The La Brea Matrix

MAKE SOMETHING OR BE FORGOTTEN!

Zu den Bildspuren des Projekts The La Brea Matrix

I was going through a period of seeing how densely I could structure a picture and how far back into the picture I could look and how much I could set up all of this complex picture structure. At the same time I’m thinking, show “the very age and body of the time, his form and pressure.” Is this it?

Stephen Shore

 

Fraglos soll der Spruch uns mitten ins Mark treffen. In riesigen wirren Großbuchstaben ist er an einer Straßenkreuzung auf die Fassade eines Bankgebäudes angebracht. Wir schauen hinauf und lesen da: „MAKE SOMETHING OR BE FORGOTTEN“. Eine Handlungsanweisung in unverhohlener Big-Brother-Manier, eine Drohung zugleich, wie sie expliziter kaum formuliert sein könnte. Uns bleibt also keine Wahl. Aber was ist zu tun? Das vermeintliche Graffiti bleibt eine Antwort schuldig, umso mehr fällt der Blick auf das hinterlegte Großbild, das in Sepia-Tönen durchtränkt ist. In Sekundenbruchteilen suggeriert es, dass es diesmal um wirklich alles geht. Auf heißem Asphalt rennt hier ein Mann um sein Leben. Kein Detail lenkt ab, alles unterliegt einem Gebot der Bewegung. Da wirkt es nicht einmal ironisch, dass dieser Mann ohne Hose unterwegs ist (ja, natürlich wissen wir längst, dass es sich um eine Werbung des globalen Jeanskonzerns Levis handelt!). Ob Konsumappell oder Werbediktat, eins ist klar: auf dem Bild, das wie ein Film Still daherkommt, wird etwas weitaus Grundsätzlicheres verhandelt. Prägnanterweise bleibt das Gesicht dieses Mannes uns verwehrt, sein Blick wendet sich sogar zurück. Was sieht er, was wir nicht sehen? Was denkt er? Und was muss unternommen werden, damit die Erinnerung bewahrt bleibt?

„MAKE SOMETHING OR BE FORGOTTEN“. Im Januar 2010 nahm Max Regenberg das denkwürdige Levis-Motiv an der Straßenkreuzung Overland Avenue und Pico Boulevard in Los Angeles auf. Für den in Köln lebenden Fotografen, der seit mehr als 30 Jahren Großplakatflächen im öffentlichen Raum dokumentiert, muss es eine Delikatesse gewesen sein, den entdeckten Werbeslogan leitmotivisch auf das eigene Medium anzuwenden. Auch für seine Dokumentararbeit gilt bis heute schließlich das Diktum, im fotografischen Bild einen bedrohten Gegenstand vor dem kollektiven Vergessen zu bewahren. Als visueller Erinnerungsproduzent für ein Werbebild hat Regenberg seinen Auftrag leicht einlösen können. Zugleich bildet sein Motiv aber auch eine emblematische Steilvorlage für die Frage, was in einer fotografischen Aufnahme eigentlich verewigt werden soll: „MAKE SOMETHING OR BE FORGOTTEN...“ In seiner Farbaufnahme ist das Plakatmotiv eingebettet in eine Straßenszenerie. Wir blicken auf reichlich Asphalt, ein Auto und eine Ampel, die mal auf rot, mal auf grün geschaltet ist. Im Hintergrund auf einige Palmen und ein weiteres Plakat. Und auf eine Leere, die Connaisseuren der Fotografie bestens vertraut vorkommen mag. Der Himmel ist blau, das Licht mild. Fraglos hat auch der Fotograf seinen Blick zurückgewendet. Was sieht er, was auch wir sehen sollen? An welche Vor-Bilder hat er gedacht? Und was hat er unternommen, um sein Werk in den Kanon innerer und äußerer Vorstellungsbilder zurückzubinden?

