Marks Of Honour

'Don't talk bullshit what are you doing'

Anmerkungen zu dem außergewöhnlichen Referenzprojekt »Marks of Honour«


Es soll Sätze geben, die einen ernstlich in die Bedroullie bringen können. Für Harvey Benge war ein solcher Moment gekommen, als er an einem Novemberabend im Jahre 2001 in Paris auf einer Party eingeladen war. Auf dem Sofa eines Freundes fand sich der neuseeländische Fotograf plötzlich vis-a-vis William Eggleston gegenüber, dem Altmeister der New-Color. “Bill remembered me... and asked me what I was doing. I told him 'photographing urban social landscape.' He retorted 'Don't talk bullshit what are you doing'. 'Making strange pictures in cities', I gulped trying to recover the situation. I hope he understood...“

Zweifellos ist ein so cooles Statement aufs Beste geeignet, mit Blick in den Spiegel fortan eine ehrliche und handfeste Reflektion darüber einzufordern, woran das eigene fotokünstlerische Tun eigentlich gemessen werden soll. Alle trügerisch intellektuellen Rechtfertigungsversuche nützen dann nichts mehr, stattdessen drängen sich mit Nachdruck gleich zwei unangenehme Fragen auf: Wonach richtet man seine Arbeit aus? Wer ist tatsächlich der „Guide“? Im Falle von William Eggleston brauchte Harvey Benge nicht lange zu suchen. Tatsächlich blieb dieser „remarkable man and remarkable photographer“ für ihn eine Leitfigur, die ihm bis heute eine Rückvergewisserung in den verschiedenen Schaffensphasen geben konnte. Neben den persönlichen Begegnungen sind es hierbei vor allem die Fotobände gewesen, die auf wunderbare Weise stets im heimischen Buchregal abgreifbar sind und gleichermaßen als Quelle, Inspiration und Korrektiv dienen können. Für das Projekt »Marks of Honour« wählte Benge denn auch den „William Eggleston’s Guide“ aus dem Jahre 1976 als Bezugspunkt aus, um nicht ohne Augenzwinkern auf dem Cover genau jenes Dreirad zu rezitieren, das die internationale Fotogemeinde in den 1970er Jahren so nachhaltig zu erschüttern vermochte. Benges schmales Buchwerk, das auf 16 Seiten einen Besuch in Egglestons Südstaatendomizil in Memphis nachzeichnet, kann idealtypisch für das Projekt »Marks of Honour« stehen. Nicht nur das Diktum des demokratischen Sehens, sondern auch die Buchgröße und Gestalt sind liebevoll dem Vorbild entlehnt. Hier erweist ein Meister seinem Meister die Ehre.

Im Mittelpunkt des Projekts Marks of Honour, für das die beiden Kuratorinnen Verena Loewenhaupt und Nina Poppe verantwortlich zeichnen, steht eine Frage, die erstmals aus einem betont biografischen Fokus gestellt wird: In welchem Maße sind für das eigene Werk bestimmte Bücher prägend und beeinflussend gewesen? Eine Beantwortung dieser Frage kann  bekanntlich auch in der Fotografie ein schwieriges Geschäft sein, zumal, wenn die verschiedenen Einflussgrößen mit Blick auf das eigene Schaffen rückwirkend verankert werden sollen. Bei Fotobüchern kommt zwar erschwerend hinzu, dass die Prägung nur mittelbar und von langer Dauer ist. Aber zugleich dürfte auch klar sein, dass solche Einflussgrößen in der Rückschau noch bestens abgerufen werden können. Ein Blick ins heimische Bücherregal mag da genügen. Das rezeptionshistorische Konzept, dem »Marks of Honour« zugrunde liegt, ist folglich so einfach wie komplex. Dreizehn international namhafte Fotografinnen und Fhotografen folgten der Einladung, ein bestimmtes Fotobuch auszuwählen, das in Hinsicht auf die Ausformung und Entwicklung des eigenen Oeuvres von entscheidender Bedeutung gewesen ist. In gebührender Hochachtung galt hierbei die Vorgabe, auf diese „Marks of Honour“ mit dem selbst entwickelten fotokünstlerischen Vokabular Bezug zu nehmen.

