jens Liebchen

Normality in Reverse

Wir alle sind ikonischer Natur. Auch dann, wenn wir es vergessen haben.

Gottfried Boehm

 

Der vorliegende Band vereint 78 Bilder. Die Verstörung, die sie hervorrufen, resultiert aus einer schriftlichen Angabe, die sich am Ende des Buches vermerkt findet. Wenn man den wenigen Sätzen Glauben schenken darf, handelt sich hierbei um eine Selbstauskunft des Autors. Aus ihr geht hervor, dass die Entstehung dieser Bilder einer individuellen Fluchtbewegung zu verdanken sei. Tsukuba / Narita / 2011.03.13 heißt es im Titel. Ein Tagesdatum wird genannt,  außerdem zwei japanische Ortschaften, die offensichtlich den Anfangs- und den Endpunkt jener erzwungenen Reise markieren, welche an einem frühen Sonntagmorgentag im Frühjahr 2011 in einem Linienbus erfolgte. Hierbei seien die Bilder entstanden, vermittelt uns das geschriebene Wort. Die Sonne hat geschienen und der Bus soll pünktlich abgefahren sein. Wie gewöhnlich, heißt es, „in time as usual“. Das Ziel, der internationale Flughafen Narita, wurde erreicht. Kein Grund zur Unruhe. Wenngleich die Medien –man erinnert sich – in jenen Tagen Beunruhigendes zu übermitteln wussten. „Brutale Bilder“, wie sie es selbst nannten.

Wie wir wissen, hat die Welt die katastrophalen Ereignisse in Japan regelrecht als Apokalypse zu begreifen versucht. Nicht ohne Grund verwendete sie eine immergleiche Begriffstriade, die als Fanal gedeutet wurde: Erdbeben | Tsunami | Atomarer Supergau. Immergleiche Bilder auf den Fernsehkanälen boten hierzu die suggestive Folie, um die schockierenden Naturereignisse gleichsam ins globale Gedächtnis der Menschheit einzubrennen. Dennoch fiel die Rezeption in den verschiedenen Kulturen und Nationen alles andere als einheitlich aus. Während die Bilder für manche einen biblisch mahnenden Appell bereithielten, bildeten sie für andere ein bedrohliches Dokument des Zweifels, den es mit allen Mitteln zu unterdrücken galt. Gemein war ihnen nur eins: Das Postulat, es gehe diesmal um alles.

Die Disposition, die Jens Liebchen in den Tagen unmittelbar nach der Katastrophe in ein visuelles Konzept überführte, könnte in ihrer Ungeklärtheit also kaum eindeutiger sein. Was bei der Lektüre des Buches erstaunlicherweise zur Folge hat, dass die Bilder im Gegenzug umso nachdrücklicher nach einem Standpunkt, einer Haltung oder zumindest einer Perspektive verlangen. Mit Kalkül scheint Tsukuba / Narita / 2011.03.13 die hohe Erwartungshaltung durch eine transparente Struktur einzulösen. Gerade weil sich die Bilder im klassischen Sinne eines Roadmovie durch Zeit und Raum auf ein Ziel hin bewegen, generieren sie Sinn. Wenn auf der linearen Textur mitunter Seitenblicke die Szenerie des Weges erhellen, zählt dies zweifellos zu den konventionellen Erkenntnisstrategien des Konzepts. Die dialektische Form ist uns also aufs Beste vertraut. Dennoch bleibt die Forderung nach einer Aussage seltsam unerfüllt und man darf fragen, warum.

Gewiss ist, dass sich das Wesen der Bilder in einem doppelten deiktischen Impuls offenbart. Einmal scheint ihnen ein Gestus des Zeigens eingeschrieben, indem sie auf etwas außerhalb ihrer selbst verweisen, sei es auf ein Ereignis, eine innere Vision oder auch eine Landschaft. Auch den fotografischen Bildern von Jens Liebchen ist ein solcher Wille zur Behauptung eigen. Was besagt, dass es an jenem frühen Sonntagmorgen im März 2011 so und eben nicht anders gewesen sei. Genau damals, genau dort. Folglich mag man den Bildern die Funktion eines visuellen Belegs zuweisen und ihnen jenen Behauptungswillen bescheinigen, mit dem sich stets ein Aspekt von Wirklichkeit verbindet, dem in Zeiten der Verunsicherung vermehrt Glauben geschenkt werden will.