Vielleicht haben wir als Rezipienten also doch die Wahl. Während in diversen Ad-Bloggs jüngst darüber spekuliert worden ist, inwieweit die Levis-Kampagne einer Werbeindustrie, die ihren Aktionismus stets allein aus den Bedingungen einer geschichtslosen Gegenwart generiert, lustvoll den Spiegel vorhält, mögen die Referenzwerte der Fotografie anderswo verortet sein. Beispielsweise mögen wir an Arbeiten von Ed Ruscha denken, an Aufnahmen der New Color Photography oder an all die zahllosen Film Stills, die die Schlagwörter „Los Angeles“ und „Hollywood“ unweigerlich in uns hervorrufen. Und im Spiel der Referenzen eine eigene visuelle Matrix spinnen...

SOMETHING FOR THE FIRST TIME

Regenbergs Farbaufnahme ist eines der Bildresultate der LA BREA MATRIX, einem seit 2008 entstehenden Gemeinschaftsprojekt von Lapis Press, Culver City, und Schaden.com, Köln. Seinen Referenzanker setzt das Projekt bewusst bei einer Ikone der New Color Photography. Es handelt sich um die legendäre Farbaufnahme, die Stephen Shore, der neben William Eggleston und Joel Sternfeld zu den Protagonisten der New Color-Bewegung zählt, am 21. Juni 1975 an einer Straßenkreuzung in Los Angeles gelang. Seine Farbaufnahme „Beverly Boulevard and La Brea Avenue“ hat Fotogeschichte geschrieben, nicht zuletzt auch dank europäischer Einflussnahmen. So wurde die Fotografie etwa auf Betreiben des deutschen Dokumentaristenpaars Bernd und Hilla Becher, die frühzeitig einen Abzug erwarben und ihren Studenten an der Kunstakademie Düsseldorf als visuelles Lehrmaterial bereitstellten, 1977 auf der documenta 6 in Kassel gezeigt. Sally Eauclaire druckte das Motiv in ihrer 1981 erschienen Anthologie The New Color Photography ab, um die kompositorische Präzision des Bildes zu preisen, und ein Jahr später fand das Bild dann Eingang in Shores berühmtem Fotobuch Uncommon Places. Nicht zuletzt nahm Naomi Rosenblum das La Brea-Bild in ihr Standardwerk The World History of Photograph auf. Seither ist es im Bildkanon der Fotogeschichte nicht mehr wegzudenken.

Infolge ist Shores Ikone der New Color Photography dann auch verstärkt zum Ausgangspunkt bildanalytischer Diskurse geworden. Geoff Dyer diskutierte 2005 etwa den aktuellen Symbolwert des Bildes mit Blick auf seine dokumentarische Bedeutung. „Shore actually took his picture in 1975… but at some point America went from looking like that to looking like this. Shore shows what America still looks like now.” Christy Lange wiederum sah sich 2007 veranlasst, die latente Spannung des Bildes aus einer vermeintlichen Leerstelle abzuleiten: Shore saw how a photograph ‘imposes order on the scene’ or ‘simplifies the jumble by giving it structure’. There’s so much readable information, but few conclusions to be drawn about this place.” Rückblickend kann man geneigt sein, die Faszination, die Shores Aufnahme mehr denn je auf den Betrachter ausübt, aus der Verdichtung eben jener unterschiedlichen Rezeptionsweisen zu begründen. Keineswegs bleibt dabei die Divergenz der Interpretationen auf theoretische Überlegungen beschränkt. „Intersections, that is America“, bemerkte beispielsweise Hilla Becher einmal zu dem La Brea-Bild aus einem betont subjektiven deutschen Blickwinkel. „You could almost say that outside of Manhattan life is concentrated at intersections. And he sought and found the intersections. It is a question of artistic intelligence to find them and recognize what they symbolize. For us, the first trips to America were like a dream. We absorbed the country like a sponge, like a child. The photographs of Stephen Shore are somewhat like this, they are like seeing something for the first time.“

