, Katalog oder Atlas.“ Das seltsame Arboretum des Robert Voit wird diesen drei Vorgaben aufs Trefflichste gerecht, indem es auf die tradierte Publikationsform der Arboreten zurückgreift. Erinnert sei an dieser Stelle daran, dass bereits im Jahre 1838 der britische Gelehrte John Claudius Loudon ein Arboretum et Fruticetum Britannicum in Buchform veröffentlichte. Programmatisch formulierte der berühmte Botaniker hierin nicht nur die Forderungen an das Wissenschaftsgenre, sondern drängte auch auf eine offene Umgangsweise, um neue und ungewöhnliche Arboreten endlich in Augenschein zu nehmen: „We shall say nothing, therefore, of the influence which it cannot fail to have in promoting a taste for the culture and spread of such foreign trees as we have already in the country; and in exciting a desire for introducing others from different parts of the world, and for originating new varieties by the different means employed by art for that purpose.” Gleiches lässt sich wohl auch für das vorliegende Buchwerk sagen. So mag man in dem vorliegenden Arboretum dem Einfluss der physischen Welt auf die moralische und dem geheimnisvollen Ineinanderwirken des Sinnlichen und Außersinnlichen mit Delikatesse nachspüren. Und im Sinne Alexander von Humboldts bleibt zu wünschen, dass der Reiz dieses außergewöhnlichen Naturstudiums, das tatsächlich hier einmal zu höheren Gesichtspunkten erhoben worden ist, reiche Entfaltung finden wird.

Christoph Schaden, 2010

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