Freilich bleibt die Lektüre weiter mit einem Unbehagen verbunden. Was nur bedingt damit zu tun hat, dass sie in der Rückprojektion ebenfalls unbewältigt bleibt. Ihr Referenzwert ist offenkundig in jener Erinnerungszone zu suchen, in der eine medialisierte Katastrophe längst zu einem kollektiven inneren Vorstellungsbild mutiert ist. Zu diesem Image stehen die Pictures von Jens Liebchen offensichtlich in Opposition, weil sie vehement Relikte des Alltags in den Blick nehmen, die einer Öffentlichkeit in der medialen Berichterstattung vorenthalten wurden. Dieser kompensatorische Blick richtet sich leicht erhöht von der Straße auf die Straße und die umgebenden Alltagsszenerien. Für diejenigen, die das Wesen der Bilder kategorisch einbetten wollen, hält die Bilderfolge dabei mehrere Anknüpfungspunkte bereit. Man mag an die Street Photography denken,, auch an das Erbe der New Color, aber das hilft wenig. Ab und an schiebt sich eine Reflektion des Busfensters ins Motiv, was in Erinnerung ruft, dass die Blicke in diesem Buch zu ihren fokussierten Motiven eine Distanz bewahren. Eine Distanz, die unüberwindlich scheint. Ebenso wenig kann sich der Sinn der Bilder darin erschöpfen, als Gegenbild zu fungieren. Dazu sind die einzelnen Motive wiederum zu unspektakulär. Die Horizonte wurden zumeist subtil gekippt und auch die anderen bildrhetorischen Mittel zu sehr auf eine Fragilität hin angelegt. Sie verdeutlichen, dass die 78 Bilder nichts beweisen wollen. Vielmehr lösen sie etwas aus, was dem Beharren des Dokumentarischen zuwider läuft.

Stets bedürfen Bilder auch eines Akts der Selbstvergewisserung. Hierin liegt ein zweiter Impuls. Indem sie sich zeigen und angeschaut werden wollen, belegen sie in der Anschauung erst ihre Existenz. Bilder behaupten also eine Welt und werden zugleich Teil von ihr, sie werden gleichsam wahr. Was im Fall des vorliegenden Buches bedeuten mag, dass sie hierin beharrend überdauern und zugleich signalisieren, auch künftig abrufbar zu sein. Insofern ist den Bildern ein verdeckter zeitlicher Code mitgegeben. Ein Code, der bei der Lektüre umso relevanter wird, wenn der analysierende Blick ins Wanken gerät. Wie werden wir heute gelesen?, fragen die Bilder mit leisem Ton. Wie werden wir morgen von euch wahrgenommen? Und was wird in uns erkannt werden?

Wie beiläufig eröffnen sich bei dem Studium der Bilder die einzelnen Details, und ebenso beiläufig eröffnen sich mit ihnen die Zweifel und Fragen. Zündelte da wirklich ein Lagerfeuer? Waren die Ackerböden bereits kontaminiert? Überdeckten die blauen Planen die Bruchstellen des Bebens? Trug die Frau einen Mundschutz etwa zur atomaren Prävention? Herrschte an jenem Sonntagmorgen schon Benzinmangel, sodass Tankstellen geschlossen bleiben mussten? Warum die vielen leeren Parkplätze? Und aus welchen Gründen war ein 24-Hours-Fastfood-Store nicht geöffnet? Man diagnostiziert allenthalben eine Menschenleere, doch auch das bleibt nicht fraglos. Bildete sie lediglich ein Zeugnis der Erholung an einem arbeitsfreien Tag oder verharrten die Bewohner aus Angst in ihren Häusern aus?

Zwangsläufig werden Europäern die basalen Informationswerte entzogen, die im globalen Kulturabgleich ein mühsam errungenes Konstrukt von Normalität gewähren. Es hilft nicht, wir wissen nicht, wir bleiben außen vor, könnte man die ernüchternde Essenz des Buches umschreiben. Ursprünglich sollte es „Normality in Reverse“ heißen. Ein Titel, der den Fokus bewusst auf die Umkehrung der Verhältnisse und letztlich wieder auf die Autor wirft. Denn bis zuletzt bleibt ungewiss, ob die versammelten Blicke einer westlich verankerten Paranoia geschuldet sind oder doch einer Wachsamkeit, die im Notfall das physische Überleben eines Einzelnen zu sichern half. Einmal mehr versagen die Beurteilungskriterien, einmal mehr bewahrt das Druckwerk seine verstörende Balance. Die 78 Bilder von Jens Liebchen verdanken sich einem künstlerischen Skeptizismus, der sich selbst nicht ausnimmt. Sie unterlaufen in der Anschauung auf virtuos vielschichtige Weise ein Dilemma des Erkennens, das uns auch zukünftig betreffen wird. Auch wenn an jenem 13. März 2011 zwischen Tsukuba und Narita die Sonne geschienen hat.

Christoph Schaden, im Mai 2011

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