 INSTANT CITY

Was lag näher, als das Becherzitat aufzugreifen und das La Brea-Bild auf einen transatlantischen Fokus zurückzuführen, bei dem wieder die Fotografen selbst im Mittelpunkt stehen? Das Projekt THE LA BREA MATRIX hat diesen Gedanken umgesetzt und mit Jens Liebchen, Max Regenberg, Oliver Sieber, Olaf Unverzart, Robert Voit und Janko Woltersmann gleich sechs Fotografen aus Deutschland zu einem Aufenthalt nach Los Angeles eingeladen, um fotografische Perspektiven auf das Vor-Bild zu eröffnen. Wie die jetzt vorliegenden Bildresultate beweisen, erschöpfen sich ihre Auseinandersetzungen keineswegs in einer Hommage. Vielmehr analysieren die entstandenen Serien bestimmte Parameter der Bildikone, die vor der Folie der Megametropole neue Brisanz gewinnen. Regenbergs Billboard-Arbeiten etwa, die auf eine Mc-Donalds-Werbung im La Brea-Bild rekurrieren, offenbaren mit Nachdruck eine aktuelle Krise der Konsumkultur. Nicht wenige Werbeflächen blieben unbelegt, sodass die Bilder in seinen Aufnahmen im Sinne einer tabula rasa oftmals in abstraktem Weiß erscheinen. “It is impossible to imagine a time when this will look like the past, partly because what it incarnates and enables as an instant civilization (fast-food, self-service) predicated entirely on speed of transaction and immediate gratification,” kommentierte Geoff Dyer das Phänomen Los Angeles noch mit Blick auf das La Brea-Bild von 1975. Die White Billboards lassen indes darüber spekulieren, ob die Zeiten nicht doch gerade in Änderung begriffen sind. MAKE SOMETHING OR BE FORGOTTEN…

Von einem Gegenimpuls getragen sind auch die Fotografien von Olaf Unverzart, der in seiner fotografischen Arbeit stets den flüchtigen Aspekten des Unterwegsseins nachgeht. In der Tradition eines schlendernden Flaneurs gewährt der Münchner Fotograf regelrecht Seitenblicke, die in Abhebung zur strengen zentralperspektivischen Ausrichtung des La Brea-Bildes auch bildformal einmal kippen können, um scheinbar Peripheres festhalten. Eine voyeuristisch anmutende Aufnahme beispielweise, auf der wir zwei Frauen auf der Straße hinterherschauen, gewinnt auf den zweiten Blick völlig neue Bedeutungsbezüge, weil der Asphalt als Fahrradweg gekennzeichnet ist. Gegenüber dem Image der Metropole Los Angeles, die sich in ihrem Selbstbild seit Jahrzehnten gerne als ein „Autopia“ (Reyner Banham) definiert, sind die Motive von Unverzart dann auch oftmals verstörend. An einer Straßenecke finden sich drei abgenutzte Matratzen an eine Hauswand angelehnt. Zwei Häuser, die von Termiten befallen wurden, sind jeweils mit einem rotweißen Zelt überdeckt. Mit formaler Leichtigkeit folgen Unverzarts Bilder narrativen Strängen, die mit den klassischen LA-Storys a la Chandler & Co. nichts mehr gemein haben wollen.

Die Polaroidaufnahmen von Janko Woltersmann folgen hingegen bewusst den bildhaften Stereotypien, die den Mythos von Los Angeles bis heute begründen. Wochenlang streunte der Fotograf aus Hannover um die Straßenblöcke der La Brea Avenue, um die inneren Vorstellungsbilder von Los Angeles, die in seinem Kopf durch zahllose Filme und Fotografien längst vorhanden waren, mit den Realbedingungen vor Ort abzugleichen. Die Ergebnisse sind prekär: Eine Blondinenpuppe verharrt am Straßenrand, rote Cafehausstühle üben sich in akrobatischer Anordnung, ein eingerahmter Westernheld hängt an der Wandtapete. Es scheint, als seien Woltersmanns Sujets, die in nobler Blässe erscheinen, allesamt als Stillleben abgelegt und in einem Bemühen versunken, die eigene Zeit überdauern zu wollen. „Los Angeles is instant architecture in a instant townscape,“ schrieb einmal der britische Theoretiker Reyner Banham. Heute muss man sich wohl fragen, inwieweit die Hollywoodmetropole, die sich in ihrem Selbstbild zwanghaft von jenem Instant-Faktor nährt, nicht ihre eigene Historie dekonstruiert. Die Frische, die Shores La Brea-Bild noch kennzeichnet, scheint in Woltersmanns Arbeiten jedenfalls verloren.