In der Summe ist das Ergebnis dieser Anfrage, das im FOAM zum ersten Mal im Rahmen einer Ausstellung präsentiert wird, eine facettenreiche Hommage, die für Laien wie für Profis einen überraschenden Zugang zur Fotografie ermöglicht. Denn das Spiel der Ehrerweisungen, Rückblicke und fotokünstlerischen Auseinandersetzungen ist so vielfältig wie nachdrücklich. Etwa, wenn das britische MAGNUM-Mitglied Mark Power auf Stephen Shores epochales Werk Uncommon Places von 1982 verweist, ein Meisterwerk der New Topographics- und New Color-Bewegung. Eingelegt in eine Box mit edlem samtenen Inlay, wird das Fotobuch flankiert von gleich vier großformatigen C-Prints, die nicht nur in ihrer Farbigkeit und Komposition offenkundig Bezüge setzen. Ein Motiv zeigt beispielsweise ein strauchartiges Gewächs, das unwillkürlich an jenen Apfelbaum erinnert, den Shore 1974 im kalifornischen Forestville aufgenommen hat. Es fällt schwer, das Zitat nicht emblematisch zu deuten. Alles hat einmal begonnen, scheint es zu sagen, auch bei dir wird alles einmal Früchte tragen. Von vergleichbarer Ausrichtung ist der Rückgriff des österreichischen Fotografen Peter Granser, der mit Robert Franks The Americans (1959) gleich die bibliophile Jahrhundertikone der Fotografie auswählte. So gewaltig das Fotobuch die nachfolgenden Generationen zu prägen vermochte, so bescheiden reiht sich Granser, der sich in seinem fotokünstlerischen Werk ebenfalls auf Spurensuche in die USA begeben hat, in die Nachfolge ein. Jens Liebchen, der in Berlin lebt, berichtet im Verweis auf Anthony Hernandez Sons of Adam (1997) hingegen von einer merkwürdigen Begegnung, die ihm in der usbeskischen Metropole Taschkent widerfahren ist. “On a walk I came across a man and was privileged enough to be a brief witness to this performance. It seized me straight away. I took 3 shots and moved on….  What was motivating that man and what about the man behind him? What made them go there? Are there signs of political or social change here? And if so, is the connotation positive or negative - and for whom? Photography, the eternal witness, leaves me none wiser, but fortunately we are here to ask questions”. Liebchens Statement zeigt aufs Trefflichste, wie die Auseinandersetzung mit einer Buchvorlage zu einem vertieften Skeptizismus gegenüber dem Wahrheitsgehalt des eigenen Bildermachens führen kann. Der Untertitel des Referenzwerkes heißt denn auch Landscape for Homelessness II.

Dass eine Konfrontation mit dem bibliographischen Vorbild durchaus eine sehr schmerzhafte Angelegenheit sein kann, belegt eine ungemein aufwendige Arbeit von Michael Light. Für ihn – wie den meisten der US-amerikanischen Landsgenossen seiner Generation – stand zu Beginn seiner Laufbahn die Inkunabel Yosemite and the Range of Light aus dem Jahre 1979 regelrecht im Wege. An dem querformatigen Folianten von Ansel Adams galt es sich auf fast physische Weise abzuarbeiten, wenn man auf dem Feld der Landschaftsfotografie es zu etwas bringen wollte.  In der Rückschau führte diese über Jahrzehnte propagierte Art von Hassliebe zu einer gewaltigen Destruktion. Hierbei rückten Michael Light einmal mehr zwei Fragen ins Visier: Was muss nach all den Jahren weg? Und was darf überdauern? Um zu Lösungen zu gelangen, brach Light bewusst ein Tabu, nahm eine Schere zur Hand und schnitt sorgsam einzelne Kompartimente aus den einzelnen fotografischen Aufnahmen des Buches heraus. Zweifellos ist dies ein martialischer Akt, der die Vorlagen zum Teil gewaltsam zerstört, andererseits deckt er aber auch neue Sichtweisen auf und ermöglicht somit eine erfrischend neue Sichtweise auf die ästhetischen Vorlagen des Altmeisters. Von einem Moment der Entblößung zeugt indes die Arbeit des Schweizer Fotografen Jules Spinatsch, der sich mit dem Block 2008 auf ein zeitgemäßes Druckwerk bezogen hat. Das Objet trouvé des Kalendariums wurde künstlerspezifisch in acht Booklets seziert und mit einem Titel versehen, der programmatischer kaum ausfallen konnte: „Deblocked“.

Einer Liebeserklärung gleich kommt die Hommage des Australiers Mathew Sleeth an einen skandinavischen Fotografenkollegen. „I have long admired Lars Tunbjork’s work, especially his ‘office’ book. His use of colour and sensitivity to lighting creates such a beautiful and unsettling visual language. Tunbjork clearly has a genuine affection for the subjects of his photographs, yet they always seem a little lost and uncertain in their surroundings. The two projects I have chosen to accompany ‘Office’ share this sense of displacement. I always think of the real subject of the 25 Fire Extinguishers and 34 Houseplants projects as being our relationship with nature. The Houseplants represent our desire to reconnect with a natural world that is no longer part of our daily lives and the Fire Extinguishers express our need (for the illusion) of control over nature.”

