Peter Hinschläger. Le Rayon Vert

Le Rayon Vert

Achtet darauf, dass es kein roter Strahl ist, den ihr sehen werdet, sondern ein grüner Strahl, wunderschön grün, von einem Grün, das kein Maler auf seine Palette bekommen kann, ein Grün, das die Natur nirgendwo sonst mehr hervorgebracht hat, weder in der Farbenvielfalt der Pflanzen noch in der Farbe der klarsten Meere! Gibt es ein Grün im Paradies, dann kann es kein anderes als dieses Grün sein,  das wahre Grün der Hoffnung.

Jules Verne, Le Rayon Vert, 1882

 

Ein grünes Licht, sichtbar nur einen Augenaufschlag lang, den Bruchteil einer Sekunde. Beobachtet in einem jener Momente, in denen die Sonne auf dem offenen Meer am Horizont aufgeht oder verschwindet und so den Tag oder die Nacht einleitet. Kurz vor dem Wechsel entsteht, einer Verheißung gleich, die surreal aufflackernde Lichterscheinung, die daherkommt wie ein grün schimmernder Diamant: Le Rayon Vert. Es handelt sich um ein äußerst seltenes Naturphänomen, das bislang nur von wenigen Menschen beobachtet wurde und wohl auch deshalb Poeten, Malern und Filmemachern als Metapher einer Offenbarung dienen konnte. Nach dem Naturphänomen benannte etwa der große Utopist Jules Verne einen seiner Romane. Es ist eine Liebesgeschichte, in der die Heldin Helena verkündet, sie werde nicht heiraten, ehe sie nicht das grüne Licht gesehen habe. Einer alten Legende zufolge kann sich derjenige, der das Rayon Vert erblickte, in Liebesdingen nicht irren.

Das Eigentümliche dieser romantischen Vorstellung, die als Kulisse ein wolkenloses Meer erfordert, ist bis heute nachvollziehbar. Denn wie kaum ein anderes Phänomen aus dem Bereich der atmosphärischen Optik ist das Rayon Vert geeignet, die Gegenwart als mythische Verdichtung des Lebens zu feiern. Zumal ihm auch die physikalische Erklärung, der zufolge die Lichtstrahlen der Sonne in der Atmosphäre gebrochen und in ihre Spektralfarben zerlegt werden, nichts von seiner Faszination nehmen konnte. Das Rayon Vert wurde denn auch zunächst als ein rein physiologisches Phänomen aufgefasst, bevor es gelang, den entscheidenden Moment fotografisch zu dokumentieren. Im Rückblick scheint es bemerkenswert, dass die Fotografie hierbei nicht nur als Beweismittel und Instrument der Vergewisserung diente, sondern das fotografische Bild zugleich das melancholische Diktum des entscheidenden Augenblicks propagierte, der entweder mit der Kamera erfasst werden konnte oder für immer zerronnen war. Sein Meister, der französische Bildjournalist und Künstler Henri Cartier-Bresson, bemerkte zur Jagd nach dem verdichteten Moment einmal voller Schwermut: „Für uns ist alles, was verschwunden ist, ein für allemal verschwunden … Wir können unsere Reportage nicht noch einmal machen, wenn wir in unser Hotelzimmer zurückgekehrt sind.“

Man mag Peter Hinschläger ein ausgeprägtes Bewusstsein für das Fotografische attestieren, da der in Aachen lebende Fotograf sein Rayon Vert buchstäblich in einem Hotelbau aufgespürt hat. Im Juli 2004 reiste er nach Spanien und wurde in dem französischen Grenzort Cerbère, der im Osten der Pyrenäen unmittelbar zum Mittelmeer hin gelegen ist, auf ein abgewirtschaftetes Gebäude aufmerksam. Unter dem Namen »Hôtel Belvédère du Rayon-Vert« verwies der voluminöse Bau im Art Deco-Stil, der von 1928 bis 1932 nach den Plänen von Léon Baille in der Grundform eines mondänen Ozeandampfers errichtet worden war, auf große und schicksalsreiche Momente in seiner Vergangenheit. Das hehre Versprechen, das bereits im Namen des Hotels zum Ausdruck kam, war der Anlass, der spannungsreichen Atmosphäre vor Ort mit der Kamera nachzuspüren. Von dem bedeutenden Architekturphotographen Karl Hugo Schmölz in der ästhetisch präzisen Erfassung von Bauwerken geschult, erkundete Peter Hinschläger das Belvédère, um jene Räume und Relikte sorgsam ins Visier zu nehmen, die vom Warten, vom Wünschen und vom Scheitern erzählen. Der entscheidende Augenblick, so ihr Credo, wurde vor langem verpasst.

Ein Schnurtelefon überdauert an der weißen Wand, der Aschenbecher auf der Tischplatte ist unbenutzt, ein Stuhl daneben noch frei. Drei Glühbirnen eines Kristallleuchters erhellen Decke und Wand eines Hotelzimmers, dessen Tapete mit einem bizarren Illustrationsgewebe überzogen ist. Die Reproduktion einer Malerei, die über einen Heizkörper gehängt worden ist, zeigt das Bild einer Frau nach der Morgentoilette. Schamhaft verkrampft hält sie ihre rechte Brust bedeckt. Ihr Blick zurück greift ins Leere. Kein Zweifel, das Rayon Vert hat diese Schöne nicht erblicken können, sie hat sich in Liebesdingen verirrt.

Die poetischen Schwarzweißbilder von Gästezimmern in Italien und Frankreich, die dieser Band versammelt, sind denn auch Zeugnisse einer fotografischen Haltung, die sich bewusst ist, um Jahre zu spät zu kommen und gleichwohl das Schicksalhafte noch bannen zu können. Das „Belvédère du Rayon-Vert“ des Peter Hinschläger ist eine Durchgangsstation des Lebens, in der Erinnerungen jedwede Verheißung verdrängt haben. Ihr schmerzhaftes Geheimnis bleibt gleichsam bewahrt.

Am Ende von Jules Vernes Roman hat Helena das ersehnte grüne Licht nicht erblicken können. Stattdessen hat Oliver, die Liebe, die sie dennoch gefunden hat, ein Ölbild anfertigen lassen. Es ist eine Wiedergabe jenes wundersamen Naturereignisses, das unter den Anwesenden heftige Kontroversen auslöst. Besser sei es, sagt schließlich Helenas Bruder, das Rayon Vert im Bild als in der Natur zu betrachten. Denn schließlich, fährt er fort, schmerzten die Augen, wenn man vergeblich so viele Sonnenuntergänge in Folge beobachtet habe.

Christoph Schaden, 2007

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