DO NOT BLOCK INTERSECTION

Gleich zwei Fotografen, die an der LA BREA MATRIX beteiligt waren, hat die Bildspur von Stephen Shores Fotoikone angeregt, die automobile Wesenheit zu analysieren, welche Los Angeles wie wohl keine Stadt der Welt in nahezu allen Lebensbereichen durchdringt. Robert Voit aus München hat hierbei einen topografischen Fokus auf jene Naturressource gelegt, die den eigentlichen Urgrund der urbanen Entwicklung bildet: Die Ölvorkommen der Stadt und ihre Raffinerien, soweit sie heute noch erkennbar sind. Seine sublimen Farbaufnahmen im Großformat dokumentieren nicht ohne Pathos eine Schwerindustrie, die sich noch stets monumental gebärdet wie ein Dinosaurier. Eine Nachtaufnahme zeigt etwa eine der Industrieanlagen in der Nationalbeflaggung  von Stars und Stripes gehüllt. Noch Fragen? Sein Pendant findet das Motiv in der Aufnahme einer Tankstelle, die ebenfalls nachts dokumentiert wurde. Kontrapunktisch zu Shores La Brea-Bild vermittelt Voit hier mit Kalkül den Eindruck von Stagnation und einer Leere, die mit der zu erwartenden Limitierung der Ölvorkommen wohl auch für Los Angeles zu erwarten ist.

Jens Liebchen, der in Berlin und Tokyo lebt, hat aus dem Diktum der bedingungslosen Mobilität eine andere Konsequenz gezogen und sich in Los Angeles auf den Fahrersitz eines Autos begeben. Tausende Kilometer kutschierte er durch die Stadt, um aus der privilegierten Autoperspektive die Welt draußen wahrzunehmen. Eine Limitierung mit Folgen, denn es ist die andere Seite von Los Angeles, die in seinen hyperreal erscheinenden Farbaufnahmen zum Vorschein kommt: Obdachlose, vereinzelte Passanten, Menschen, die vor gesichtlosen Fassaden auf den Bus warten. „Es ist eine gespenstische Kulissenhaftigkeit, die er in seinen Bildern bloßlegt. Eine Geisterwelt, hinter der man besser nicht schaut“, schrieb Freddy Langer kürzlich über Liebchens Bilderfolge. „DO NOT BLOCK INTERSECTION“ ist irgendwo auf einem Verkehrsschild zu lesen. Präziser ist die soziologisch gefärbte Beobachtungsgabe des Fotografen wohl nicht zu fassen.

Einen zukunftsweisenden Blick gewähren schließlich die Fotografien von Oliver Sieber. Seine in Los Angeles entstandene Bildserie versteht der in Düsseldorf lebende Fotograf nämlich als Teil der Langzeitstudie „Imaginery Club“, die die Frage nach Identität dezidiert aus einer Perspektive der Jugendkultur verhandelt. Die kollektive identifikatorische Rückbindung, wie sie im Zeitbild der La Brea-Aufnahme idealtypisch für die Coolness-Kultur des amerikanischen Westens zum Ausdruck kommt, überführt er hierbei auf eine globale Ebene. Sieber erkundete in Los Angeles die subkulturellen Milieus der Stadt, besuchte Clubs, Konzerte und illegale Partys und dokumentierte die anonymen Örtlichkeiten in Schwarzweiß. Diesen Aufnahmen stellt er klassische Farbportraits von Menschen gegenüber, die ihre Identität bewusst durch Stilcodes definieren, um so ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe und gleichzeitig ihre Abgrenzung vom Mainstream zu demonstrieren. Ihre Hautfarbe, ihre Herkunft scheinen nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Sieber fand seine Protagonisten in allen Städten der westlich geprägten Konsumwelt, doch für die Megacity Los Angeles, die in ihrer Geschichte gleich mehrfach von Migrationswellen überrollt worden ist, trifft der universalistische Blickwinkel besonders zu. Ein Trost, denn vielleicht liegt hierin eine Essenz für die Zukunft. Alle finden sich in Los Angeles, Los Angeles findet sich überall.

Christoph Schaden, 2010

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