Von eher national geprägten Einflusssphären erzählen die Buchobjekte von Onaka Koji und Tiina Itkonen. Der Japaner, der zu den profiliertesten Fotografen auf dem zeitgenössischen Buchmarkt zählt, wählte in Einklang zur Tradition seines Landes mit Tales of Thono (1976) ein Werk des großen Daido Moriyama aus. Das vorbildhafte Buchwerk, das angereichert worden ist durch einen Kontaktbogen und fünf Fotografien, die zu Beginn von Kojis Studienzeit in Thono entstanden sind, ist in eine Holzschachtel mit japanischem Schriftzug sorgsam eingelegt. Das (Material-)Holz, das ebenfalls aus der Region von Thono stammt, versinnbildlicht feinsinnig die Einheit des Objekts. Die Finnin Tiina Itkonen sieht sich bei ihrer fotografischen Suche nach einem „ultimativen Thule“ in den Arbeiten  ihres Landsmanns Pentti Sammallahti zurück verortet, dessen elegische Schwarzweißbilder aus der russischen Grenzregion Karelian 1995 in dem Bildband Musta Taide veröffentlicht wurden. Ihr Augenmerk belegt, dass auch ein diffuser Sehnsuchtort im Norden durchaus auf Vorbilder rekurrieren kann.

Von einem skurrilen Buchlayout ließ sich wiederum Chris Coekin inspirieren. Bei den Vorbereitungen zu seinem Fotoband The Hitcher, für das sich der Brite als Akteur, Fotograf und Tramper durch das Vereinigte Königreich logieren ließ, stieß er auf den Band Hay on the Highway (1997) der beiden finnischen Fotografen Henrik Duncker und Yrjö Tuunanen. Die betonte Eigenwilligkeit des Titels in Kombination mit einer offensiven Gestaltungsweise hat ihn dazu ermuntert, das animierende Buchobjekt in einen Jutesack zu stecken und mit Heu anzufüllen. Betont nüchtern fällt hingegen die Wahl des Niederländers Raimond Wouda aus, der den 2004 veröffentlichten Band Meetings des US-Amerikaners Paul Shambroom ausgesucht hat. Wouda ist fasziniert, „waarin op een zeer droge wijze, sociologisch verslag wordt gedaan van een zeer belangrijk fenomeen namelijk democratie. Er wordt echter niet gekozen voor de democratie als een groot meeslepend krachtveld maar de democratie wordt beschouwd vanuit de beleving van de kleinere gemeenten en dit op een zeer uitvoerige manier. Het geeft een inzicht van iets dat belangrijk is en toch verborgen. Hij geeft de democratie en de identiteit van Amerika hierdoor een ander gezicht. Het is ontroerend om te zien hoe de dagelijkse praktijk van de democratie in zijn context getoond wordt.“ Von der romanartigen Erzählstruktur eines Fotobuchs ließ sich Alec Soth beeindrucken. „She doesn’t just make portraits“, konstatiert der renommierte MAGNUM-Fotograf mit Blick auf den Fotoband Treadwell (1996) seiner Landsfrau Andrea Modica, “or landscapes, or still-lives; she weaves these elements together to create a singular universe…”

Das markanteste Statement zu den »Marks of Honour« reichte der Südafrikaner Pieter Hugo ein. Als einziger benannte er mit Roland Barthes berühmter Studie Camera Lucida ein Theorem der Fotoliteratur, um auf das darin angesprochene Verhältnis von Fotografie und Tod aufmerksam zu machen. Seine Porträtaufnahmen “of men who have died of a preventable illness, at a time when AIDS denialists were running South Africa's health care system” lassen sich keineswegs nur als kritischen Kommentar lesen. Buch und fotografisches Abbild sind in seiner Arbeit buchstäblich überführt in einen Kindersarg und damit in eine symbolische Form, die zutiefst irritiert. So liegt eine Quintessenz des Referenzprojekts »Marks of Honour« sicher in der Erkenntnis, dass im Medium Fotobuch nicht nur eine künstlerische Profession, sondern immer auch die eigene Biographie verhandelt wird. “Everyone will tell you a different story”, bemerkte hierzu einmal der renommierte Fotograf und Fotobuchsammler John Gossage. “It’s all just a memory now, a history book.”

Christoph Schaden, 2009

Text erschienen in:

Marks of Honour

Don’t talk Bullshit. What are You doing?

Reflections on the unique homage Project „Marks of Honour“

Amsterdam 2009, o.S.

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